Ich bin maskulin, auch mit Schminke und im Rock

In unserer "Das bin ich"-Kolumne schreiben Menschen über ihre Suche nach passenden Räumen. Hier: Shoshana-Saide Wegfraß über seine trans Maskulinität. Ich bin trans. Ich hatte schon als Kind das Gefühl kein Mädchen zu sein. Aber wer ich stattdessen bin, habe ich erst in den letzten Jahren durch das Internet gelernt. Ich bin eines von sechs Kindern, meine Mutter hatte vor mir nur Söhne und wünschte sich so sehr ein Mädchen - und war dann so stolz und so glücklich endlich dieses Kind in den Händen halten zu können, mich. Augenscheinlich ein kleines süßes Mädchen. Sie steckte mich in Kleidchen und Lackschühchen, ließ meine Haare lang wachsen, um sie dann zu frisieren. Zeigte überall meine Fotos herum, kaufte mir Puppen. Ach was war sie stolz. All diese viel zu großen T-Shirts, Pullover, Hosen, Turnschuhe. Ich fühlte mich frei in ihnen. Aber ich fühlte mich wie in eine falsche Rolle gedrückt, verkleidet. Das war einfach nicht ich, so wollte ich nicht sein und gesehen werden. Ich fühlte, dass ich kein Mädchen war und konnte mit dem Leben, das man von mir erwartete, nichts anfangen. Sehnsüchtig und neidisch blickte ich immer wieder zu meinen Brüdern und ihren Freunden. Meine Wut, Trauer und Verzweiflung wuchs mit den Jahren in mir. Heimlich schnitt ich mir meine langen Haare ab, tat so als wäre es nur ein „Unfall“ gewesen. Ich nahm mir die Kleidung meiner Brüder. All diese viel zu großen T-Shirts, Pullover, Hosen, Turnschuhe. Ich fühlte mich frei in ihnen. Endlich sah ich mich selbst im Spiegel. In meiner Kindheit hatte ich wenig Freund*innen, mit den anderen Mädchen fühlte ich mich falsch, wie ein Hochstapler. Bei den Jungs allerdings wollte ich dazu gehören, hätte mir nichts sehnlicher gewünscht als mit ihnen zusammen wild zu raufen, Fußball zu spielen, Pokemon-Karten zu tauschen...einer von ihnen zu sein. Aber sie schlossen mich aus. Ich gehörte nicht dazu, weder auf der einen, noch auf der anderen Seite. Mit der Zeit versuchte ich, mich mal mehr und mal weniger stark anzupassen, begab mich in die feminine und auch mal in die maskuline Rolle. Glücklich war ich mit beidem nicht - ich dachte, ich müsste mich entscheiden, es gebe entweder nur das eine oder das andere. Die festen Rollenbilder für Männer und Frauen, mit denen ich aufwuchs, prägten mich zu einem großen Stück. Leider. Ich hatte keine Vorbilder, die mir etwas anderes zeigten, obwohl ich in dem doch so freien, queeren und alternativen Berlin groß wurde. Erst indem ich mich in meiner Jugend als bisexuell outete, konnte ich auf Menschen treffen, die so waren wie ich. Die LGBTQ+ Community. Ich bin auch noch trans genug, wenn ich keine Hormone nehme. Ich darf zögern und unentschlossen sein. Über die nächsten Jahre vernetze ich mich in der Community, wurde freier, probierte mich aus, stieß online auf Videos von trans Menschen und fand mich wieder. Ich sah mich. Ich sah wer ich bin. Ich bin trans. Ich bin non.binär. Ich bin trans maskulin, keine cis Frau, aber auch kein binärer trans Mann. Ich bin auch noch trans genug, wenn ich lange Haare habe und erst mal - egal aus welchen Gründen - keine Operationen möchte. Ich bin auch noch trans genug, wenn ich keine Hormone nehme - auch wenn ich mir das manchmal wünsche und mein Körper sich noch nicht ganz richtig für mich anfühlt. Ich darf zögern und unentschlossen sein. Ich bin auch noch trans genug, wenn ich mich schminken möchte, wenn ich Glitzer mag und manchmal Röcke trage. Das alles ändert nichts daran, dass ich maskulin bin. Und genau das musste ich lernen, um mich selbst so anzunehmen wie ich bin, wer ich bin. Männer, die sich schminken, sich die Nägel lackieren, Röcke und bunte Farben tragen und keinen Bart Oft fühlte ich mich weder genug gesehen, noch repräsentiert. Ich habe mich so lange so falsch gefühlt, nicht trans genug, aber auch nicht cis. Nicht männlich genug, aber auf jeden Fall nicht weiblich. Ich wusste nicht wohin mit mir, bis ich endlich Rollenvorbilder für mich gefunden habe: Queere Männer, bisexuelle und homosexuelle Männer, trans Männer, non-binäre Menschen, die völlig neu definieren, was Männlichkeit oder auch Weiblichkeit eigentlich beutetet und wie sie aussieht. Es sind Männer, die sich schminken, sich die Nägel lackieren, Röcke und bunte Farben tragen und keinen Bart. Dort bin ich angekommen. Unter ihnen fühle ich mich endlich richtig. So wichtig kann die vielfältige Repräsentation sein - also die Darstellung von Leben und Körpern außerhalb der festen Rollenbilder von Männern und Frauen, außerhalb des Binären. Das hilf nicht nur mir, nicht nur queeren Menschen, nicht nur unserer Community. Es hilft allen Menschen, die auf einer Reise sind, sich selbst zu finden und von der Mehrheit der Gesellschaft im Stich gelassen werden. Es war Zeit für mich aus diesem Rahmen heraus zu brechen. Ich bin trans non-binär und meine Pronomen sind he/they.

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