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How To: Aufräumen als neurodiverse Person

How To: Aufräumen als neurodiverse Person

Jasmin hat für euch "Aufräumen für Faule" getestet und verrät die besten Tipps Ich bin ein sehr unordentlicher Mensch. Das war ich schon als Kind. Meine ordnungsliebende Mutter hatte sehr damit zu kämpfen. Ich ließ alles, was ich nicht mehr brauchte, achtlos an Ort und Stelle liegen. Versuche meiner Mutter mir den Sinn für Ordnung beizubringen scheiterten kläglich. In meiner Jugend wurde es noch schlimmer, da ich als “authentische Punkerin” Ordnung als Verrat empfand - oder vielleicht war es für mich auch nur eine Erklärung für meine eigene Unordnung. Später in Berlin zog ich so oft um, dass ich nie daran dachte, es mir schön zu machen, geschweige denn Ordnung zu halten. Erst mit meiner Schwangerschaft begann sich langsam etwas zu ändern: Nach der Geburt meiner Tochter und der Trennung von ihrem Vater wollte ich es uns so schön wie möglich machen. Ich wollte meinen eigenen Wohnstil finden. Als ich in meiner Heimatstadt eine helle Drei-Zimmer-Wohnung für uns anmietete, begann ich, die Einrichtung zu planen. Ich wollte von nun an mehr Ordnung halten, ich wollte eine schöne Wohnung, mich wohl fühlen. Als ich Ordnung halten wollte fiel mir auf, wie schwer das für mich war Ich glaube, da ist mir zum ersten Mal so richtig aufgefallen, dass ich nicht immer kann, wie ich will. Dass ich oft nicht die Kraft hatte, etwas gerade Benutztes wieder an seinen Platz zu räumen. Dass ich sehe, dass ich nur mal eben schnell staubsaugen müsste, es aber nicht schaffe, was mich frustriert, wodurch ich noch gelähmter werde. Zu dieser Zeit habe ich nicht verstanden, woran das liegen könnte und ich denke heute, dass es mit einer der Gründe war, mich diagnostizieren zu lassen. Ich verstand einfach nicht, was falsch lief. Aber ich verstand, dass je mehr ich meine Wohnung einrichtete, wie sie mir gefällt, desto leichter fiel es mir, die Ordnung zumindest regelmäßig wieder herzustellen - wenn ich sie schon nicht halten kann. Also tat ich , was mein Gehirn am besten kann; ich richtete meinen Hyperfokus auf Einrichtung und Dekoration. Als ich während der Pandemie in meine Traumwohnung umzog, verstärkte sich der Drang, meine Wohnung schön einzurichten. Ich hatte das Gefühl, endlich im Erwachsenenleben angekommen zu sein. Und es stimmt: Seit ich die Einrichtung und Dekoration meiner Wohnung und das Konzipieren der einzelnen Räume als Hobby ansehe, fällt es mir leichter, Ordnung zu halten. Ich empfinde Ruhe und Zufriedenheit, wenn es ordentlich ist Aber leider verstärkten sich durch den Lockdown und die Einsamkeit auch Depressionen und alte Muster. Ich begann, meine Wohnung zu vernachlässigen. Denn ich habe gelernt, der gute Wille allein reicht nicht, wenn du von Depressionen und einer Störung der “executive function” betroffen bist - das sind geistige Prozesse, die das Verhalten, die Aufmerksamkeit und die Gefühle gezielt steuern. Trotzdem wollte und will ich Verantwortung für mich selbst und meine Lebenssituation übernehmen. Denn auch, wenn ich gerne eine “instagrammable” Wohnung zeige, geht es mir primär darum, mich in meiner Umgebung wohl zu fühlen. Selbst wenn es nicht so aussehen mag, ich fühle mich am wohlsten, wenn alles seine Ordnung hat und schön angerichtet ist. Nicht (nur) wegen der Wirkung nach außen, sondern wegen der Ruhe und Zufriedenheit , die ich dann empfinde. Also begann ich zu recherchieren, wie ich den Berg besteigen kann, ohne am ersten Schritt zu verzweifeln. Ich habe mir Unterstützung geholt: “Aufräumen für Faule” von Rachel Hoffmann Bei meiner Suche nach Unterstützung bin ich auf das Buch “Aufräumen für Faule” von Rachel Hoffmann gestoßen. Der Titel des Buches lässt vermuten, dass das Buch einen anschreit: "Los! Bekomm' deinen faulen Hintern hoch und räum' auf”, aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist einfühlsam geschrieben, berücksichtigt Behinderung, ja sogar psychische und chronische körperliche Krankheiten. Besonders gut haben mir die Mini-Challenges gefallen, wie etwa “Suche dir einen Platz in deiner Wohnung und räume genau 5 Dinge weg”. Okay, los geht's: Man kommt dann schnell in den Flow und räumt tatsächlich auch die restlichen Dinge weg. Ein weiterer Tipp: “ Wenn du nicht aus dem Bett/ der Couch hoch kommst, dann suche dir die Stelle, die dir am nächsten ist und stelle einen Timer auf 5 Minuten. Räume dort auf, bis der Timer klingelt und lege dich danach wieder hin”. Als wüsste sie genau, in welcher Lage ich mich gerade befinde! Die Autorin betont im Buch, dass sie mit umsetzbaren Zielen arbeiten möchte, damit der/die Leser*in sich nicht selbst zum Scheitern verurteilt. Auch der Prozess des “Decluttering” also des Loswerdens von Dingen, die nicht benutzt werden und nur Platz wegnehmen spielt eine große Rolle. Das Buch endet mit dem Tipp, sich nicht dafür zu schämen, Hilfe zu brauchen und sie sich auch zu holen. Ich nehme die Hilfe meines Partners und meiner Mutter mittlerweile dankend an, denn nein, ich schaffe das nicht immer alleine. Fazit: einfühlsame Unterstützung, aber aufräumen muss man trotzdem noch Klar, aufräumen kann das Buch nicht für mich, das muss ich leider immer noch selbst tun. Aber es ist sehr einfühlsam geschrieben und gerade für Menschen, die Probleme damit haben, überhaupt anzufangen, hat es wertvolle Tipps. Und weil eine Followerin bei mir einmal kommentiert hat, dass sie nur eine größere Wohnung bräuchte, um Ordnung zu halten, noch ein Fazit von mir: Eine größere Wohnung bietet am Ende des Tage nur mehr Platz für mehr Chaos. Ich spreche aus Erfahrung, denn ich habe auch mal so gedacht. Aber ob 56 qm in Berlin oder 120 qm in der Heimat, ordentlicher bin ich mit Größe der Wohnung nicht geworden. Nur mit Änderung meiner Einstellung und Strategien, die für mich funktionieren. Seid nicht so hart zu euch selbst, feiert die kleinen Erfolge, wie zum Beispiel, wenn ihr es schafft, heute die Spülmaschine aus- oder einzuräumen. ___STEADY_PAYWALL___

31 Dinge, die ich in 31 Jahren gelernt habe

31 Dinge, die ich in 31 Jahren gelernt habe

Anne feiert ihren 31. Geburtstag und verrät, was sie bis hier hin weiß. Wow. Das letzte Jahr ist unglaublich schnell vergangen. Ich hatte doch gerade erst meinen runden Geburtstag - happy 30! Und nun sind es schon 31. Dass die Zeit im Pandemie-Jahr so verfliegt, liege daran, dass man weniger erlebt hat als normal. Dadurch haben wir weniger hervorstechende Erinnerungen an das vergangene Jahr und die Zeit scheint schnell vergangen zu sein. Das habe ich irgendwann in den vergangenen 12 Monaten irgendwo gelesen. Aber obwohl ich mich kaum an das Jahr erinnern kann, habe ich doch weiterhin viel über mich gelernt. Meine 31 wichtigsten Learnings aus 31 Lebensjahren: 1. Gefühle sind immer valide Ich darf auf meine Wahrnehmung vertrauen. Wie befreiend ist das bitte? Wenn ich sauer oder traurig bin, dann muss ich mich dafür nicht verurteilen oder hinterfragen, ob ich jetzt das Recht dazu habe. Nein! Gefühle sind Anarchisten. Sie pfeifen auf gesellschaftliche Normen und Erwartungen - und oft auch auf das, was wir zu wollen glauben. Sie sind wie eine liebevoll strenge Mutter und komplett nur für uns da - toll oder? 2. Meine Gefühle sagen nichts über andere Menschen aus Ein wichtiger Zusatz: Nur weil das Verhalten einer anderen Person mich sauer oder traurig macht, bedeutet das nicht automatisch, dass diese Person mir etwas schuldet - wie zum Beispiel, sich um mich zu kümmern oder bei mir zu entschuldigen. Es gibt eindeutige Situationen und es gibt Situationen, in denen sollte ich besser erstmal bei mir anfangen zu erforschen, warum mich ein Verhalten sauer oder traurig macht. Meine Interpretationen und meine Gedanken machen nämlich auch meine Gefühle. Man kann miteinander reden, um Klarheit zu schaffen. Meine Erfahrung: Wenn ich dann eine andere Person um Hilfe bitte, damit wir die Situation zusammen ändern können, macht sie das oft gerne und freiwillig. 3. Bubble Tea ist verdammt lecker. Dicke Empfehlung: Taro Coconut Latte (aus Kokosmilch) mit Tapioka-Perlen 4. Riesterrenten sind gar nicht so mies wie viele behaupten I know, Rente, langweilig oder? Genau. Das Ding ist: Wir müssen uns interessieren, weil uns leider Altersarmut droht. Fast hätte ich meine Riesterrente gekündigt, weil ich so viel Schlechtes gehört hatte und mich endlich sinnvoll um meine Finanzen kümmern will. Zum Glück habe ich noch mal ein paar Zahlen verglichen - dafür musste ich mich ein wenig in die Thematik einarbeiten - und festgestellt, dass diese Versicherungsvariante für Geringverdienener*innen und Alleineinerziehende gar nicht so übel ist. Und insbesondere ist sie eine sichere Kiste. Meine Riesterrente bleibt also bestehen. Noch wichtiger: Ich werde mich mehr mit dem Thema Finanzen beschäftigen - auch wenn ich aktuell nicht wirklich Geld zum Sparen habe. 5. Freund*innenschaften brauchen Komfort-Zonen und gegenseitiges Wohlwollen Fast alle meine Freund*innen sind politisch aktive Menschen. Würden wir uns und unsere privaten Handlungen gegenseitig genauso diskriminierungssensibel prüfen und diskutieren wie wir die öffentlichen Handlungen von Personen und Firmen prüfen und kritisieren, dann wären wir sicherlich nicht mehr lange befreundet. Natürlich: Das Private ist politisch. Und das bedeutet, dass wir uns als Menschen begreifen, die auf eine bestimmte Weise sozialisiert sind und eben vor allem dort zur Ruhe kommen, wo wir uns unserer aktuellen Sozialisierung entsprechend verhalten dürfen. Energie tanken. Dafür sind Freund*innenschaften wichtig - entspannen, Ich sein dürfen. Natürlich bis zu dem Punkt, wo die Freiheit der anderen beginnt. 6. Es gibt nicht die eine Wahrheit Und meine Aufgaben als Journalistin ist auch nicht, die Wahrheit zu finden und wiederzugeben. Meine Aufgabe ist, Menschen zu glauben - nicht immer das, was sie sagen, sondern manchmal auch das, was sie nicht sagen. 7. Ich leiste genug und bin genug. Andere auch Mir also selbst glauben, dass nicht mehr geht. Daran arbeite ich weiter. 8. Ich will meine eigene Mutterschaft nähren Um nicht vom deutschen Muttermythos aufgefressen zu werden, will ich meine ganz eigene Mutterschaft füllen mit meiner Persönlichkeit, meinen Ideen und Interessen und Fähigkeiten. Diese Mutterschaft kann mir gehören, wenn ich weiß, wie ich sie nutzen kann. 9. Unterm Strich ist das Leben mit Katzen besser als das Leben ohne Katzen 10. Der Sinn des Lebens ist das Streben nach Zufriedenheit Jede*n machen andere Dinge zufrieden. 11. Meine Zeit und meine Aufmerksamkeit sind wichtige Ressourcen Ich will mit beidem achtsam umgehen. 12. Ich brauche mehrmals pro Woche vor allem zwei Dinge, um körperlich und mental gesund zu bleiben: Sport und gute Gesellschaft Generell brauche ich eigentlich mehr Freizeit als mir Vollzeitarbeit inkl. Mutterschaft im Postkapitalismus ermöglichen will. 13. Durch Weinen werden keine Stresshormone aus dem Körper gespült Das ist ein Irrglaube, der zu einer Weltsicht passt, in der man den Körper "reinigen" kann. Aber der Körper ist weder dreckig, noch rein. Er ist vielmehr in Balance oder Dysbalance. Wir weinen nicht den Kummer heraus - dass wir uns nach dem Weinen trotzdem gut fühlen liegt an Oxytocin und Endorphinen, die der Körper freisetzt. Die Hormone sorgen für Wohlbefinden. 14. Dysbalance wird mit Y geschrieben. 15. Das Ende von Game of Thrones ist nicht gut (Spoiler!) Wenn eine Frau ihr Leben lang auf recht humane Weise darum kämpft, einen Thron zu besetzen, wird sie nicht im letzten Moment plötzlich alles zerstören. Immer noch WTF?! 16. Gewaltvolle Menschen sind oft ängstlich Ob es um Hass gegen Frauen geht, Narzissmus, plötzlich auftretende Bindungsangst oder Ghosting. Häufig stecken Ängste und Minderwertigkeitsgefühle dahinter. 17. Offenheit ist verdammt mutig 18. Umgewöhnung kostet Energie Vielleicht sind wir auch deswegen alle so müde seit der Pandemie? Corona hat unsere Leben auf den Kopf geworfen - plötzlich keine Treffen mehr mit Freund*innen, kein Vereinssport oder Fitnessstudio mehr, kein Wellness, kein Verreisen, keine Schule und Kita. Wir mussten ständig aufpassen und umorganisieren, ständig gab es neue Regeln. Und jetzt? Geht das alles wieder! Das heißt: Wieder raus aus den Gewohnheiten, die wir in den vergangenen 12 Monaten schaffen mussten. Für Gewohnheiten ist der Neurotransmitter Dopamin zuständig. Es sorgt dafür, dass wir Verhaltensweisen festigen und schließlich automatisieren, die unsere Bedürfnisse befriedigen. Das bedeutet für uns: Wir dürfen uns Zeit lassen. Kein Wunder, dass wir nicht alle sofort wieder in unsere Leben vor Corona hineinrutschen. 19. Die Grundlage von richtig guten Beziehungen: Sicherheit, etwas Reibung, den Raum zu wachsen Ich kenne laissez-faire Beziehungen, ich kenne toxische Beziehungen und ich kenne liebevolle Strenge. Als letztere bezeichne ich Beziehungen, in denen mir aktiv Sicherheit gegeben wird, aber auch gleichzeitig die Möglichkeit zum Wachsen. Man könnte es auch als Begleiten bezeichnen, allerdings merke ich, dass ich nicht nur eine neutrale Begleitung brauche, sondern auch das aktive Eingreifen, wenn ich gerade gegen mich selbst arbeite. Als ich letztes Jahr einen Monat lang mit Depressionen im Bett lag und "Die Nanny" durchgebingt habe, sagte eine Freundin am Telefon, dass ich sofort aufstehen und zu einem gewissen Einrichtungshaus fahren soll, um meine Küche besser zu organisieren (ich redete immer nur davon, das machen zu wollen) - sie blieb am Telefon, bis ich aus der Haustür war. Diese liebevolle und zugleich konstruktive Art des Eingreifens fühlt sich für mich persönlich gut an in Beziehungen. 20. Jasmin, die diesen Text vor Veröffentlichung gegenliest, ist eine große Süßmaus 21. Jungs alles über Vulvas und Vaginas zu erklären ist ein feministischer Akt gegen Sexismus und Misogynie Meine Buchempfehlung: Lina die Entdeckerin 22. Fernsehen verändert das Gehirn, lesen auch, spazieren gehen auch, chillen auch 23. Die Verbraucherzentrale rettet einem in Notfall sehr günstig den Arsch 24. Ich will mehr Geld verdienen 25. Einigermaßen selbstbestimmt zu arbeiten ist ein Regler für mentale Gesundheit 26. Ich sehne mich nicht immer nach den Dingen, die meine Sehnsucht befriedigen würden Das nennt sich Marketing im Kapitalismus. Für weitere Stichworte gehe zurück zu Punkt 11. 27. Therapie ist selfcare 28. Ein Leben mit Planer ist besser als ein Leben ohne Planer 29. Für Sachbücher von Feminist*innen gibt es nur drei Farben: Pink, Gelb und Orange 30. Ich will mehr Zeit für Beziehungen 31. Je älter ich werde, desto mehr lerne ich über mich selbst und desto mehr fühle ich mich wie ein verdammter Rockstar Aus diesem Grund will ich viel mehr von und über Frauen jenseits der 30 lesen, hören und gucken. Zugabe: Melonensalat! Oh ja.

"Der Vater meines Kindes wollte mich fertig machen"

"Der Vater meines Kindes wollte mich fertig machen"

Sarah (32) ging zwei Jahre lang durch einen Sorgerechtsstreit mit ihrem narzisstischen Ex. In unserer Serie "Kindeswohl" protokolliert Anne Dittmann die Erlebnisse von Müttern, die sich von einem gewalttätigen Ex-Partner trennen und versuchen sich und ihre Kinder zu schützen. Warum? Weil wir in Deutschland trotz Istanbul Konvention immer noch ein Problem mit Gewalt gegen Frauen haben. Insbesondere Trennungen sind ein Risikofaktor für Frauen. Und laut einem Alternativbericht des Bündnisses Istanbul Konvention sind Polizeibehörden, Gerichte und Jugendamt nicht zum Thema partnerschaftliche Gewalt geschult. Das führt dazu, dass sich die partnerschaftliche Gewalt in institutionelle Gewalt übersetzt, sobald gewaltbetroffene Mütter sich trennen. Denn: Institutionen stellen immer wieder keinen Gewaltschutz für Frauen und Kinder, sondern verhandeln stattdessen das Umgangsrecht der Täter - alles für das Kindeswohl. „Du bist ein dreckiges Bonzenmädchen“, stand auf meinem Handy-Display. Eine Nachricht von Armin (alle Namen von der Redaktion geändert). Er schrieb mir von Berlin aus, ich war mit einer Freundin in Australien. Fünf Wochen Urlaub, wir hatten lange im Voraus gebucht. Armin wollte, dass ich den Urlaub absage, weil ich im vierten Monat schwanger war. Aber das Geld hätten wir verloren, außerdem gab meine Frauenärztin grünes Licht und ich hatte mich schon darauf gefreut. Also flog ich. Und er schickte mir schreckliche Nachrichten hinterher, die jedes Gefühl von Freiheit und Ferne in mir erstickten. Als ich Armin vor drei Jahren erzählte, dass ich schwanger bin, wollte er zunächst nichts damit zu tun haben. Es sei nicht sein Kind und wenn doch, solle ich das erstmal beweisen. Eine klassische Panikreaktion, dachte ich. Wir hatten uns kurz vorher bei einem Promo-Job kennengelernt, schliefen ein paar Mal miteinander, hielten es ansonsten aber locker. Bei einer Affäre erwartet man voneinander nicht viel, erst recht keinen Nachwuchs. Aber ich wollte das Kind bekommen und Armin beruhigte sich. Ihm gefiel schließlich die Idee von sich selbst als guter Vater. Könnten wir eine Familie sein? Einen Versuch war es doch wert, für unser Kind, dachte ich. Also wurden wir ein Paar. Ich konnte nicht ahnen, was auf mich zukommen würde. Ich lebte in einem Wechsel aus Schock und Angst Als ich aus dem Urlaub zurückkehrte, fing der Psychoterror richtig an. Ich hatte Armin mein Auto in meiner Abwesenheit ausgeliehen, den Autoschlüssel drückte er einer fremden Person auf der Straße in die Hand, statt ihn in meinen Briefkasten zu werfen. Dann schickte er die Steuerfahndung zu mir, weil ich meine Wohnung während meiner Reise untervermietet hatte. Ich lebte in einem Wechsel aus Schock und Angst. Zumindest bekam ich sowohl eine Steuerrückzahlung als auch meine Autoschlüssel wieder. Zu Lillys Geburt bezahlte ich Armins Zugticket in meine Stadt, damit er dabei sein konnte. Ich dachte, es könnte auch für Lilly später wichtig werden zu wissen, dass ihr Vater da war. Armin wechselte am ersten Tag ihre Windeln – darin wäre er der allerbeste unter den jungen Vätern im Krankenhaus, sagte er. Danach kümmerte er sich nicht mehr. Je nach Laune war Lilly mal sein Kind, mal nicht. Der Umgang musste geklärt werden Als sie ein Jahr alt war, kam ein Schreiben vom Gericht: Armin forderte einen offiziellen Vaterschaftstest. Die Kosten von 1000 Euro musste ich bezahlen. Als dann alles klar war, drängte das Jugendamt: Der Umgang müsse geklärt werden. Mein kleines Kind schutzlos diesem Psychoterror aussetzen? Ich kann mich gegen ihn wehren, aber mein Kind doch nicht. Schon beim Gedanken daran, dass er Lilly bekommen könnte, schnürte sich mir der Hals zu. "Niemand außer mir sah, dass Armin mittlerweile launenhaft wechselte zwischen Liebesbekundungen an mich und Drohungen, mir die Hells Angels auf den Hals zu hetzen" Ich schlug der Mitarbeiterin vom Jugendamt einen begleiteten Umgang vor. Sie verstand mein Problem nicht, Lillys Vater wäre doch ein ganz feiner Mann. Ich sagte ihr, dass er regelmäßig kifft und andere Drogen nimmt. Ihre Antwort: „Solange er es nicht vorm Kind konsumiert.“ Ich fühlte mich wie in einer verkehrten Welt. Niemand außer mir sah, dass Armin mittlerweile launenhaft wechselte zwischen Liebesbekundungen an mich und Drohungen, mir die Hells Angels auf den Hals zu hetzen. Er beantragte im Eilverfahren das alleinige Sorgerecht Die erste Erleichterung für mich: Ich bekam eine andere Sachbearbeiterin beim Jugendamt, die sich aus eigener Erfahrung mit psychischer Gewalt auskennt. Sie sorgte dafür, dass Armin zunächst nur den begleiteten Umgang bekam. Und dann hatten meine Tochter und ich großes Glück. Als die Mitarbeiterin vom Jugendamt beim Umgang ankündigte, dass sie demnächst Urlaub mache und deswegen den Umgang aussetzen musste, verlor Armin die Kontrolle, zeigte sich aggressiv und laut. Er beantragte im Eilverfahren das alleinige Sorgerecht für Lilly, behauptete, dass meine Familie Waffen hätte und für meine Tochter gefährlich sei. "Je mehr ich meine Panik verstecken wollte, desto mehr zeigte es mein Körper: Ich bekam schlechte Haut und Panik-Attacken, meine Brust entzündete sich" Ich stand unter Dauerstrom, im Modus „Kind schützen“. Aber zeigen dürfte ich meine Gefühle nicht, denn beim Familiengericht würden sie alle als Hysterie ausgelegt werden und ich würde als bindungsintolerant und erziehungsunfähig gelten. Ich dürfte auch nicht gegen ihn sein, sonst wäre ich die böse, rachsüchtige Mutter, die dem Vater das Kind vorenthalten will. Ich musste also vorspielen, Armin unterstützen zu wollen – dabei wurde mir speiübel. Und es ging mir immer schlechter. Je mehr ich meine Panik verstecken wollte, desto mehr zeigte es mein Körper: Ich bekam schlechte Haut und Panik-Attacken, meine Brust entzündete sich. Er wollte mich fertig machen Die Richterin schien anfangs auf Armins Seite zu sein, er hatte gute Karten. Trotzdem beruhigte er sich nicht, schrieb massenhaft Anzeigen gegen mich, das Jugendamt, die Frau vom begleiteten Umgang, die Frauennothilfe, bei der ich mich beraten ließ. Und er forderte Schadensersatz beim Bürgermeister der Stadt, in der ich wohne. Außerdem schickte er Briefe an meine Tochter, in denen er ihr versprach, „all die Nazis umzulegen“ und dass sie sich „keine Sorgen machen“ müsse. Die Richterin gab ein Gutachten in Auftrag, das vor einem Monat fertiggestellt wurde und hier ankam. Darin steht, dass er so lange das Sorgerecht beantragen wollte, bis ich mit meinen Nerven am Ende sei. Der Gutachter schreibt, Armin müsse eine Therapie machen und der Umgang wird aktuell ausgeschlossen. Dieses Gutachten ist meine Sicherheit. Wenn auch nur für die nächsten zwei Jahre. Der ganze Prozess hat mich 4500 Euro gekostet. Ich lebe mit 32 Jahren wieder bei meinen Eltern und bezahle die Schulden so schnell wie möglich ab. Aus meinem Leben habe ich ein Versteck gemacht: Unser Garten ist seit kurzem hoch umzäunt, die Kita meiner Tochter weiß, dass sie nur von mir oder meinen Eltern abgeholt werden darf, ich ändere regelmäßig meinen Namen auf Instagram und poste keine sensiblen Informationen über uns. Nicht einmal Urlaubsbilder, denn er könnte in einen Flieger steigen und uns überraschen. Unterstütze unsere Arbeit auf Steady! ___STEADY_PAYWALL___

Neu und Rechts: die Initiative „Eltern stehen auf“

Neu und Rechts: die Initiative „Eltern stehen auf“

Erziehungswissenschaftlerin Sandra Siehl hat sich die Initiative angesehen. Im Sommer 2020 hat sich während der Corona-Pandemie eine neue besorgte Elterngruppe gegründet: „Eltern stehen auf“. Auf ihrer Homepage schreiben die Initiator*innen, dass sie sich für „Freiheit, Recht und Selbstbestimmung“ einsetzen und dass sie Familien „im Umgang mit den Maßnahmen der Coronaschutzverordnung" unterstützen wollen. Das klingt zunächst genau nach der Hilfe, die Eltern aktuell benötigen. Die Belastungen von Kindern und Familien wurden während der Pandemie – und auch schon davor – in der öffentlichen Wahrnehmung und in politischen Diskursen zu wenig beachtet. Auf der Homepage der neuen Elterninitiative sind frische Farben zu sehen, Wolken, Kinderhände und ein Herzchen, das gleichzeitig eine Blume auf einer grünen Wiese darstellen soll. Was sich jedoch hinter dem freundlichen Eindruck verbirgt: Verschwörungserzählungen und rechtsextremes Gedankengut. Kinderschutz als Aufhänger einer gefährlichen Ideologie Dass wir bei einer Elternbewegung, die sich Schutz und Fürsorge auf die Fahne schreibt, nicht in erster Linie an Rechtsextremismus denken, ist gut nachzuvollziehen. Noch zu sehr dominieren in unseren Köpfen ganz bestimmte Stereotype, wie Nazis aussehen. In unserer Vorstellung sind diese meist männlich, tragen Springerstiefel und Glatze. Die Rechten von heute sind anders - wir sprechen daher von den Neuen Rechten – sie tragen ihre Ideologie in kleinen Happen in die Mitte der Gesellschaft. Sodass sich ihre Weltsicht unauffällig durchsetzt. Sie engagieren sich in Vereinen, sie nehmen an öffentlichen, kulturellen Veranstaltungen teil, zeigen sich weltoffen und freundlich. Auch das äußere Erscheinungsbild hat sich verändert, sie tragen Polo-Shirt und Stoffhose. Und: Sie machen nicht ihre Weltsicht zum Thema, sondern Themen, die jede*n interessieren. "Eltern stehen auf"nutzt das Thema Kinderschutz - dass Kinder schutzbedürftig sind, ist gesellschaftlicher Konsens. Auf der Homepage des Vereins steht: „Seelischen, körperlichen und mentalen Schaden möchten wir von unseren Kindern fernhalten“. In Bezug auf die Covid-Impfung wird von einem "medizinischen Experiment" gewarnt. Auf der Webseite gibt es Flyer zum Downloaden, die zur Aufklärung in Zusammenhang mit Corona dienen sollen – jedoch gleichzeitig hochproblematische Inhalte aufweisen. Verschwörungserzählungen werden als Informationen getarnt Zwei der vielen kruden Thesen: mRNA-Impfstoffe würden das menschliche Genom verändern und das Zulassungsverfahren des Impfstoffes gegen das Coronavirus wäre verkürzt worden. Beide Behauptungen sind falsch. Auch verweist „Eltern stehen auf“ sowohl auf ihrer Homepage, als auch in ihren Social-Media-Kanälen immer wieder auf Akteure*innen oder Gruppierungen, die mit der rechtsextremen Querdenken-Bewegung in Verbindung stehen: Zum Beispiel auf die umstrittene Initiative „Ärzte für Aufklärung“ oder das verschwörungsideologische Online-Magazin „Rubikon“. YouTuber Ken Jebsen, der antisemitische Stereotype und Verschwörungsfantasien verbreitet, teilt etwa auf seiner eigenen Online-Plattform KenFM Texte des Rubikon-Chefredakteurs. KenFM wird mittlerweile vom Berliner Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingeordnet. Das Netzwerk der Neuen Rechten Nun könnten wir sagen, dass diese Verknüpfungen über mehrere Ecken gedacht sind: Die Elterninitiative „Eltern stehen auf“ steht ja nicht in einem direkten Zusammenhang mit Querdenken, Rubikon oder Ken Jebsen. Die Verbindungen führen jedoch immer wieder in jene neurechte, verschwörungsideologische Szene. Im Kern geht es in der Szene darum, anerkannten Wissenschaftler*innen ihre Expertise abzusprechen und stattdessen alternatives Gegenwissen, das auf verschwörungsideologische Inhalte basiert, zu verbreiten. Ein konkretes Beispiel: Michael Hüter, unter anderem Autor für „Rubikon“, macht regelmäßig Stimmung gegen die Corona-Schutzmaßnahmen, behauptet, Kinder würden durch sie kollektiv traumatisiert. In einem Interview mit dem TV-Sender RT DE – dieser ist vor allem in der rechten Szene weit verbreitet - spricht Hüter darüber, dass für Kinder und Jugendliche Corona „irrelevant“ sei. Dies würde die „weltweite wissenschaftliche Lage“ bestätigen, behauptet Hüter. Das ist jedoch falsch, denn in der anerkannten Wissenschaft gibt es mittlerweile einen Konsens darüber, dass auch Kinder und Jugendliche am Infektionsgeschehen beteiligt sind. Michael Hüter folgte im November 2020 einer Einladung der Elterninitiative „Eltern stehen auf“ in Leipzig. In jener Gesprächsrunde befand sich ein weiterer Akteur aus der neurechten Szene und ebenfalls Autor des Online-Magazins „Rubikon“ sowie gern gesehener Gast bei KenFM: Hans-Joachim Maaz. Dieser verharmlost seit Beginn der Pandemie das Coronavirus, schreibt in einem Rubikon-Artikel, es gäbe „keine gesicherten Hinweise, dass Covid-19 gefährlicher und tödlicher ist als andere Viren“, spricht von einer „Pandemiepsychose“, die die Möglichkeit für die „Herstellung einer neuen totalitären Weltordnung“ biete. Und genau diese Erzählung ist anschlussfähig mit dem Verschwörungsmythos der sogenannten „Neuen Weltordnung“ - einer antisemitischen Rahmenerzählung. Wir sehen: Sowohl Hüter, als auch Maaz verbreiten in Bezug auf das Coronavirus und die Schutzmaßnahmen genau jene Desinformationen, die auch in der Querdenken-Bewegung Anklang finden. Die Initiative „Eltern stehen auf“ teilt ihre pseudowissenschaftlichen Meinungen und reiht sich somit in die Ideologie der Querdenker ein. Wie können wir problematische Elternbewegungen enttarnen? Das Netzwerk der Neuen Rechten ist insgesamt komplex, verworren, undurchsichtig und unglaublich vielschichtig. Ihre Akteure*innen sind nicht alle offen rechtsextrem oder wissenschaftsfeindlich. Viele von ihnen sind teilweise auch in den anerkannten Medien vertreten, weil sie eben niemals Nazi-Parolen schwingen würden oder weil ihr Menschenbild zunächst sehr offen und liberal ist – all das macht sie jedoch nicht weniger gefährlich. Ganz im Gegenteil: Diese Akteure*innen dienen als eine wichtige Schnittstelle, um das ableistische, rassistische und antifeministische Gedankengut der Neurechten wieder gesellschaftsfähiger zu machen und in die „bürgerliche Mitte“ zu tragen. Besorgte Elternbewegungen sind ein Beispiel solch einer Schnittstelle, da sie ihren menschenverachtenden Kern unter einem liberalen Deckmantel verstecken. Doch anhand bestimmter Kriterien – ich werde drei von ihnen vorstellen - können wir laut der Bundeszentrale für politische Bildung gefährliche rechte Ideologien und Verschwörungsmythen identifizieren: Verschwörungsmythen vereinfachen komplexe gesellschaftliche Phänomene und es gibt in ihren Erzählungen immer eine kleine Gruppe von Akteure*innen, die an einem ganz bestimmten Umstand – wie zum Beispiel der Corona-Pandemie – die alleinige Schuld tragen. Während sich wissenschaftliche Theorien ständig weiterentwickeln, manche sogar widerlegt werden müssen, weil es neue Erkenntnisse gibt, ist ein Vorankommen und Lernen auf Seiten der Verschwörungstheoretiker*innen kaum möglich. Bei ihnen geht es in erster Linie darum, die eigene Weltanschauung immer wieder zu bestätigen. Alles was nicht in ihr Bild passt, muss ignoriert und geleugnet werden. Die Erzählungen und Darstellungen sind meistens emotional aufgeladen, sie sind manipulativ und suggestiv. Es gibt nur die eine Wahrheit, es gibt nur die eine Sichtweise und es gibt nur bei ihnen die richtigen Handlungsanweisungen. Besorgte Elterngruppen, wie "Eltern stehen auf" arbeiten ebenfalls mit diesen „Methoden“. Sie zeichnen ein Bild, das nur Schwarz oder Weiß kennt. Beispielsweise wenn behauptet wird, Kinder seien keine „Treiber der Pandemie“ und sie deshalb von allen Maßnahmen befreit werden müssen. Dass bei Kindern beispielsweise teilweise andere Maßnahmen gelten als bei Erwachsenen, wird hierbei gänzlich außer Acht gelassen. Auch die Forderung von „Eltern stehen auf“, die Maskenpflicht bei Kindern und Jugendlichen sofort zu beenden, weil diese „nachweislich zu psychischen und physischen Schädigungen“ führe, ist undifferenziert und zu kurz gedacht. Denn auch Kinder und Jugendliche können einer Risikogruppe angehören und auf jene Maßnahme angewiesen sein. Die Forderungen sind demnach ableistisch. Die Initiative „Eltern stehen auf“ ist weder an Entwicklung oder Differenzierung, noch an anerkannten wissenschaftlichen Aussagen interessiert. Ganz im Gegenteil, all dies würde nämlich bedeuten, dass ihre Ideologie zusammenbricht. Unterstütze unsere Arbeit auf Steady! ___STEADY_PAYWALL___

Zwischen Sexarbeit und Mutterschaft

Zwischen Sexarbeit und Mutterschaft

Heute ist der International Sex Worker’s Day – ein Tag, der auf die Rechte von Sexarbeiter*innen aufmerksam machen soll. Die Berlinerin Sulema Vásquez (27) ist nicht nur Sexarbeiterin, sondern auch Mutter – warum es ihr wichtig ist, bei der Arbeit ihre Identität als Mutter selbstverständlich mit einzubringen? Lest selbst! Und danach: Sozialarbeiterin M. Özdemir spricht im Interview darüber, wie Sexarbeiter*innen mit Kindern beim Jugendamt diskriminiert werden. „Meine Tochter war ein Jahr alt als ich beschlossen hatte, Sexarbeiterin zu werden. Ich hatte damals das Gefühl, dass ich mich als Mutter nur noch um mein Kind, aber nicht um mein Sexleben kümmern sollte – als würde alle Welt plötzlich versuchen, das Thema Sexualität von mir abzuschirmen. „Erstmal ist das Kind wichtig“, hieß es oft. „Natürlich“, dachte ich dann immer, „aber ich bin es auch.“ Nach der Schwangerschaft hatte ich viele Probleme mit meinem Körper, auch beim Sex. Ich musste ihn neu kennenlernen, er fühlte sich anders an, sah anders aus und auch meine Identität und damit mein Bewusstsein für mich und meine Wirkung auf andere hatten sich verändert. Mutter zu sein war nun ein neuer Teil von mir – ja, auch beim Sex. Aber ich hatte den Eindruck, diesen Teil meiner Identität beim Sex verleugnen zu müssen. Es machte für mich keinen Sinn: So viele Menschen bekommen Kinder, aber niemand spricht mit ihnen darüber, was danach mit ihrer Sexualität passiert?! Es fehlen echte Mütter in erotischen Filmen Ich suchte in erotischen Filmen nach Rollenvorbildern für mich – vergeblich. In Pornos gibt es nur Stereotype, zum Beispiel die „Milfs“. Viele dieser Darstellerinnen sind keine Mütter. Und sie performen auch nicht so, dass ich mich in ihnen wiederfinden könnte. Sie stellen sich in häuslicher Umgebung dar, näher kommen sie einer Mutter nicht. Daraus entsteht ein verzerrtes Bild von Mutterschaft in Zusammenhang mit Sexualität. Während ich diese Filme sah, fragte ich mich: Was würde ich gerne sehen? Wie kann man Sex und Mutterschaft zusammenbringen? Was ich mir vorstellte, reizte mich – ich bekam Lust, meine Visionen von Mutterschaft und Sexualität selbst umsetzen. Heute habe ich im Alltag einen sehr straffen Zeitplan – wie die meisten Mütter: Von Montag bis Freitag arbeite ich als Krankenschwester in einer Klinik, nachmittags bin ich mit meiner Tochter zusammen. Castings für erotische Filme – wie zum Beispiel die feministischen Pornos von Erika Lust – mache ich am Wochenende oder nachts oder wenn meine Tochter in der Kita ist und ich gerade frei habe. Sexarbeiter*innen haben keine Lobby Die Arbeit als Sexarbeiterin macht mir Spaß. Aber die Arbeitsbedingungen sind aufgrund der Gesetze immer noch prekär. Das ist insbesondere für Eltern problematisch, die wie ich alleinerziehend sind und ein regelmäßiges Einkommen brauchen. Aktuell bekommen Sexarbeiter*innen kein Geld, wenn wir oder unsere Kinder mal zwei Wochen krank sind und nicht arbeiten können. Wir brauchen dahingehend neue Gesetze im Gesundheitswesen. Auch während der Pandemie hatten Sexarbeiter*innen absolut keine Unterstützung, keine Lobby, die sich für uns stark machen konnte. Es gab Kontaktverbote und andere neue Regelungen, die Sexarbeiter*innen dazu zwangen, ihre Arbeit ins Internet zu verlegen. Ich habe nun einen Only-Fans-Account, mit dem ich Inhalte im Homeoffice erstellen kann. "Bei mir sieht man Dehnungsstreifen" Ich arbeite bodypositive, um meine Identität als Mutter während der Arbeit nicht zu verleugnen. Ich bearbeite meine Bilder nicht und lade nur Originale hoch. Bei mir sieht man Dehnungsstreifen und einen unoperierten Körper, der bereits ein Kind geboren hat – nichts gegen Operationen, aber wir müssen auch das andere sehen. Viele Frauen sagen mir, dass ich sie inspiriere und dass es ihnen gut tut, ihre eigenen Körper in meinem wiederzufinden. Ich bin für Transparenz, auch bei uns zuhause. Mit meiner Tochter rede ich über alle Themen altersgerecht und offen. Zum Beispiel benenne ich die Körperteile bei ihren richtigen Namen – statt „Schnecke“ oder „Pipi“ zu sagen. Ich bin mit meinem Beruf meistens im Reinen und kann ihn sowohl vor meiner Oma rechtfertigen als auch vor meiner Tochter, sollte sie ihn mal in Frage stellen. Sollte sie deswegen irgendwann mal in der Schule oder woanders gemobbt werden, dann würde ich das genauso behandeln wie jedes andere Mobbing. Sexarbeiterin zu sein bedeutet für mich Freiheit und Recht. Ich komme aus einer sehr konservativen und religiösen Familie, in der meine Sexualität eher unterdrückt wurde. Und trotzdem gibt es noch die gesellschaftliche Perspektive auf meine Arbeit, die mich weiterhin beeinflusst. Zum Beispiel habe ich mich noch keinen Ausweis als Sexarbeiterin beantragt, aus Angst vor dem Jugendamt. Ich bin eine junge, alleinerziehende Person of Colour, die als Sexarbeiterin ihr Geld verdient. Ich fürchte, dass die Mitarbeiter*innen vom Jugendamt ihre Vorurteile auf mich projizieren könnten und daraus Nachteile für meine Familie entstehen könnten." "Kinder sind keiner Gefährdung ausgesetzt, nur weil ihre Mutter Sexarbeiterin ist" Werden Mütter, die als Sexarbeiter*innen arbeiten beim Jugendamt benachteiligt? Wir haben mit der Sozialarbeiterin M. Özdemir (29) gesprochen, die bei verschiedenen Jugendämtern in Hamburg und in Niedersachsen gearbeitet hat. Frau Özdemir, Sie haben mehrmals alleinerziehende Mütter betreut, die als Sexarbeiterinnen gearbeitet haben. Berufe sagen nichts über die Erziehungsfähigkeit von Menschen aus – wird das bei Sexarbeiterinnen anders bewertet? M. Özdemir: Ich würde sagen, aus Sicht der Gesellschaft sollen Sexarbeiter*innen nicht auch Mütter sein. Viele Menschen sehen das Wohl von Kindern gefährdet, wenn ihre Mütter Sexarbeiter*innen sind. Solche „Fälle“ werden absurd viel gemeldet. Aber weder juristisch noch pädagogisch sind Kinder einer Gefährdung ausgesetzt, nur weil die Mutter Sexarbeiterin ist. Einige Anwält*innen, Mitarbeiter*innen beim Jugendamt oder Kita- oder Schulpersonal sehen das leider oft anders. Was genau ist meist die Sorge? M. Özdemir: Die Sorgen entstehen aufgrund der Vorurteile, die viele Menschen unreflektiert auf andere projizieren. Sie melden Mütter beim Jugendamt, weil sie das Kindeswohl gefährdet sehen. Kein Wunder: Sie denken, Sexarbeiterinnen würden – auch als Mütter – „Freier im Haushalt ein- und ausgehen“ lassen und die Kinder wären in logischer Konsequenz während des Geschlechtsverkehrs dabei. Nachbar*innen „identifizieren“ dann jeden Handwerker oder Freund und jede andere männliche Person, die das Haus betritt, als Freier. Oft schließen sich „tratschende“ Nachbar*innen zusammen und treten gemeinsam an das Jugendamt heran. Wir nehmen die Meldungen dann entgegen und bearbeiten sie. Die meldende Person bekommt keine Rückmeldung – Datenschutz. Ist Ihnen ein Fall besonders in Erinnerung geblieben? M. Özdemir: Eine Lehrerin hat mal eine Mutter mit Kind im Supermarkt beobachtet und sie bei uns gemeldet, weil sie sich mit einem Mann unterhalten hatte – der laut der Lehrerin daher ein Freier gewesen sein musste. Die Überprüfung ergab, dass das gar nicht stimmen konnte. Auch die Annahme, sie würde die Kinder abends und nachts alleine lassen, war reine Interpretation und Spekulation. Ja, die Arbeitszeiten sind nicht immer von neun bis 17 Uhr, aber wenn die Mutter ihr Kind nicht betreuen konnte, hatte sie sich immer um eine adäquate Betreuung gekümmert, wie andere Mütter eben auch. Wie werden diese Vorurteile in Sorgerechtstreits behandelt? M. Özdemir: Ich erinnere mich an einen Sorgerechtstreit, in dem der Vater der Kinder den Beruf der Mutter als Argument für ihre Erziehungsunfähigkeit genutzt hatte. Die Schreiben seines Anwaltes malten ein ekliges Bild über die Mutter, welches sich ausschließlich auf ihren Beruf bezog. Leider ist auch ihre Anwältin nicht gut mit ihren Beruf als Sexarbeiterin umgegangen und hat ihn einfach komplett abgestritten. Die Anwältin dachte ebenfalls, der Beruf als Sexarbeiterin wäre ein Grund, Kinder nicht betreuen zu können. Natürlich kam die Lüge raus und das Gericht bewertete die Mutter als nicht vertrauenswürdig. Sie sind gegenüber dem Beruf der Sexarbeiterin offen eingestellt. Aber gibt es für Mütter eine Garantie, dass der Beruf beim Jugendamt gleichwertig zu anderen Berufen behandelt wird? M. Özdemir: Das Jugendamt hat viel Macht und die Gesetze schützen Eltern zu wenig vor Diskriminierung. Wenn meine Kolleg*innen Stellungnahmen für Gerichte oder Schulen schreiben, dann wird dort niemals stehen: „Die Mutter ist eine Sexarbeiterin, daher kann sie keine Kinder betreuen“, aber die eigene Haltung und Weltsicht fließt in die Bewertung mit ein. Wenn also ein*e Kolleg*in der Überzeugung ist, Mutter sein und als Sexarbeiterin zu arbeiten wäre moralisch verwerflich und für die Kinder eine Gefährdung, dann hat er*sie in der Hand, wie diese Mutter dargestellt wird – Bewertungen fallen dann schlechter aus als sie müssten. Wenn ein*e Kollegin also denkt: „Sexarbeiterinnen sind schlechte Menschen, darum auch schlechte Mütter“, dann geht er*sie auf die Suche nach Beweisen, die diese Annahme unterfüttern sollen. Fakt ist also: Wenn ich meine persönliche Bewertung nicht bewusst und reflektierend rausnehme, dann fließt sie in die professionelle Bewertung mit ein. Und dann entstehen Stellungnahmen, die auf den ersten Blick nicht diskriminierend sind. Aber schaut man genauer hin, wird klar, dass die betroffene Person aufgrund des Berufes benachteiligt in institutionelle Prozesse gestartet ist. Wie ließe sich das verhindern? M. Özdemir: Meine Kolleg*innen sollten unbedingt sensibel arbeiten. Dazu gehört eine Grundeinstellung gegenüber allen Menschen, die wertschätzend ist, feministisch, antirassistisch, antiableistisch und so weiter. Wenn wir das als Ziel für die Haltung auf Arbeit begreifen, dann kann ein*e Kolleg*in mich leichter hinterfragen und darauf aufmerksam machen, dass ich in einen Fall womöglich verinnerlichte Vorurteile reinbringe, die da nicht hingehören. Das passiert zu selten, weil Jugendämter überlastet sind und keine Zeit haben für Reflektion und Weiterbildung zu politischen Themen. Unterstütze unsere Arbeit auf Steady! ___STEADY_PAYWALL___

Zwischen den Rollen: Ich bin Mutter und psychisch krank

Zwischen den Rollen: Ich bin Mutter und psychisch krank

Wie ist das, wenn man sich um andere kümmern muss, obwohl man selbst Hilfe braucht? Wer Mutter ist und krank wird, hat ein Problem. Und wer krank bleibt, behält dieses Problem. Weil Mütter in vielen Fällen einfach keine Zeit dafür haben, krank zu sein und wieder gesund zu werden. Weil am Ende des Tages, nach getaner Care-Arbeit in der Familie und Erwerbsarbeit, „nebenbei“ keine freie Minute bleibt. Doch das Problem der Vereinbarkeit der Mutterrolle mit der Rolle der Kranken liegt nicht nur in der innerfamiliären Arbeitsteilung und gesellschaftlichen Strukturen, die diese begünstigen – sondern auch in den unrealistischen Mutteridealen und der fehlenden Aufklärung über psychische Erkrankungen. Ich bin Mutter von zwei kleinen Kindern und habe eine Posttraumatische Belastungsstörung Ich bin Mutter und ich habe schon lange eine Posttraumatische Belastungsstörung, aber davon weiß ich erst seit Kurzem. Ich bin in einer Familie groß geworden, in der Gefühle wie die Vokabeln einer lästigen Fremdsprache behandelt wurden und psychische Gesundheit als Selbstverständlichkeit galt. Dementsprechend fiel es mir schwer, vor etwa einem Jahr diese Diagnose anzunehmen – und sie mit meiner Mutterrolle zu vereinbaren, erschien mir fast unmöglich. Als ich ein Kind war, blendete ich einen Großteil der traumatischen Umstände aus – was blieb, war die feste Überzeugung, anders zu sein, irgendwie falsch, irgendwie schlecht. Ich dachte, dass deswegen meine Bedürfnisse, Gefühle und Grenzen nicht zählten und ich mich nach den Bedürfnissen und Erwartungen meiner Mitmenschen richten müsste. Mit diesem negativen Selbstbild bin ich auch Mutter geworden. Das passte theoretisch ganz gut: Ich stellte mich selbst weiter hinten an und richtete mich ganz nach den Bedürfnissen meiner Kinder. Aber die Belastung stieg und es gelang mir immer weniger, Kinder, Haushalt und Arbeit zu vereinbaren. Überforderung zwischen Alltag und Krankheit Aus dieser Zeit ist mir vor allem ein Bild im Kopf geblieben: Ich sitze irgendwo in der Wohnung auf dem Boden und starre, meine Kinder wuseln um mich herum. Ich bewege mich nicht, sehe und höre nicht viel - der Fachbegriff dafür ist "dissoziieren". Weil alles zu viel ist, mein Alltag, aber eigentlich das, was in mir festzustecken scheint: Ein Schmerz ohne Worte, aber wenn ich das Gefühl benennen müsste, würde ich Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit sagen. Und immer der Gedanke, schon als Kind und jetzt als Mutter, dass ich nicht mehr weitermachen kann, es aber doch immer weitergeht. Wenn ich nicht dissoziiert war, fühlte ich mich angespannt, schrie vor Schreck auf, wenn ein Kind einen Flummi durchs Zimmer warf, und rannte nachts zu den Kindern, wenn ich auch nur ein leises Geräusch in der Wohnung hörte. Ich hatte ständig ein schlechtes Gewissen, fürchtete, ihnen mit dem, wie ich war, zu schaden und wusste dann, dass ich Hilfe suchen müsste. Ich mache seit fast zwei Jahren eine ambulante Psychotherapie, war einen Monat in stationärer Behandlung, habe zwischendurch Medikamente genommen und war in Krisensituationen mehrmals in der Notaufnahme. Ich verstehe jetzt, dass ich eine Posttraumatische Belastungsstörung habe und dass das, was mich im Alltag so belastet, Symptome sind. Aber die Rolle der Kranken fühlt sich immer noch unpassend an Die Rolle der Kranken sitzt wie ein Pullover in der falschen Größe, nicht eine Nummer zu klein, sondern drei. Der Stoff juckt und ich kratze, zucke nervös und habe Angst, die Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ich habe Angst, dass jeden Moment jemand auf mich zukommen und rufen könnte, dass mir der Pulli nicht passt, dass ich ihn ausziehen und wieder alleine klarkommen muss. Trotz meiner Ängste versuche ich jetzt, die Rolle in meinen Alltag zu integrieren. Weil ich weiß, wie es ohne war, weil ich – zumindest im Moment – noch brauche, was sie ermöglicht: Hilfe, Unterstützung, Verständnis. Das bedeutet für mich nicht, dass die Rolle beschreibt, wer ich bin. Vielmehr beschreibt sie meine Symptome, stellt sie in einen sinnvollen Zusammenhang und in Aussicht, dass ich gesund werden kann. Die Unvereinbarkeit der Rollen Ich denke, dass Kranksein so lange keine Option für mich war, weil ich zur Zeit der Traumatisierung so jung war, weil Vermeidung und Verdrängung typische Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung sind, genauso wie ein generelles Misstrauen anderen gegenüber. Ich fürchtete, dass sich meine Situation weiter verschlimmern würde, wenn ich mich jemandem anvertraute. Vertrauen aber ist, in gewissem Maße, Voraussetzung für die Rolle der Kranken. Als Mutter trage ich die Verantwortung für mich und meine Kinder, habe Kontrolle, kümmere mich – wohingegen die Rolle der Kranken, noch mehr die Rolle der Patientin, immer wieder das Gegenteil verlangt. Das Idealbild der Mutter sieht keine Krankheit vor Mütter mit anderen (psychischen) Erkrankungen oder ohne Vorerkrankungen müssen vielleicht nicht erst dieses Misstrauen überwinden, bevor sie zum Arzt gehen. Doch sind auch sie in der Mutterrolle mit Ansprüchen von Außen und eigenen Ansprüche konfrontiert, die oft völlig überhöht und im Alltag kaum umsetzbar sind – und sich nicht mit einem (selbst vorübergehenden) Kranksein verknüpfen lassen. Gerade für Alleinerziehende, aber auch in Zwei-Eltern-Haushalten ohne Entlastung durch Großeltern oder Babysitter, ist es oft nicht möglich, einfach mal einen Tag im Bett zu bleiben – sei es mit gebrochenem Bein, Migräne oder einer Depression. Das Bild der "modernen Supermom", genauso wie das traditionelle Idealbild der nichterwerbstätigen Mutter, sieht Stärke, Ruhe und Belastbarkeit, harte Arbeit und Fürsorge vor – nicht aber Selbstfürsorge und Krankheit. Obwohl das nicht ganz stimmt – mittlerweile sind Selbstfürsorge und Achtsamkeit zum Trend geworden. Aber im Fall der Mutter, die neben ihrer Erwerbstätigkeit weiterhin einen Großteil der familiären Care-Arbeit leistet (Stichwort: Gender Care Gap), fehlt die zeitliche Entlastung, um diese Selbstfürsorge umzusetzen. So bleibt der Trend nur eine Theorie. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung unterstreicht die Belastung von Müttern innerhalb der ersten sieben Jahre nach der Geburt ihres Kindes (zitiert auch von Mareice Kaiser in ihrem Buch „Das Unwohlsein der modernen Mutter“) – bei rund einem Drittel der Probandinnen kam es zu einer substanziellen Verschlechterung des mentalen Wohlbefindens. Zeit für Selbstvorsorge und Interventionen bei psychischer Belastung wären für Mütter in den ersten Jahren mit Kind also besonders wichtig, während genau in dieser Zeit und unter gegebenen Umständen dafür besonders wenig Raum besteht. Was muss passieren, damit Mütter krank sein können? Psychische Erkrankungen sind kein Nischenthema, fast jede*r Dritte leidet im Laufe seines Lebens unter einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung. Die Rolle der Kranken muss normalisiert werden, sodass sie – sowohl von Betroffenen als auch von Außenstehenden – immer weniger mit Schuld, Scham und Schwäche assoziiert wird. Ich wünsche mir ein viel flexibleres Mutterbild. Eines, das einkalkuliert, dass ich genau wie andere Menschen auch krank werden könnte. Frauen müssen es offen sagen können: „Ich brauche Hilfe“, ohne das Gefühl zu haben, als Mutter zu versagen. Natürlich muss die Hilfe auch zugänglich sein – und zwar für alle, die sie brauchen, und ohne monatelange Wartezeit. Erst wenn auch Mütter sich trauen, im Einzelnen über ihre mentale Gesundheit zu sprechen, können wir die Aussagen und Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung über die mentale Gesundheit von Müttern auch qualitativ verstehen und sehen, wie dringend notwendig familienfreundlichere Strukturen sind. Und wie toxisch es für Frauen ist, die Rolle der Mutter zu idealisieren.

Eine notwendige Auszeit

Eine notwendige Auszeit

Co-Gründerin Jasmin hat lange dafür gekämpft, gehört zu werden. Jetzt könnte sie laut sein, doch plötzlich fehlt jede Kraft Ich lebe seit 20 Jahren mit Depressionen. Eigentlich fingen die düsteren Gefühle schon früher, in meiner Kindheit an. Aber da konnte ich sie meist noch zurück drängen. Doch auch damals schon , mit 6 Jahren war ich das erste Mal in psychologischer Behandlung wegen meiner Ängste und weil meine Mutter nicht weiter wusste, denn außer mit einer „Hochbegabung“ wurde ich mit nichts diagnostiziert. Als ich 15 Jahre alt war hat mich die Depression zum ersten Mal übermannt. Ich lag wochenlang im Bett, ich verlor die Freude an allem was mir mal Spaß gemacht hatte und taumelte zwischen Angst und Taubheit. Als ich 17 Jahre alt war, wurden die Panikattacken so schlimm, dass ich zum Psychiater musste, der mir nicht nur ein Notfallmedikament für zwei Wochen verschrieb, sondern mich auch gleich in eine psychosomatische Kur schickte. Ich blieb 10 Wochen dort. Danach holte ich meinen Hauptschulabschluss nach, denn in die Schule gehen war die letzten Jahre kaum möglich gewesen. Mit Anfang 20 war ich nach einigen Rückschlägen für zwei Wochen auf der offenen psychiatrischen Station im Urban Krankenhaus in Berlin Kreuzberg. Jetzt mit 35 bin ich Mutter, Gründerin, Bloggerin und habe zusätzlich einen Beruf in der Öffentlichkeitsarbeit einer Beratungsstelle für Menschen, die diskriminiert werden. Ich habe die Trennung vom Vater meiner Tochter und ihre Behinderung bzw. die Hürden, die damit kommen innerhalb von kürzester Zeit verarbeiten und nebenbei umziehen müssen, weg aus einer Stadt, in der ich 14 Jahre lang gelebt hatte. Ich bin in vieles einfach so hinein gestolpert. Und deshalb fühle ich mich oft, wie eine Hochstaplerin. An meinem Lebenslauf ist nichts geradlinig, nichts konventionell und um ehrlich zu sein, ich bin erschöpft. Ich habe so lange dafür gekämpft, eine Stimme zu haben, gehört, gesehen und ernst genommen zu werden. Jetzt, wo ich erreicht habe, was ich mir seit meiner Kindheit wünsche, ist meine Stimme weg. Ich bin müde und ich fühle mich wertlos und ich fühle mich leer. Die Anzeichen waren bereits Ende letzten Jahres da. Ich war ständig müde, leicht reizbar, reagiere auf Kritik unangemessen emotional und ziehe mich zurück, vor den Leuten, die ich am meisten liebe und die mich am meisten lieben. Am schlimmsten daran ist, dass es sich trotzdem so anfühlt, als wären sie es, die mich verlassen. Die tausenden Fragebögen die ich zu Beginn einer Therapie ausfüllen und abschicken muss habe ich seit 6 Monaten liegen lassen, denn da begann meine Beziehung. Und für einen kurzen Moment dachte ich, dass alles gut werden würde und die Therapie nicht so wichtig. Als ich merkte, dass das nicht stimmt, habe ich gemacht, was ich immer mache, wenn alles zu viel wird: ich habe den Kopf in den Sand gesteckt. Gestern habe ich mit meinen Freundinnen gesprochen, sie haben mich bestärkt und am Abend haben mein Freund und ich ein wichtiges Gespräch geführt, die Fragebögen zusammen gesucht und heute Morgen hat er sie mitgenommen um sie einzuwerfen. Es geht mir nicht besser, aber ich gehe den ersten Schritt. Damit ich bald wieder da sein kann. Weil ich das will. Ich will hier sein. Noch lange.

"Meine Waldorf-Bubble ist gefährlich"

"Meine Waldorf-Bubble ist gefährlich"

Eine Mutter beschreibt, wie die Ideologie des Waldorf-Begründers Menschen zu Impfgegner*innen macht. Triggerwarnung: Ableismus, Tod Als die Corona-Impfung kam, gab es in meinem Bekanntenkreis kein erleichtertes Aufatmen. Hier ist man Waldorf-affin und ganz klar impfskeptisch. Bei der Pflicht zu Masernimpfung gab es Klagen über „Fremdbestimmung“ und einen vermeintlichen „Eingriff in körperliche Unversehrtheit von Kindern“. Ich fand das nicht schlimm, weil ja gesamtgesellschaftlich die Herdenimmunität für viele Infektionskrankheiten trotzdem besteht. Für mich persönlich war das Impfen immer ein NoBrainer, selbstverständlich tun wir es. Wer das anders sah: Okay, Einzelfall, dachte ich. Ich machte mir keine Gedanken über eine wachsende Impfgegner*innenschaft - trotz der Berichte über sinkende Impfquoten und größere Masernausbrüchen. Es kam mir ehrlich gesagt – konfliktscheu, wie ich bin – auch entgegen, mit mir nahestehenden Menschen keine ideologischen Grabenkämpfe ausfechten zu müssen. Aber die Pandemie hat meine Haltung geändert. Nicht nur, weil die Herdenimmunität gegen Corona erst noch hergestellt werden muss und die Impfung deswegen wichtig ist. Sondern auch, weil ich die Gründe gegen das Impfen innerhalb der Waldorf-Bubble kennengelernt habe. Und die sind gefährlich. Grundlagen der Waldorfbewegung sind die Schriften des Esoterikers Rudolf Steiner Neben dem üblichen Argwohn gegenüber staatlichen Institutionen, denen kaum zu trauen sei, offenbart die pauschale Ablehnung von Impfungen auch einen großen Mangel an Solidarität. Beides, Argwohn und unsolidarisches Verhalten beruhen auf zutiefst individualistischen Ideen, gemischt mit bestimmten religiösen Annahmen über Schicksal, Karma und Wiedergeburt. Die Grundlagen der Waldorfbewegung sind die Schriften des Esoterikers Rudolf Steiner, der seine gesamte Weltanschauung, die Anthroposophie, vor etwa 120 Jahren als hellseherische Eingebung „empfangen“ haben will, bevor er sie unter die Menschen brachte. Heute gibt es in Deutschland über 250 Waldorfschulen und über 550 Waldorfkindergärten. Vieles dort ist schön. Das Holzspielzeug, der getaktete Tag, die Feste im Jahreskreis, das vegetarische Bioessen. Nebenbei bemerkt: Vieles dort ist auch teuer, allein der Besuch der Schulen kostet Geld. Viele Menschen, die Waldorfschulen oder -kindergärten besuchen, sind keine Anthroposoph*innen. Sie wollen gute Sachen für ihre Kinder, das bedeutet für sie wenig fernsehen und keine Noten in der Schule. Und sie können sich das Besondere auch leisten. Wer sich aber nicht nur der Waldorfbewegung, sondern auch der Anthroposophie verbunden fühlt - auch das sind nicht wenige Menschen – der will nicht nur Bienenwachskerzen und Wolljäckchen, sondern eben auch keine Impfungen. Sie behaupten, Impfungen würden den Menschen schwächen Denn erstens, so die Behauptung, stärkten Impfungen nicht das Immunsystem, indem sie den Körper auf Angriffe von Außen vorbereiten. Es heißt, sie würden den ganzen Menschen schwächen und ihn in seiner Entwicklung zurückhalten, weil sie ihm die Möglichkeit nähmen, eine Krankheit zu durchleiden. Eine körperliche Erkrankung geht dieser Weltanschauung zufolge immer einher mit einem seelischen oder geistigen Entwicklungsschritt. Nehme man die Krankheit weg, etwa durch eine Impfung, oder schwäche man sie ab, zum Beispiel durch Schmerztabletten oder ähnliches, verhindere man so auch eine vermeintliche innere Weiterentwicklung des Menschen und besonders des Kindes. Um Missverständnisse vorzubeugen: Sicherlich kann man dem kindlichen Immunsystem ab und zu eine Erkältung zutrauen. Erkältungen, Magen-Darm-Infekte, Hautausschläge und so weiter kommen ohnehin. Aber ob aus einem Virenbefall geistige Größe entsteht, möchte ich infrage stellen. Warum sollte ein Kind innerlich reifen, wenn es die Mittelohrentzündung ohne Paracetamol durchgestanden hat? Vitamin D sei okay, der Rest solle Schicksal bleiben Ein zweiter Grund, den Menschen mit anthroposophischer Haltung gegen das Impfen anbringen, entspringt ihrer Spiritualität. Sie sagen, das Leben jedes einzelnen Menschen sei vorbestimmt, das Schicksal jeder Person vorgezeichnet, es komme, wie es kommen müsse, Gott habe das schon entschieden und der Mensch solle nicht eingreifen. Puh, ob diese Menschen das noch genauso sehen würden, wenn ihre eigenen Kinder dringend im Krankenhaus behandelt werden müssten? Oder sie selbst, während ihre Kinder um sie bangten? Und überhaupt könnte man doch sagen: Gott – wenn es sie*ihn denn gibt – hat uns Impfungen geschenkt! Lasst uns sie*ihn ehren und sie auch nutzen! Drittens, und spätestens hier wird es widersprüchlich und eben auch gefährlich, sei jeder Mensch in der Lage, das eigene Immunsystem zu stärken (natürlich, ohne Impfungen!). Wir haben das während der Pandemie oft gehört: Zink und Vitamin C, Vitamin D und ausreichend Schlaf, viel Yoga, Bio-Essen und voilà, Corona wäre gar kein Problem mehr. Impfungen? Seien dann gar nicht mehr notwendig. Ihr Glaube besteht aus Klassismus, Pseudowissenschaften, Ableismus Selbst wenn wir diesem pseudomedizinischen Narrativ mehr Glauben schenkten als der Wissenschaft, dann bleibt es zum einen klassistisch – wer kann nur bio kaufen, Yoga machen und trotz Homeschooling, Homeoffice und Existenzangst zehn Stunden pro Nacht ruhig schlafen? – und zum anderen zutiefst ableistisch. Für Risikogruppen ist eine Herdenimmunität besonders wichtig. Sie haben ein hohes Sterberisiko, sollten sie an Covid erkranken. Die Herdenimmunität schützt sie, falls sie aus bestimmten Gründen nicht geimpft werden können und wenn sie geimpft sind, aber ihre Impfung nicht angeschlagen hat. Je weniger das Virus zirkulieren kann, desto weniger laufen diese Menschen Gefahr, sich zu infizieren – und desto weniger neue Virus-Varianten können entstehen. Menschen mit Behinderung würden eine „karmische Schuld“ einlösen Dem Verweis auf Solidarität und Menschenwürde (Artikel 1 unseres Grundgesetzes in Deutschland) weicht ein*e anthroposophische*r Impfgegner*in aus, indem er*sie aufs Schicksal verweist. Es habe entschieden, dass eine an Corona gestorbene Person schon immer an Corona sterben sollte. Und Menschen mit Behinderung würden eine „karmische Schuld“ einlösen durch ihr Leiden und dadurch innerlich reifen. Auch wenn das bedeutet, dass diese Person einen schweren Krankheitsverlauf hat oder sogar stirbt. Das geht gegen die Würde des Menschen und es ist ableistisch. Und obwohl nicht alle Menschen in Waldorfeinrichtungen Anthroposophen sind, wird eine Impfskepsis dort so offen gelebt, dass ein kritisches Nachfragen und ein Abweichen von der gängigen, sogenannten „medizinkritischen Meinung“ kaum mehr möglich ist. So setzt sich eine vollkommen unbegründete, gefährliche und menschenverachtende Haltung recht unbemerkt in ganzen Institutionen fest und führt dazu, dass weiter Menschenleben gefährdet werden durch Krankheiten, die ein einfacher Pieks mit der Nadel wesentlich weniger virulent machen könnte. Corona hat mir gezeigt, dass sehr wohl Redebedarf besteht. Und trotzdem habe ich weiterhin Angst, mein Umfeld zu konfrontieren. Weil wahrscheinlich keine Diskussion dabei entstehen würde, sondern nur unser Ausschluss. ___STEADY_PAYWALL___

Silencing: „Es wird immer neue Strategien geben“

Silencing: „Es wird immer neue Strategien geben“

Das Gesetz gegen Hatespeech im Netz ist wichtig, sicher sind wir trotzdem nicht. Jorinde Wiese bekommt Morddrohungen, Hasskommentare und jede Menge Fake-Follower. „Etwa 20 Tausend sind echte Follower*innen auf meinem Instagram-Profil, der Rest macht mir Sorgen“, sagt sie. Nicht sie habe die Follower gekauft, sondern rechte Trolle – für mittlerweile um die 1000 Euro. „Instagram sperrt Accounts automatisch, wenn sie verdächtig schnell wachsen. Genau das wollen sie, mich stilllegen.“ Wiese ist Opfer einer Silencing-Strategie, die durch das neue Gesetz gegen Hass und Hetze im Netz nicht abgedeckt ist. „Silencing-Strategien werden genutzt, um Menschen einzuschüchtern, sodass sie sich nicht mehr öffentlich äußern“, sagt Josephine Ballon, Juristin bei HateAid, einer Beratungsstelle für Betroffene von digitaler Gewalt. Strafbarkeitslücken werden systematisch ausgenutzt. Um der Strafbarkeit zu entgehen habe früher die Nutzung des Konjunktivs gereicht oder die Androhung, jemandem ins Knie zu schießen statt in den Kopf. „Mit dem neuen Gesetz sind zum Beispiel die Androhung von Körperverletzung, Vergewaltigung oder die Zerstörung wertvollen Besitzes strafbar, ebenso das Bejubeln von bestimmten Straftaten.“ In Kraft tritt es Anfang 2022, ab dann sind Instagram, Facebook und Co. dazu verpflichtet, gemeldete Kommentare auf einen möglichen Straftatbestand zu prüfen und anschließend an das BKA weiterzuleiten. Silencing-Strategien finden im rechtlichen Graubereich statt Das BKA wiederum hat mit dem neuen Gesetz die Erlaubnis, sensible Daten von Telekommunikationsunternehmen der vermeintlichen Täter*innen abzurufen und zu speichern - unter anderem die IP-Adresse, Name, Anschrift. Dieser Datensatz wird dann vom BKA an eine zuständige Staatsanwaltschaft weitergeleitet. "Allein das Entdeckungsrisiko macht schon einen Eindruck auf die meisten Täter*innen – vor allem dann, wenn man wirklich einmal durchsucht wird“, sagt Ballon. Das Problem: Silencing-Strategien finden immer wieder im rechtlichen Graubereich statt – manchmal nicht einmal das. Wenn Bücher von feministischen Autor*innen online schlecht bewertet werden – und das in organisierten Gruppen – dann ist das völlig legal. Obwohl hier Menschen mit Strategie finanziell geschadet wird. „Ziel von sogenannten Hatestorms sind marginalisierte Gruppen und Menschen, die sich für demokratische Grundwerte engagieren“, sagt Josephine Ballon. Täter*innen attackieren, aber bleiben straffrei Jorinde Wiese klärt im Netz seit Jahren über sexualisierte Gewalt und Misogynie auf. Ihre Inhalte sind aktivistisch – damit ist sie Teil einer wachsenden Community. Über Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram erheben sich seit Jahren feministische Stimmen, die durch wachsende Reichweiten immer lauter wurden. Zum Beispiel die Antirassismus-Autorin und Podcasterin Alice Hasters und die österreichische Politikwissenschaftlerin und Rechtsextremismus-Expertin Natascha Strobl – beide setzen sich für demokratische Werte ein und beide haben ihre Social-Media-Profile aktuell vom Netz genommen. Der Grund: Drohungen und Hatestorms. Silencing-Strategien, die wirken. Täter*innen nutzen bisher nicht nur die Möglichkeiten der Anonymität, sondern auch Bedrohungsstrategien, die von der Polizei nicht als bedrohlich anerkannt werden. Täter*innen attackieren, aber bleiben straffrei. Das erste Problem sind die Täter, das zweite ist das Gesetz So war es bei der Künstlerin Jasmina Kuhnke, die sich ebenfalls für demokratische Werte einsetzt. An sie richten sich Hashtags wie "HaltdieFresseJasmina", wenn sie auf Twitter und Instagram unter dem Pseudonym Quattromilf zum Thema Rassismus aufklärt. Im Februar dieses Jahres wird der Hass plötzlich zu einer greifbaren Gefahr. Kuhnke muss mit ihrer Familie aus ihrer Kölner Wohnung flüchten und in ein neues Zuhause ziehen. Die Kosten: 50.000 Euro. Wie konnte es dazu kommen? Das erste Problem sind die Täter, das zweite ist das Gesetz. Rassisten veröffentlichten ein Video mit Gewaltfantasien und der Adresse ihrer Wohnung – „Doxing“ nennt sich das Zusammentragen von Daten im Internet, eine typische Silencing-Strategie. Am gleichen Abend beginnt der Psycho-Terror. Pizzabestellungen, die sie nicht aufgegeben hatte, ständiges Klingeln an der Tür. Kuhnke telefoniert immer wieder mit der Polizei, bittet darum, das Haus zu beobachten. Aber die Polizei will die Bedrohungslage nicht anerkennen. In den Tagen danach kommen Postkarten mit rassistischen Botschaften – Kuhnke bleibt dem Hass schutzlos ausgeliefert. „Es gibt keinen Grund für mich, jetzt leiser zu sein“ „Bisher sind auch wiederholte Bestellungen in nur einer Nacht für eine Strafbarkeit meist nicht ausreichend “, sagt Josephine Ballon. Aber das Gesetz wird gerade neu verhandelt und könnte bald hürdenärmer sein. „Es könnte dann ausreichen, wiederholte Handlungen vorzunehmen – darunter würden dann wohl auch mehrere unerwünschte Pizzalieferungen an dieselbe Adresse fallen“, sagt Josephine Ballon. Auch in Sachen Feindeslisten wird das Gesetz erneuert: „Aktuell wird sehr konkret ein Gesetzesentwurf verhandelt, der die Veröffentlichung von Feindeslisten auch ohne explizite Bedrohung strafbar macht.“ Man hat erkannt, dass bereits von der Veröffentlichung einer solchen Liste ein enormes Gefahrpotential für die Betroffenen ausgeht. Weil damit ja schon suggeriert wird, dass die genannten Menschen sich zurückhalten sollten. Jasmina Kuhnke hält sich nicht zurück. In einem TV-Interview sagt sie: „Es gibt keinen Grund für mich, jetzt leiser zu sein.“ Denn mit dem Rückzug aus dem Netz sei der Hass auch nicht weg. Stattdessen hat sie in Zusammenarbeit mit der Amadeu-Antonio-Stiftung den „SHEROES Fund“ eingerichtet, über den Menschen finanzielle Hilfe bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen bekommen können. Wie kann man sich schon vorher schützen? Geburtstage oder Adressen schützen "Eine Auskunftssperre im Melderegister beantragen", sagt Josephine Ballon. Damit darf die private Adresse nicht mehr herausgegeben werden – denn jede*r mit einem berechtigten Interesse kann beim Melderegister die Adresse von Menschen erfragen. „Dafür braucht man nur das Geburtsdatum einer Person oder eine frühere Anschrift", sagt Ballon. Bei vielen Social-Media-Accounts kann man das Geburtsdatum leicht erfahren. Es reicht, nach einem Foto mit Geburtstagskuchen zu suchen, darunter steht dann "Endlich 30!", schon ist alles klar. Das Problem mit der Auskunftssperre im Melderegister: Der Antrag wird meist erst positiv beantwortet, wenn es bereits eine konkrete Bedrohung gibt. Was man noch tun kann? Keine Orte posten, an denen man sich häufig aufhält. Wenn man einen Blog betreibt – wo die Impressumspflicht gilt – sollte man sich ein Impressum bei einem Anbieter mieten statt die private Adresse anzugeben. „Es wird immer neue Strategien im Netz geben“ Trotzdem darf der Schutz vor Hass und Hetze nicht zur Privatangelegenheit gemacht werden. Darum wird das Strafrecht endlich angepasst – allerdings scheint es den immer neuen Silencing-Strategien nicht hinterher zu kommen. Das sieht auch Jospehine Ballon von HateAid: „Wir sehen, dass Gesetzeslücken weiterhin ausgenutzt werden. Es wird immer neue Strategien im Netz geben, die man nicht so schnell strafrechtlich abbilden kann.“ Ein Beispiel dafür ist Jorinde Wiese, die in Sozialen Netzwerken laut ist und zum Thema Sexismus aufklärt. Bis März folgten ihr etwa 3000 Menschen auf Instagram, dann wird eine ihrer Hashtag-Kampagnen zum Twitter-Trend. Kurz danach folgt der Hass. „Ich hatte die Podcast-Folge einer prominenten Frau gehört. Sie erzählt darin, dass sie Opfer sexualisierter Gewalt durch ihren Ex-Partner wurde. Den Namen nennt sie nicht, aber man weiß, mit wem sie zusammen war.“ Nachdem Wiese den Podcast gehört hatte, entdeckt sie den Mann in ihrer Heimatstadt auf einem riesigen Werbeplakat für seine neue TV-Sendung. „Das hat mir Bauchschmerzen gemacht. Wie kann es sein, dass es für solche Männer in unserer Gesellschaft Geld und Prestige gibt, aber keine Konsequenzen?“ Wiese kennt die Antwort. Wiese will nichts Geringeres, als das Gesetz zu ändern. Viele Opfer sexualisierter Gewalt zeigen die Tat gar nicht erst an, weil sie wissen, dass man ihnen nicht glauben wird und sie ihr Nein nicht beweisen können. In Dänemark und Schweden muss man jetzt den Konsens beweisen – dass es also ein Ja gab. Aus einem Anwaltsschreiben, das später verschiedenen Medienhäusern vorgelegt wird, geht hervor, dass es ein gerichtliches Verfahren gegen den Ex-Partner der Podcasterin gab – aber es wurde eingestellt. Für Jorinde Wiese und viele andere Menschen ist das noch lange kein Grund, Opfern von sexualisierter Gewalt nicht zu glauben. „Das Problem sind nicht die Opfer, sondern das Sexualstrafrecht.“ Und Wiese will nichts Geringeres als es zu ändern. Opfer sexualisierter Gewalt müssen stichhaltige Beweise liefern, ihnen wird nicht geglaubt. Ein prominentes Beispiel: Nina Fuchs. Sie muss sich ihr Recht trotz dokumentierter Sperma- und DNA-Spuren von einem der zwei mutmaßlichen Vergewaltiger erkämpften – das macht sie seit Jahren, durch alle Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht. Kurz danach kommt der Hass auf Wieses Profil an Nachdem das Gericht den Fall der prominenten Podcasterin eingestellt hatte, durfte sie den Namen ihres Ex-Freundes nicht mehr öffentlich nennen. „Für mich gilt das nicht“, sagt Wiese. Kurz darauf startet sie eine Hashtag-Kampagne, die im April bei Twitter trendet. Die Podcasterin verweist über ihren eigenen Account kommentarlos auf Wieses Beiträge. Es gibt Solidarität – und auch Kritik: Dass mit der Kampagne der Name des Ex-Freundes genannt wird, sei Selbstjustiz. Wiese sieht das anders: „Ich habe bis heute keine Anzeige erhalten. Es geht mir nicht nur um eine genauere Überprüfung des Falls, sondern vor allem um eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung für konsensualen Sex.“ Was dann passiert, ist im Netz mittlerweile programmiert: Ein YouTuber mit großer Reichweite (über 1 Million Follower*innen) kritisiert die Aktion Mitte April, blendet Namen von Profilen in seinem Video ein – darunter auch Jorinde Wiese. Der gleiche YouTuber hat vor einigen Jahren öffentlich für die NPD geworben, äußert sich wiederholt abwertend über Feminist*innen – entsprechend ist die Haltung seiner Followerschaft. Kurz nach der Veröffentlichung seines Videos kommt der Hass auf Wieses Profil an. Es reicht, Wut zu schüren und einen Namen zu nennen „Morddrohungen, Vergewaltigungsfantasien, Beleidigungen“, in Wieses Postfach landet alles. „Täglich zwei- bis viertausend Nachrichten und Kommentare.“ Es ist nicht das erste Mal, dass Frauen Hatestorms ausgesetzt werden, nachdem ihr Account-Name von einem größeren Profil eingeblendet wurde. Im vergangenen Jahr machte ein Influencer auf Instagram genau das gleiche, nachdem er von Aktivist*innen für einen sexistischen Post kritisiert worden war. Daraufhin erhielten mindestens fünf Frauen über ihre Instagram-Accounts zahlreiche Hassnachrichten und Morddrohungen. Wie steht das Gesetz zu dieser Silencing-Strategie? Josephine Ballon sagt: „Es ist unter Umständen bereits jetzt schon strafbar, online dazu aufzurufen, eine Person zu kontaktieren. Hier greift zum Beispiel das Gesetz gegen Stalking.“ Allerdings haben weder der YouTuber noch der Influencer auf Instagram zu irgendetwas aufgerufen. Es reicht, Wut zu schüren und einen Namen zu nennen – das Ventil ist dann selbsterklärend. Hier hinkt das Gesetz hinterher. „Sie wollten, dass mein Account gesperrt wird, damit ich still bin“ Wiese löscht und blockiert Kommentare und Profile, macht Screenshots für Anzeigen bei der Polizei. Wogegen sie sich nicht wehren kann sind die gekauften Fake-Profile – eine neue Silencing-Strategie. „Innerhalb einer Minute folgten mir einhundert neue Fake-Profile. Sobald ich sie gelöscht hatte, waren eintausend neue da“, sagt Wiese. Also löscht sie im Team, meldet den Vorfall bei Instagram. „Ich wusste, warum das passiert.“ Instagram sperrt automatisch Accounts, die zu schnell zu viele Follower*innen bekommen. Insgesamt über 50 Tausend Fake-Profile bestellt jemand zu Wieses Account, auch die Einstellung von Öffentlich auf Privat nützt nichts. Auf dem Profil „Jorinde Wiese“ wird es stiller, eine Woche später ist es weg. Facebook, Instagram und Co. müssen mehr Ressourcen schaffen „In meinem Account steckt viel Arbeit und ein Netzwerk, das ich so schnell nicht wieder hätte aufbauen können. Die Community war damit zerstört“, sagt Jorinde Wiese. Josephine Ballon sieht hier die Plattformen in der Pflicht. „Gesperrte Profile, gelöschte Beiträge aufgrund von Massenmeldungen – das sind doch Fehlentscheidungen, die durch menschliche Kontrolle verhindert werden könnten“, sagt sie. Facebook, Instagram und Co. müssen also Ressourcen schaffen, um genau das sicherzustellen. Jorinde Wiese hatte Glück, Instagram reagiert auf ihre Nachrichten und gibt ihr Profil wenige Tage später wieder frei. Seitdem löscht sie immer wieder neue Fake-Profile. Das beschlagnahmt Zeit und Kraft, die sie nicht für ihren Aktivismus nutzen kann. Und wenn Instagram sie wieder sperrt? „Dann suche ich mir eine andere App. Ich bin ja auch auf Twitter oder ich würde auf Patreon weiterschreiben.“ Überrascht ist sie von all dem nicht. „Wenn man laut ist und sichtbar genug als Frau, dann wird man immer irgendwann angegriffen.“ Josephine Ballon sieht eine Gefahr im Prozessablauf hinter dem neuen Hatespeech-Gesetz: „Nicht immer muss eine Person, die von den Plattformen an das BKA gemeldet wurde auch etwas verbrochen haben – erst die Staatsanwaltschaft entscheidet, ob ein Verfahren überhaupt aufgenommen wird.“ Aber dann hat das BKA schon längst alle sensiblen Daten von den Telekommunikationsunternehmen bekommen. Zum Beispiel könnten satirische oder gesellschaftskritische Inhalte, die ganz klar von der Kunst- oder Meinungsfreiheit gedeckt sind, gemeldet werden, weil sie bestimmte Symbole nutzen. "In solchen Fällen werden Daten von Menschen herausgegeben und gespeichert, die sich für demokratische Grundwerte einsetzen. Das ist ein Schwachpunkt an der Vorgehensweise." ___STEADY_PAYWALL___

Wie unser Ableismus Menschen tötet

Wie unser Ableismus Menschen tötet

Vier Menschen mit Behinderung wurden getötet. In der Berichterstattung werden sie zur Nebensache. Genau das begünstigt weitere Gewalt. Der Donnerstag ist immer unser erster therapiefreier Tag in der Woche. Ich stille, stehe auf, ziehe das Baby an, ziehe das älteste Kind an, lege Sachen für das Mittlere raus. Ich mache Frühstück, belege und schneide Brote exakt nach der Vorstellung des einen Kindes, ich biete dem anderen Kind alle möglichen Nahrungsmittel an, am Ende reiche ich eine mit Mandelmus angereicherte Tasse Milch. Ich schicke das älteste Kind in die Kita, lege das Baby auf die Spieldecke, ich lasse das Mittlere kurz Fernsehen gucken. Ich räume auf. Ich gehe duschen. Wir gehen mit dem Hund raus. Zwischendurch höre ich Nachrichten im Radio. Erst später im Verlauf des Tages, als ich das Baby in den Schlaf gestillt habe, noch kurz liegen bleibe, damit es nicht aufwacht und durch Instagram scrolle, werde ich aufmerksam auf die Geschehnisse vom Abend zuvor. Nicht durch eine Meldung oder einen Artikel. Es ist die Instagram Story, die eine Mutter teilt, mit der ich schon lange schreibe: Am Mittwochabend attackierte eine langjährige Mitarbeiterin fünf Menschen und ermordet vier davon in ihrem Zuhause namens Oberlinhaus, einem Potsdamer Wohnheim für Menschen mit Behinderung. Das Kind der Mutter, deren Instagram-Story ich mir angesehen hatte, geht auf die Schule vom Oberlinhaus. Ich warte auf den Aufschrei Ich sitze auf dem Rand vom Bett, als ich online nach Informationen suche. Alles, was ich finde, sind kurze Meldungen von Lokalmedien. Ich lege das Handy weg. Tief in mir macht sich ein Gefühl breit, dass ich noch nicht fassen kann. Ich mache das Radio an. Ich warte auf die Nachrichten. Ich warte darauf, dass die großen Medien berichten. Ich warte auf die Worte, die Anteilnahme, den Aufschrei. Aber es bleibt still und ich habe ein dumpfes Gefühl in mir. Erst als die Kinder schlafen, fange ich an, meinem unguten Gefühl Worte zu verleihen. Mich trifft das Geschehene. Vier Menschen wurden Zuhause ermordet. Es geht mir auch nahe, weil wir Freund*innen, geliebte Menschen haben, die das hätten sein können. Weil ich die Ängste von befreundeten Eltern kenne, wer ihre Kinder pflegen soll, wenn sie es nicht mehr können. Weil wir nicht wissen, ob wir uns nicht mal dieselbe Frage stellen müssen. Es trifft mich, weil ich ein Teil der Community bin, ich die kollektive Bestürzung spüren. Und während alle anderen schweigen, fühle ich, wie allein wir sind. „Erlösung vom Leid“ als mögliches Tatmotiv Während viele Menschen wie Autorin Laura Gehlhaar und Moderatorin und Autorin Ninia LaGrande in meinem Feed die richtigen Worte finden, die richtigen Fragen stellen und auf Twitter #AbleismusTötet entsteht, bleibt es sonst entweder still oder in der Berichterstattung dreht sich alles um die vermeintliche Täterin, die Leitung des Oberlinhauses, die Mitarbeiter, die Anwohner. Ihre Betroffenheit, ihre Trauer, ihre aufopferungsvolle Arbeit. Die Perspektive der Opfer, der betroffenen Menschen wird nicht eingenommen. Fast scheint diese der breiten Öffentlichkeit fremder als die der vermeintlichen Täterin. Das Narrativ ist geprägt von dem selbstlosen Akt der Pflege und den schwierigen Bedingungen besonders während einer Pandemie. Journalistin Rebecca Maskos twittert: „Was wir brauchen: […] Eine Anerkennung systemischer Gewalt in vielen Behinderteneinrichtungen und einen gesellschaftlichen Kontext von Behindertenfeindlichkeit und Ableismus.“ Stattdessen spricht in einer Sendung vom rbb ein Polizeipsychologe von der „Erlösung vom Leid“ als mögliches Tatmotiv. Von Erlösung sprach man auch, als 216.000 Menschen mit Behinderung im dritten Reich systematisch ermordet wurden. Bis heute sind die Taten und Folgen der Eugenik-Programme der Nazis kaum bekannt oder aufgearbeitet. Bis heute werden Ideen von damals reproduziert. Bis heute werden Menschen mit Behinderungen entweder bemitleidet oder als tapfer gefeiert, weil sie etwas „trotzdem“ machen. Formulierungen wie „an den Rollstuhl gefesselt“ oder „leidet an“ verdeutlichen unsere Vorstellungen und Umgang mit dem Thema. Menschen mit Behinderung sind vermehrt Gewalt ausgesetzt Als am Freitag die Meldung kommt, dass die vermeintliche Täterin in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, ist mir endgültig klar, dass es hier nicht mehr zu einer längst überfälligen öffentlichen Diskussion kommen wird. Denn die vermeintliche psychische Krankheit der Tatverdächtigen, macht die Tat im Narrativ der Berichterstattung zu einem tragischen Fall, der überall hätte passieren können. Und das stimmt vielleicht auch, trotzdem kommt es immer wieder zu Vorfällen in Einrichtungen und dem Gesundheitswesen. Menschen mit Behinderung sind viel häufiger Opfer aller Arten von Gewalt ausgesetzt. Dabei geht es mir nicht darum, zu spekulieren, ob die vermeintliche Täterin nun psychisch krank ist oder nicht. Vielmehr geht es mir darum, wie wir gesellschaftlich mit psychischen Erkrankungen umgehen. Denn es sind nicht psychische Erkrankungen, die jemanden zur*m Täter*in machen. Und so schadet dieses Narrativ den Opfern ebenso wie Menschen mit psychischen Krankheiten. Statt einer differenzierten Auseinandersetzung und Prävention, werden Menschen mit psychischen Krankheiten stigmatisiert und Opfer nicht geschützt. Sich wiederholende Muster und Strukturen werden ignoriert. Mitarbeiter*innen und Leitung ignorieren Hinweise Dabei hat Deutschland eine Geschichte von Gewalt und Mord im Gesundheitssystem. Erst vor kurzem wurde bekannt, dass gegen 145 Mitarbeiter*innen einer Einrichtung in Bay Oyenhausen ermittelt wird. Es soll zu Freiheitsberaubungen und Körperverletzungen gegen Menschen mit Behinderung gekommen sein. Niels Högel tötete als Krankenpfleger wahrscheinlich mehr als 332 Menschen und ist somit für die größte Mordserie in der Geschichte Deutschlands verantwortlich. Die Krankenschwester Irene B. tötete sechs Menschen. Krankenpfleger Stephan L. tötet 28 Menschen. Zwischen 1970 bis 2006 wurden 11 Menschen aus dem Gesundheitswesen von deutschen Gerichten wegen Mord und Todschlag verurteilt. 2019 wurde 555 Fälle, wo Menschen mit Behinderung Opfer einer Straftat im Gesundheitswesen wurden, von der Polizei erfasst. Prof. Dr. med. Karl H. Beine kommt im Artikel „Tötungsserien in Krankenhäusern und Heimen: Morden gegen das Leiden“ im Ärzteblatt zu der Einschätzung, dass Mitarbeiter*innen und Leitung oft gewissen Tendenzen und Hinweise lieber ignorieren wollen. Es würde deutlich werden, „dass der Umgang mit beginnenden Verdächtigungen überall durch eine ausgeprägte Abwehrhaltung gekennzeichnet ist.“ Das ist keine Spekulation gegenüber dem Oberlinhaus. Es zeigt nur, dass wir Diskussionsbedarf hätten. Denn es beginnt mit uns. Es beginnt mit Ableismus. "Wirklich nicht so wichtig, wenn ein paar davon sterben" Der ableistische Hass flattert am Freitagmittag in mein Postfach: „Naja, Menschen mit Behinderung liegen in der Regel dem Staat auf der Tasche, da ist es dann wirklich nicht so wichtig, wenn ein paar davon sterben.“ Die finanzielle Belastung, die von Menschen mit Behinderung auszugehen scheint, ist ein großes Thema für viele. Auch ich werde regelmäßig darauf hingewiesen, dass ich diverse Leistungen unrechtmäßig in Anspruch nehmen würde. Jens Spahn wollte mit dem Intensivpflege-Gesetz Menschen, die beatmet werden müssen, lieber in Pflegeheim unterbringen. Nicht zuletzt um Kosten zu sparen. Und die leitende Ärztin beim MDK Bayern Prof. Astrid Zobel bezeichnet den Prozess der Hilfsmittelvergabe an Kindern mit Behinderung in einem Interview für „Kontrovers – die Story“ als „ressourcenschonend […], damit keine Versichertengelder unnötig verschwendet werden“. Für die von Aktivist Edwin Grewe geforderte Privatsphäre und Selbstständigkeit, die Menschen mit Behinderung schützen würde, haben wir in einem Gesundheitssystem, in dem Zahlen mehr zählen als Menschen, keinen Platz. Institutionell wird das Narrativ des behinderten Menschen, der so viel Geld und Aufwand kostet, verstärkt. Was sind Menschen mit Behinderung wert? Dabei geht es nicht wirklich um Geld. Es geht darum, was jemand wert ist. Wenn man die Perspektive der Opfer und Betroffenen nicht einnimmt, sondern nur davon berichtet, wie aufopferungsvoll und anstrengend ihre Pflege ist, wenn man von Erlösung als Motiv spricht, dann lässt man den Konsens zu, dass ihr Leben weniger lebenswert sei, dass ihr Leben weniger wert sei. Nicht nur durch den Mangel an Aufarbeitung der Eugenik-Programme, ist Ableismus in der deutschen Gesellschaft tief verankert. „Vom Internat zur Förderschule, dann Wechsel in ein anderes Wohnheim und von dort zur Werkstatt; später dann ins Altenheim, nicht selten finden sich all diese Adressen auf einem einzigen Gelände“, kritisiert Autor und Aktivist Raul Krauthausen in seinem Artikel „Vier Menschen sind tot, der Ableismus lebt“. Diese Trennung begünstige nicht nur Gewalt, sie mache sie auch unsichtbar. Da, wo wir nicht in Kontakt kommen, bleiben wir uns fremd. Wo wir uns fremd bleiben, können wir keine Diskriminierung abbauen. Wo Diskriminierung herrschen, stehen wir nicht füreinander ein. Wenn wir aber bei solchen Taten die Perspektive der Opfer und Betroffenen einnehmen, dann entsteht Verständnis für ihr Leben, für ihre Bedingungen. Dann bauen wir ableistische Vorstellungen und Strukturen ab. Wenn wir bei unserem Ableismus bleiben, werden wir weiter töten. ___STEADY_PAYWALL___

Sulwe - ein Kinderbuch über Colorism

Sulwe - ein Kinderbuch über Colorism

Von Autorin und Schauspielerin Lupita Nyong'o und Illustratorin Vashti Harrison Sulwes Haut ist Mitternachtsfarben. Sie ist dunkler als alle anderen in ihrer Familie. Und auch als alle anderen in ihrer Schule, wo sie für ihre Hautfarbe rassistisch beleidigt wird. Ihre Schwester Hawi hingegen bekommt Komplimente für ihr strahlendes Aussehen. Sulwe denkt, dass sie auch gerne so strahlen würde wie ihre Schwester und versucht, ihre Haut aufzuhellen. Aber das geht nicht. In der Nacht kommt eine Sternschnuppe und trägt Sulwe durch Raum und Zeit, zurück in die Vergangenheit. Sie erzählt Sulwe von einem Ereignis, das zwar vergangen ist, aber noch heute wirkt: Die Geschichte handelt von den Schwestern Tag und Nacht. Die Menschen liebten Tag und schlossen Nacht aus. Also schien Tag unablässig und schon bald wurde es den Menschen zu viel. Sie sahen ein, dass sie auch Nacht brauchten, um ein gutes Leben zu haben. "Das Leuchten gehört nicht dem Tageslicht allein. Licht gibt es in allen erdenklichen Farben. Und so manches Licht ist nur im Dunkeln zu sehen." "Bei Tag hatte alles einen goldenen Glanz. Bei Nacht war alles in Silberlicht gehüllt, das wie ein eleganter, schimmernder Schleier auf der Welt lag." Nachdem die Sternschnuppe Sulwe die Geschichte von Tag und Nacht gezeigt hatte, flog Sulwe wieder nachhause. Das Mädchen strahlte vor Glück - nach innen und außen. Die Geschichte von Sulwe ist am 30. April im Berliner Mentor Verlag erschienen. Die Geschichte erzählt von Selbstakzeptanz, Body Neutrality und Kolorismus, auch Colorism genannt. Was das genau ist, hat die Schwarze Autorin und Journalistin Fabienne Sand im Vogue-Schwesternmagazin This is Jane Wayne treffend beschrieben: "Ein Konstrukt, welches die Abwertung von Menschen aufgrund der Ausprägung ihres Phänotypes beschreibt. Ja, ganz richtig. Und zwar innerhalb einer von Rassismus betroffenen Gruppe." Der Ursprung von Colorism ist im aufkommenden Rassismus des 18. Jahrhunderts und der US-amerikanischen Sklaverei zu finden. Fabienne Sand schreibt: "Kinder aus „Interracial“ Beziehungen entsprachen einem weißeren Schönheitsideal und hatten „weißere“, „amerikanischere“ Gesichtszüge. Dunklere Phänotypen waren für niedere Arbeiten bestimmt. Sie galten als ungezähmter und charakterlich wilder, ja afrikanischer. Und heute? Heute lassen sich viele dieser Muster wiederfinden in der Art und Weise, wie BPOC rezipiert und gesellschaftlich eingeordnet werden." Lightskinned Schwarze Menschen werden aufgrund ihres Teints von weißen Menschen auch heute noch besser behandelt als darkskinned Schwarze Menschen. Lupita Nyong'o, die Autorin von "Sulwe", schreibt im Nachwort: "So wie Sulwe wurde auch ich für meinen mitternachtsfarbenen Hautton gehänselt. [...] Ich ließ nichts unversucht, um meinen Teint aufzuhellen. [...] Sulwe und ich mussten erst lernen, unsere Schönheit zu sehen." Dabei half ihr, andere Frauen mit dunklem Hautton zu sehen, die für ihre Schönheit gefeiert wurden. Als weiße Person mit weißem Kind finde ich es wichtig, Kinderbücher wie von Nyong'o zu lesen, denn einerseits sind diverse Kinderbuch-Held*innen wichtig für die Sehgewohnheit. Und andererseits werden in "Sulwe" ligh- bis darkskinned Menschen mit dem Thema Schönheit (innerer und äußerer) verknüpft - das passiert meiner Meinung nach noch viel zu selten in Medien. Begleitet wird die zauberhafte Geschichte durch die wunderschönen Illustrationen von Vashti Harrison, die offenbar das komplette Farbspektrum bemüht hat, um dieses Buch zu illustrieren. Die Farben gehen wunderbar weich ineinander über. "Sie versprachen einander, das Leuchten in sich zu feiern, ganz gleich, ob die Menschen es sehen wollten oder nicht." ___STEADY_PAYWALL___

Anzeige: Karton oder Glas - womit kurz die Welt retten?

Anzeige: Karton oder Glas - womit kurz die Welt retten?

Voelkel füllt seine Hafermilch in die Mehrwegglasflasche. Ist das wirklich besser? [Anzeige] Voelkel hat mich gebeten, ergebnisoffen zu ihrer neuen Hafermilch-Kampagne zu recherchieren. Ihre Aussage zum sogenannten „Karton“ als Verpackung: „Kann man machen. Muss man aber nicht.“ Denn: Voelkel ist seit einigen Monaten mit Hafermilch in der Mehrwegglasflasche am Start – als erster Getränkehersteller überhaupt. Was heißt das für Öko-Nerds? Klar: Alles kann, nichts muss. Aber was ist denn faktisch am besten für die Umwelt? Es könnte so einfach sein. Ökobilanzen recherchieren, vergleichen, fertig! Das habe ich getan. Und anschließend habe ich mit mehreren Vereinen und NGOs telefoniert, die mir erklärten, dass bei Ökobilanzen hervorragend geschummelt werden kann. Die werden nämlich von den Unternehmen selbst erstellt. Aktuell gibt es noch keine einheitlichen Berechnungen. Also schauen wir uns drei wichtige Öko-Faktoren an: Bestandteile, Wiederverwendbarkeit, Recycling. Woraus bestehen Glasflaschen und „Kartons“ eigentlich? Im Namen steckt schon mehr Schein als Sein - jedenfalls beim sogenannten "Karton". Der sollte eigentlich Kunststoff-Aluminium-Kartons heißen. Wirklich grün ist keiner der Bestandteile: Aluminium zum Beispiel wird aus dem Erz Bauxit gewonnen – dabei werden Regenwälder gerodet, indigene Völker vertrieben und Gewässer verschmutzt. Zudem scheint der Plastikanteil in Tetra Paks über die Jahre immer größer zu werden, manche „Kartons“ haben einen Anteil von 50 Prozent. Grün klingen nur die Bäume, die in Getränkekartons verarbeitet sind. Nach eigenen Angaben stammt das Holz für den Tetra Pak-Getränkekarton in Europa aus nachhaltig bewirtschafteten skandinavischen Wäldern. Minuspunkt: Wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) in einer kürzlichen Analyse herausfand, bestehen die Kartons vor allem aus Neufasern. Dabei gibt Tetra Pak an, einen Großteil der Verpackungen zu recyceln - aber dazu später mehr. Bei Glasflaschen ist der Name Programm: Sie bestehen tatsächlich aus Glas – bis auf den Deckel, den man aber getrennt entsorgen kann. Glasflaschen werden von der Glasindustrie hergestellt – nämlich in Schmelzwannen, in denen ein Gemenge aus Altglasscherben, Quarzsand, Kalkstein, Dolomit und Soda erhitzt und anschließend in Form gebracht wird. Pluspunkt für die Glasverpackung: Die genannten Rohstoffe sind global reichlich vorhanden und werden für die deutsche Glasindustrie im eigenen Land abgebaut. Da kann man sich gewissen Produktions- und Arbeitsstandards sicher sein. Minuspunkt: Aktuell werden die Schmelzwannen noch mit Erdgas beheizt und ballern somit ordentlich CO2-Emissionen in die Luft - allerdings wird sich das in naher Zukunft ändern. Die europäische Glasindustrie forscht an grüneren Varianten und testet ab nächstem Jahr eine Ökostrom betrieben Hybrid-Elektro-Schmelzwanne in Deutschland. Aber zum Vergleich: Die Mehrwegglasflaschen emittieren aktuell trotzdem nicht mehr CO2 als der Getränkekarton. Wie oft werden die Verpackungen verwendet? Laut Deutscher Umwelthilfe gibt es für Verpackung einen Merksatz: Einwegflaschen sind Umwelt-Flops, egal ob Glas oder Karton! Mehrwegflaschen sind Trumpf. Die Mehrwegglasflaschen von Voelkel lassen sich bis zu 50 Mal wiederbefüllen und sind damit etwa sechs Jahre im Umlauf. Voelkel gibt an, dass die Hafermilch-Mehrwegglasflaschen etwa 30 Mal wiederbefüllt werden. Im Gegensatz zu den Hafermilch-„Kartons“, die nach einmaligem Verbrauch im Müll landen. Nur mal so, für die Vorstellungskraft: Gäbe es im Getränkehandel nur noch Mehrwegflaschen, ließen sich jährlich damit 1,25 Millionen Tonnen CO2 einsparen! Die Bundesregierung hat deswegen gesetzlich vorgeschrieben, wie hoch die Quote an Mehrwegverpackungen sein sollte: 70 Prozent. Aktuell liegt sie aber bei 43 Prozent, das ist nicht mal nahe dran. „Die Bundesregierung sollte endlich gegenlenken – etwa mit einer Einwegabgabe von 20 Cent, auch auf Kartons“, sagt Elena Schägg, Projektmanagerin Kreislaufwirtschaft bei der DUH. Eigentlich wurde zwecks Gegenlenken schon 2003 der Pfand von 25 Cent auf alle Einwegflaschen eingeführt. Das hat aber nichts gebracht, man kriegt die 25 Cent ja wieder zurück - oder 15 Cent bei Mehrwegflaschen. Für Getränkekartons gibt es keinen Pfand, deshalb können sie nach Gebrauch überall landen, ohne dass es Verbraucher*innen stören würde. Und wer gewinnt beim Recycling? Bestehen Kartons nicht größtenteils aus recycelten Materialien? Immerhin hat Tetra Pak früher damit geworben „100 Prozent recycelbar“ zu sein. Und 2018 eine Recyclingquote von knapp 76 Prozent angegeben. Hier kommen die Fakten: Laut aktueller Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe werden gerade mal 30 Prozent der Kartons von Tetra Pak recycelt. Der Grund: Ein Großteil wird nicht über den Gelben Sack recycelt, einige Verpackungen müssen wegen Verschmutzung aussortiert und manche Bestandteile verbrannt werden. Gerade die Verbrennung wird häufig als Teil der Recyclingquote angegeben, dabei ist das kein Recycling, sondern genau genommen „Downcycling“. Und was kann die Glasmehrwegflasche? Glas ist grundsätzlich zu 100 Prozent recycelbar – sogar unendlich oft und ohne Qualitätsverlust. Voraussetzung: getrenntes Sammeln von Weiß-, Grün- und Braunglas in Altglascontainern. Je nach Glasfarbe können zwischen 60 (Weißglas) und 90 Prozent (Grünglas) des Gemenges in der Schmelzwanne aus Altglas bestehen – künftig sogar noch mehr. Aktuell liegt die Recyclingquote bei Glas um 83 Prozent – gesetzlich vorgeschrieben sind ab nächstem Jahr sogar 90! Damit ist Glas also mit großem Vorsprung am Recycling-Gold, dem sogenannten „Closed Loop Recycling“. Anders ausgedrückt: Aus Glas wird Glas wird Glas ... Damit finde ich die Kampagne von Voelkel auf den Punkt getroffen: Hafermilch im Tetra Pak kann man machen - zum Glück, denn der Preis entscheidet mit. Muss man aber nicht. Will sagen: Die Hafermilch von Voelkel in der Mehrwegglasflasche hat aus der Hafermilch im Tetra Pak eine Alternative gemacht. Umwelt-Heldin ist aber ab jetzt die Hafermilch von Voelkel.