ADHS, Arbeit und Achtsamkeit

Wie ich in der Selbständigkeit eine erste Balance gefunden habe Ich habe Mitte Dezember zusammen mit meiner Projektpartnerin Anna Lisicki-Hehn ein Crowdfunding auf Startnext gestartet - darum ist hier so lange nichts passiert. Wir haben in den vergangenen vier Monaten ein modernes Freund*innenbuch gestaltet: Meine Crew - Ein Buch für Lieblingsmenschen und Mutgefühle. Es feiert Vielfalt, fördert den Umgang mit Gefühlen und ermutigt Kinder, die Welt mitzugestalten. Dabei hatte ich 2021 gar nicht damit gerechnet, dass ich ein Kinderbuch machen oder ein Crowdfunding starten würde. Es war eine spontane Idee, die sich aus einer Notwendigkeit heraus ergab: Ich hatte nämlich Anfang August ein Freund*innenbuch für mein Kind gesucht, das ich ihm zur Einschulung schenken wollte. Ich zog mit einer Vorstellung im Kopf durch Bücherläden, recherchierte im Internet und befragte am Ende auch meine Community auf Instagram - denn ich konnte einfach kein Freund*innenbuch finden, das mir gefiel und das wichtige Fragen über Gefühle und Beziehungen stellte statt "Was willst du später werden?" oder "Welche Augenfarbe hast du?". Es gab noch einige andere Aspekte, die mir in den üblichen Freund*innenbüchern nicht gefielen. Also beschloss ich kurzerhand, es selbst zu machen. Machen liegt in meiner Natur Ich war noch nie ein Mensch, der sich zu sehr an Strukturen orientieren konnte. Als in der Schule zum Beispiel meine Klassenkamerad*innen während der 11. Klasse ein Austauschjahr machten, organisierte ich mir meines als Billigvariante einfach selbst. Wir hatten keine 10.000 Euro, sondern 500 - das musste reichen. Also vermittelte ich zwischen meiner Schule und einer Schule in Westfrankreich, übersetzte Dokumente und organisierte mir eine Gastfamilie, der ich nur 200 Euro pro Monat fürs Essen bezahlen musste. So konnte ich dort immerhin zwei Monate eine Lycée besuchen. Im Studium organisierte ich mir mein Erasmus-Jahr an genau der Uni in Irland selbst, die ich für richtig hielt statt an einer Partner-Uni der Hochschule und als ich im sechsten Semester mit Baby zurück an meine Hochschule kam, ließ ich dort den ersten Baby-Betreuungs-Raum einrichten. Strukturen zu verändern braucht gewisse Ressourcen - Zeit, Kraft, Geld, Normschönheit, Geduld, tatkräftige Unterstützung - je nachdem... Man muss Grenzen verschieben und Menschen davon überzeugen, dass das eine gute Idee ist. Ich konnte im Laufe meines Lebens immer wieder kleinere Strukturen verändern, das war für mich auch immer sehr befriedigend und selbstermächtigend. Ich machte zu lange und zu viel das, was mir Kraft raubte Das Gegenteil davon war für mich ein Boreout. Wer Strukturen nicht auf die eigenen Bedürfnisse anpassen kann, brennt auf lange Sicht aus. Da hilft auch jedes Resilienz-Training nichts - davon bin ich überzeugt. Bevor ich selbständig wurde, hatte ich vier Jahre bei einer Zeitung gearbeitet, in der ich zu meinen Bedingungen nichts bewegen konnte. Ich war damals alleinerziehend und noch nicht im Wechselmodell, habe in Teilzeit gearbeitet und landete - natürlich - auf dem Abstellgleis. Zwei Jahre lang hatte ich dort versucht, meine Arbeitsstrukturen so zu verändern, dass sie zu mir passten - vergeblich. Anfang 2019 saß ich weinend beim Hausarzt und wiederholte ständig, dass ich nicht mehr konnte. Ich machte zu lange und zu viel das, was mir Kraft raubte und so gut wie niemals Kraft zurückgab. Ich wurde von den Strukturen zermalmt. Mein Hausarzt sagte, es sei ein Burnout. Meine damalige Therapeutin sagte, es sei eine depressive Episode und meine Frauenärztin sagte, es sei eine Hormonstörung. Ich sage, es war das System. Heute weiß ich, dass meine Neurodiversität eine erheblichen Einfluss auf mein Arbeitsleben hat. Bevor ich Journalismus studierte, steckte ich in einem dualen Studium bei der Rentenversicherung fest. Ich fand die Arbeit mit den Akten öde und ermüdend, aber versuchte vernünftig zu sein, dagegen anzukämpfen und schleppte mich weiter hin. Bis ich eines morgens nicht mehr aufstehen konnte, weil mir so schwindelig war, dass ich nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Der Schwindel dauerte zwei Tage. Danach brach ich das Studium endlich ab und studierte nicht mehr nach Vernunft, sondern nach Interesse - was mit viel Kraftanstrengung, Arbeit und Glück funktionierte und sich als äußerst vernünftig herausgestellt hat. Auch wenn ich die Bafög-Schulden immer noch abbezahlen muss. Ich glaube nicht, dass man Durchhalten übt, indem man sich "einfach zwingt", Dinge durchzuhalten. Mein Körper hat schon immer extrem auf meine Psyche reagiert und meine Psyche war auch nie das stille Wasser, sondern eher der reißende Fluss. Als ich ein Kind war, sagte meine Mutter, ich sei entweder himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. Ich war das anstrengende Kind, das man auf eine Sportschule schickte und zusätzlich in Sportvereine, um es beschäftigt zu halten. Immerhin. Dafür bin ich dankbar! Meine alleinerziehende Mutter hat immer versucht, mir all meine Einfälle und Sehnsüchte zu ermöglichen - und davon gab es jede Menge. Das bedeutete aber auch, dass ich das meiste nicht zu Ende brachte. Ich spielte Gitarre und Fußball im Verein, nahm Reitunterricht, Ballettstunden, Judo-Unterricht und war im Basketball-Verein. Ich war Cheerleaderin, wollte Programmieren lernen und meldete mich sogar einmal selbständig in einem Internat an - meine Mutter wunderte sich nicht großartig über den Anruf der Internatsschule und lachte den Schulleiter aus als er ihr von den Schulgebühren erzählte. Ich wechselte mit 14 selbständig die Schule, weil ich auf meiner Oberschule damals nicht mehr glücklich war. Ich wählte direkt einen anderen Bezirk. Meine Mutter unterschrieb immer fleißig, wenn es nichts kostete. Ich könnte nun bei der Aussage bleiben, dass ich nichts zu Ende brachte. Aber stattdessen bin ich dankbar für alles, was ich schon in jungen Jahren erlebt habe. Aber im Arbeitsleben kommt es nicht nur auf wilde Ideen und den ersten Motivationsschub an, sondern eben manchmal doch auf das Durchhalten. Aber mal von den Lebensumständen abgesehen: Ich glaube nicht, dass man Durchhalten übt, indem man sich "einfach zwingt", Dinge durchzuhalten. Sich zuhören und Angebote machen Der Trick war für mich, mir selbst zuzuhören und mir schließlich Angebote zu machen, die mir beim Durchhalten helfen könnten. Das habe ich erst gelernt, als ich vor drei Jahren selbständig geworden bin. Ich musste lernen, mich zu organisieren, denn ich merkte schnell, dass ich Aufgaben aufschob, bis sie extrem dringlich wurden. Dann arbeitete ich gestresst Tage und Nächte durch, um Deadlines einzuhalten. Und dieses Leben in Extremen fühlte sich plötzlich gar nicht mehr gut an. Weil es um meine Existenz ging und ich ständig wieder Panik hatte, meine Arbeit nicht zu schaffen und keine Aufträge mehr zu bekommen. Schließlich verdiene ich allein das Geld in unserem Haushalt. Ich wusste, dass diese Selbständigkeit ein langfristiges Projekt sein sollte - ich wollte mir da etwas aufbauen - und entsprechend musste auch meine Arbeitsweise nachhaltig gestaltet werden. Meine Aufgabe lautete also: Wege finden mit meiner stürmischen Natur zu arbeiten - ohne in ein nächstes Loch zu rutschen. Eine Lösung à la "9-to-5-Job" ist für mich nicht sinnvoll. Ich habe gute Tage und schlechte - und sehr schlechte. Manchmal kann ich mich gut konzentrieren, manchmal nicht. Manche Aufgaben motivieren mich extrem, durch andere müsste ich mich theoretisch durchquälen. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um die Signale meines Körpers zu entdecken, richtig interpretieren zu können und mich zu trauen, auf sie zu hören - wenn es möglich ist, denn auch in meinem Leben kommen Dinge dazwischen, die ich nicht kontrollieren kann. Was mir gut tut Ich habe gelernt, meine Freizeit zu planen, weil sie ein wichtiger Teil meiner Lebensbalance ist. Um in Balance zu bleiben, brauche ich ein bis zwei Dates mit Freund*innen und zwei bis drei Mal Sport in der Woche - das habe ich durch zwei Jahre des Herumprobierens und des Nachfühlens herausgefunden. Und ich brauche eine Uhrzeit am Nachmittag, zu der ich die Arbeit beende - meine eigene Deadline quasi. Denn dann bleibt keine Zeit fürs ewige Aufschieben der Aufgaben bis in den Abend hinein - was für manche durchaus funktionieren kann, aber ich arbeite abends nicht gut, ich bin Frühaufsteherin. Ich brauche auch manchmal Aufträge, die mich nicht erfüllen, aber die Geld in die Kasse bringen. Weil ich sonst am Ende des Monats nur noch am Taschenrechner hänge und all meine mentalen Kapazitäten ständig beim Geld stecken. Es gibt Phasen, in denen ich Medikamente nehme, um Arbeit erledigen zu können. Und es gibt Phasen, in denen mein Körper es selbst schafft - etwa weil mich die Aufgaben und/oder die Aussicht genug mental stimulieren. Wenn ich beispielsweise viel Bürokram erledigen muss, nehme ich lieber die Medikamente statt zu Prokrastinieren. Früher hasste ich Routinen, heute brauche ich sie Ich dachte immer, ich wäre kein Fan von Struktur und Routine. "Ich hasse Routine", habe ich früher immer gesagt. Ich hasste das Planen und Planer selbst. Und natürlich habe ich sie gehasst, weil die Routinen, Pläne und Arbeitsweisen damals überhaupt nicht zu mir passten und mich anstrengten, statt mir durch den Tag zu helfen. Heute kann ich sagen: "Ich brauche Struktur und Routinen" - meine Struktur und meine Routinen. Ich brauche Planer - schon allein, weil ich sonst ständig etwas vergesse. All die Hilfsmittel sind nicht mehr und nicht weniger als kleine Tricks und Kniffe, die mich unterstützen und entstanden sind, weil ich achtsam mit mir umgegangen bin und weil glücklicherweise die nötigen Ressourcen hatte. Diese Geschichte ist kein Happy End, sondern ein Ist-Zustand Meine bisherigen Routinen sind nicht perfekt und ich falle auch immer wieder aus ihnen heraus, muss sie mir neu erarbeiten, manchmal auch anpassen. Eine erste Balance zu finden bedeutete für mich, dass es jetzt gut ist - so gut, wie ich es mir eben einrichten kann. Die Balance bleibt nicht von alleine, sondern ist etwas, dass ich ständig anstrebe. Balance ist nicht extrem, sondern eine Gratwanderung, ein Drahtseilakt. Und es ist schön, wenn ich auf dem Seil stehe mit all meinem Gepäck und den Dingen, die ich jetzt nunmal nicht ändern kann. Bis ich wieder herunterfalle, das wird wohl immer dazugehören. Hier "Meine Crew" noch bis zum 15.01.2022 vorbestellen. ___STEADY_PAYWALL___

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