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ADHS, Arbeit und Achtsamkeit

ADHS, Arbeit und Achtsamkeit

Wie ich in der Selbständigkeit eine erste Balance gefunden habe Ich habe Mitte Dezember zusammen mit meiner Projektpartnerin Anna Lisicki-Hehn ein Crowdfunding auf Startnext gestartet - darum ist hier so lange nichts passiert. Wir haben in den vergangenen vier Monaten ein modernes Freund*innenbuch gestaltet: Meine Crew - Ein Buch für Lieblingsmenschen und Mutgefühle. Es feiert Vielfalt, fördert den Umgang mit Gefühlen und ermutigt Kinder, die Welt mitzugestalten. Dabei hatte ich 2021 gar nicht damit gerechnet, dass ich ein Kinderbuch machen oder ein Crowdfunding starten würde. Es war eine spontane Idee, die sich aus einer Notwendigkeit heraus ergab: Ich hatte nämlich Anfang August ein Freund*innenbuch für mein Kind gesucht, das ich ihm zur Einschulung schenken wollte. Ich zog mit einer Vorstellung im Kopf durch Bücherläden, recherchierte im Internet und befragte am Ende auch meine Community auf Instagram - denn ich konnte einfach kein Freund*innenbuch finden, das mir gefiel und das wichtige Fragen über Gefühle und Beziehungen stellte statt "Was willst du später werden?" oder "Welche Augenfarbe hast du?". Es gab noch einige andere Aspekte, die mir in den üblichen Freund*innenbüchern nicht gefielen. Also beschloss ich kurzerhand, es selbst zu machen. Machen liegt in meiner Natur Ich war noch nie ein Mensch, der sich zu sehr an Strukturen orientieren konnte. Als in der Schule zum Beispiel meine Klassenkamerad*innen während der 11. Klasse ein Austauschjahr machten, organisierte ich mir meines als Billigvariante einfach selbst. Wir hatten keine 10.000 Euro, sondern 500 - das musste reichen. Also vermittelte ich zwischen meiner Schule und einer Schule in Westfrankreich, übersetzte Dokumente und organisierte mir eine Gastfamilie, der ich nur 200 Euro pro Monat fürs Essen bezahlen musste. So konnte ich dort immerhin zwei Monate eine Lycée besuchen. Im Studium organisierte ich mir mein Erasmus-Jahr an genau der Uni in Irland selbst, die ich für richtig hielt statt an einer Partner-Uni der Hochschule und als ich im sechsten Semester mit Baby zurück an meine Hochschule kam, ließ ich dort den ersten Baby-Betreuungs-Raum einrichten. Strukturen zu verändern braucht gewisse Ressourcen - Zeit, Kraft, Geld, Normschönheit, Geduld, tatkräftige Unterstützung - je nachdem... Man muss Grenzen verschieben und Menschen davon überzeugen, dass das eine gute Idee ist. Ich konnte im Laufe meines Lebens immer wieder kleinere Strukturen verändern, das war für mich auch immer sehr befriedigend und selbstermächtigend. Ich machte zu lange und zu viel das, was mir Kraft raubte Das Gegenteil davon war für mich ein Boreout. Wer Strukturen nicht auf die eigenen Bedürfnisse anpassen kann, brennt auf lange Sicht aus. Da hilft auch jedes Resilienz-Training nichts - davon bin ich überzeugt. Bevor ich selbständig wurde, hatte ich vier Jahre bei einer Zeitung gearbeitet, in der ich zu meinen Bedingungen nichts bewegen konnte. Ich war damals alleinerziehend und noch nicht im Wechselmodell, habe in Teilzeit gearbeitet und landete - natürlich - auf dem Abstellgleis. Zwei Jahre lang hatte ich dort versucht, meine Arbeitsstrukturen so zu verändern, dass sie zu mir passten - vergeblich. Anfang 2019 saß ich weinend beim Hausarzt und wiederholte ständig, dass ich nicht mehr konnte. Ich machte zu lange und zu viel das, was mir Kraft raubte und so gut wie niemals Kraft zurückgab. Ich wurde von den Strukturen zermalmt. Mein Hausarzt sagte, es sei ein Burnout. Meine damalige Therapeutin sagte, es sei eine depressive Episode und meine Frauenärztin sagte, es sei eine Hormonstörung. Ich sage, es war das System. Heute weiß ich, dass meine Neurodiversität eine erheblichen Einfluss auf mein Arbeitsleben hat. Bevor ich Journalismus studierte, steckte ich in einem dualen Studium bei der Rentenversicherung fest. Ich fand die Arbeit mit den Akten öde und ermüdend, aber versuchte vernünftig zu sein, dagegen anzukämpfen und schleppte mich weiter hin. Bis ich eines morgens nicht mehr aufstehen konnte, weil mir so schwindelig war, dass ich nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Der Schwindel dauerte zwei Tage. Danach brach ich das Studium endlich ab und studierte nicht mehr nach Vernunft, sondern nach Interesse - was mit viel Kraftanstrengung, Arbeit und Glück funktionierte und sich als äußerst vernünftig herausgestellt hat. Auch wenn ich die Bafög-Schulden immer noch abbezahlen muss. Ich glaube nicht, dass man Durchhalten übt, indem man sich "einfach zwingt", Dinge durchzuhalten. Mein Körper hat schon immer extrem auf meine Psyche reagiert und meine Psyche war auch nie das stille Wasser, sondern eher der reißende Fluss. Als ich ein Kind war, sagte meine Mutter, ich sei entweder himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. Ich war das anstrengende Kind, das man auf eine Sportschule schickte und zusätzlich in Sportvereine, um es beschäftigt zu halten. Immerhin. Dafür bin ich dankbar! Meine alleinerziehende Mutter hat immer versucht, mir all meine Einfälle und Sehnsüchte zu ermöglichen - und davon gab es jede Menge. Das bedeutete aber auch, dass ich das meiste nicht zu Ende brachte. Ich spielte Gitarre und Fußball im Verein, nahm Reitunterricht, Ballettstunden, Judo-Unterricht und war im Basketball-Verein. Ich war Cheerleaderin, wollte Programmieren lernen und meldete mich sogar einmal selbständig in einem Internat an - meine Mutter wunderte sich nicht großartig über den Anruf der Internatsschule und lachte den Schulleiter aus als er ihr von den Schulgebühren erzählte. Ich wechselte mit 14 selbständig die Schule, weil ich auf meiner Oberschule damals nicht mehr glücklich war. Ich wählte direkt einen anderen Bezirk. Meine Mutter unterschrieb immer fleißig, wenn es nichts kostete. Ich könnte nun bei der Aussage bleiben, dass ich nichts zu Ende brachte. Aber stattdessen bin ich dankbar für alles, was ich schon in jungen Jahren erlebt habe. Aber im Arbeitsleben kommt es nicht nur auf wilde Ideen und den ersten Motivationsschub an, sondern eben manchmal doch auf das Durchhalten. Aber mal von den Lebensumständen abgesehen: Ich glaube nicht, dass man Durchhalten übt, indem man sich "einfach zwingt", Dinge durchzuhalten. Sich zuhören und Angebote machen Der Trick war für mich, mir selbst zuzuhören und mir schließlich Angebote zu machen, die mir beim Durchhalten helfen könnten. Das habe ich erst gelernt, als ich vor drei Jahren selbständig geworden bin. Ich musste lernen, mich zu organisieren, denn ich merkte schnell, dass ich Aufgaben aufschob, bis sie extrem dringlich wurden. Dann arbeitete ich gestresst Tage und Nächte durch, um Deadlines einzuhalten. Und dieses Leben in Extremen fühlte sich plötzlich gar nicht mehr gut an. Weil es um meine Existenz ging und ich ständig wieder Panik hatte, meine Arbeit nicht zu schaffen und keine Aufträge mehr zu bekommen. Schließlich verdiene ich allein das Geld in unserem Haushalt. Ich wusste, dass diese Selbständigkeit ein langfristiges Projekt sein sollte - ich wollte mir da etwas aufbauen - und entsprechend musste auch meine Arbeitsweise nachhaltig gestaltet werden. Meine Aufgabe lautete also: Wege finden mit meiner stürmischen Natur zu arbeiten - ohne in ein nächstes Loch zu rutschen. Eine Lösung à la "9-to-5-Job" ist für mich nicht sinnvoll. Ich habe gute Tage und schlechte - und sehr schlechte. Manchmal kann ich mich gut konzentrieren, manchmal nicht. Manche Aufgaben motivieren mich extrem, durch andere müsste ich mich theoretisch durchquälen. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um die Signale meines Körpers zu entdecken, richtig interpretieren zu können und mich zu trauen, auf sie zu hören - wenn es möglich ist, denn auch in meinem Leben kommen Dinge dazwischen, die ich nicht kontrollieren kann. Was mir gut tut Ich habe gelernt, meine Freizeit zu planen, weil sie ein wichtiger Teil meiner Lebensbalance ist. Um in Balance zu bleiben, brauche ich ein bis zwei Dates mit Freund*innen und zwei bis drei Mal Sport in der Woche - das habe ich durch zwei Jahre des Herumprobierens und des Nachfühlens herausgefunden. Und ich brauche eine Uhrzeit am Nachmittag, zu der ich die Arbeit beende - meine eigene Deadline quasi. Denn dann bleibt keine Zeit fürs ewige Aufschieben der Aufgaben bis in den Abend hinein - was für manche durchaus funktionieren kann, aber ich arbeite abends nicht gut, ich bin Frühaufsteherin. Ich brauche auch manchmal Aufträge, die mich nicht erfüllen, aber die Geld in die Kasse bringen. Weil ich sonst am Ende des Monats nur noch am Taschenrechner hänge und all meine mentalen Kapazitäten ständig beim Geld stecken. Es gibt Phasen, in denen ich Medikamente nehme, um Arbeit erledigen zu können. Und es gibt Phasen, in denen mein Körper es selbst schafft - etwa weil mich die Aufgaben und/oder die Aussicht genug mental stimulieren. Wenn ich beispielsweise viel Bürokram erledigen muss, nehme ich lieber die Medikamente statt zu Prokrastinieren. Früher hasste ich Routinen, heute brauche ich sie Ich dachte immer, ich wäre kein Fan von Struktur und Routine. "Ich hasse Routine", habe ich früher immer gesagt. Ich hasste das Planen und Planer selbst. Und natürlich habe ich sie gehasst, weil die Routinen, Pläne und Arbeitsweisen damals überhaupt nicht zu mir passten und mich anstrengten, statt mir durch den Tag zu helfen. Heute kann ich sagen: "Ich brauche Struktur und Routinen" - meine Struktur und meine Routinen. Ich brauche Planer - schon allein, weil ich sonst ständig etwas vergesse. All die Hilfsmittel sind nicht mehr und nicht weniger als kleine Tricks und Kniffe, die mich unterstützen und entstanden sind, weil ich achtsam mit mir umgegangen bin und weil glücklicherweise die nötigen Ressourcen hatte. Diese Geschichte ist kein Happy End, sondern ein Ist-Zustand Meine bisherigen Routinen sind nicht perfekt und ich falle auch immer wieder aus ihnen heraus, muss sie mir neu erarbeiten, manchmal auch anpassen. Eine erste Balance zu finden bedeutete für mich, dass es jetzt gut ist - so gut, wie ich es mir eben einrichten kann. Die Balance bleibt nicht von alleine, sondern ist etwas, dass ich ständig anstrebe. Balance ist nicht extrem, sondern eine Gratwanderung, ein Drahtseilakt. Und es ist schön, wenn ich auf dem Seil stehe mit all meinem Gepäck und den Dingen, die ich jetzt nunmal nicht ändern kann. Bis ich wieder herunterfalle, das wird wohl immer dazugehören. Hier "Meine Crew" noch bis zum 15.01.2022 vorbestellen. ___STEADY_PAYWALL___

Digitaler Aktivismus: Stecken wir in Echokammern fest?

Digitaler Aktivismus: Stecken wir in Echokammern fest?

Ein Kommentar von Bloggerin und Aktivistin Hami Nguyen „Hey, du umgibst dich ja nur noch mit Menschen, die deine Meinung spiegeln. Du lässt gar keine anderen Standpunkte mehr zu – komm mal raus aus deiner Echokammer!“ Seit geraumer Zeit müssen sich links-feministische Aktivist*innen genau das zum Vorwurf machen lassen - immer wenn sie sich gegen Formen von Diskriminierung stellen. Dabei geht es nicht um Echokammern, sondern vielmehr darum das eigene diskriminierende Verhalten unter dem Deckmantel eines vermeintlichen Meinungspluralismus zu verteidigen. Überprüfen wir den Vorwurf trotzdem: Der Sammelbegriff „Echokammer“ bedeutet, dass eine Gesellschaft immer weiter in einzelne polarisierende Gruppen aufgeteilt wird, wenn Menschen ihre Informationen nur noch von Gleichgesinnten erhalten. Die befürchteten Konsequenzen sind eine Verengung des Weltbildes, eine Gefährdung der gesellschaftlichen Integration und des gesellschaftlichen Konsenses. (Vgl. Aelst et al. 2017) Die Echokammer-Theorie ist wissenschaftlich nicht belegt Das Ergebnis mehrerer Studien zeigt, dass die gern im Diskurs geäußerte Furcht vor einer gesamtgesellschaftlichen Fragmentierung und der damit verbundenen politischen Polarisierung empirisch nicht gestützt wird. Es heißt auch, dass die wachsende Präsenz sozialer Medien nicht unbedingt zu politisch homogenen Gruppen führt, denn nach wie vor informieren sich die meisten Menschen immer noch über klassische Nachrichtenkanälen, wie Zeitungen. Fakt ist also, dass das Argument der Echokammer nicht wissenschaftlich belegt ist und damit zunächst einmal gar nicht so relevant ist, wie es oft dargestellt wird. Wie möchte ich aber persönlich damit umgehen und was kann ich dagegen tun nicht nur in Räumen zu bleiben, in denen meine eigenen Ansichten gespiegelt werden? Im Zuge dessen kommt mir eine weitere Frage auf: Wie kann ich abwägen zwischen dem Verlassen der Echokammer und Accounts zu folgen, die problematische Inhalte teilen, ohne diese mit meinem Follow zugleich zu unterstützen? Denn ein Follow bedeutet auch die Stärkung der Reichweite und Relevanz dieser Profile. Wie kann ich mich über andere Ansichten informieren? Möchte ich aus meiner eigenen Echokammer kommen und andere Lebensrealitäten und politische Einstellungen hören, kann ich Bänker*innen, Friseur*innen, Bachelorette-Promis, Beauty-Influencerinnen folgen. Kann ich trans* Personen, Menschen mit Behinderung oder Alleinerziehenden folgen und ihnen zuhören. Es gibt viele Möglichkeiten, die individuell variieren können. Wir leben bereits in einer diskriminierenden Gesellschaft – das ist doch die eigentliche riesige Echokammer, in der wir uns befinden. Möchte ich meine Perspektive erweitern kann ich mich auf die Stimmen konzentrieren, die sonst nicht gehört werden. Wir leben bereits in einer diskriminierenden Gesellschaft – das ist doch die eigentliche riesige Echokammer, in der wir uns befinden. Wozu braucht es dann noch mehr Perspektiven, die gesellschaftlich verankerte Diskriminierungen reproduzieren? Meinungspluralismus bedeutet nicht Diskriminierung zu dulden. Denn Meinungspluralismus, der auf Diskriminierung fußt, ist der Gesellschaft nicht dienlich. Wirklichen Meinungspluralismus haben wir erst, wenn die Perspektiven aller marginalisierten Gruppen gehört werden. Sehen wir also gerade den Online-Aktivismus als eine Chance, da nirgendwo so viele Menschen mit verschiedenen Hintergründen gesellschaftliche Teilhabe erlangen können und verlassen wir auf diesem Weg unsere Echokammer. ___STEADY_PAYWALL___

Wir haben keine Zeit für Inklusion und Diversität

Wir haben keine Zeit für Inklusion und Diversität

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag nicht schreiben - Eszter sollte. Aber ihr fehlt die Zeit. Es ist elf Uhr, ich habe genau eine Stunde Zeit, um diesen Text zu schreiben. Danach steht Mittagessen auf dem Plan und dann andere Projekte bis 16 Uhr. Um 17 Uhr geht mein Kurs im Fitnessstudio los, den ich für meine mentale und körperliche Gesundheit heute unbedingt besuchen will, denn ab morgen ist mein Kind wieder drei Tage bei mir - Mama-Zeit - und leider gibt es in meinem Studio keine Kinderbetreuung. Um 19 Uhr gibt es Abendbrot, danach versorge ich meine Katzen und falle ins Bett - mit einer Freundin am Telefon, einem Hörbuch auf dem Ohr oder irgendeinem Videosteaming-Anbieter auf dem Laptop. Ich brauche acht Stunden Schlaf, um morgens gut aus dem Bett zu kommen. Meine Tage sind zeitlich begrenzt, genau wie die anderer Menschen: Wir alle haben 24 Stunden, also alles fair oder? Nein. Denn während ich Zeit habe, um diesen Text zu schreiben, pflegen andere Mütter ihre kranken Kinder - und bleiben still. Zeit ist politisch. Es ist 11:12 Uhr. Ich wollte diesen Text nie schreiben. Ich hätte mir gewünscht, dass Eszter ihn schreibt, weil sie stärker betroffen ist von der fehlenden Zeit, um dieses Mag mit Texten zu füllen. Sie ist pflegende Mutter von drei behinderten Kindern - das ist kein Geheimnis und steht auch auf unserer Über-Uns-Seite. Dass in Politik und Gesellschaft Stimmen wie die von Eszter zu hören sind und mit ihnen Forderungen für ein besseres Leben, ist wichtig - insbesondere, wenn wir Gerechtigkeit wollen. Denn was pflegende Eltern er- oder besser gesagt überleben, sind Tage voller Therapie- und Diagnose-Termine, voller Anträge schreiben, Telefonaten mit Behörden und voll vom mal mehr und mal weniger geduldigen, aber vor allem einsamen Begleiten von Kindern, die so viel intensiver begleitet werden müssen als gesunde und mit der Zeit selbständiger werdende Kinder. Pflegende Eltern wie Eszter sind leider nicht laut, denn sie haben keine Zeit dafür. Sie müssen all ihre Zeit hergeben, damit ihre Kinder (gut) leben können. Das liegt nicht zuletzt auch an einem umständlichen bürokratischen System und fehlender Inklusion in Kitas und Schulen. Es ist 11:23 Uhr. Laut Artikel 24 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) hat jeder Mensch ein Recht auf Freizeit: «Jeder Mensch hat Anspruch auf Erholung und Freizeit sowie auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und auf periodischen, bezahlten Urlaub.» Dieses Recht ist der Gewerkschaftsbewegung zu verdanken. Nur leider wird Care-Arbeit immer noch nicht als Arbeit anerkannt, sonst hätten auch Mütter bzw. pflegende Eltern ein Recht auf Freizeit und wir müssten uns als Gesellschaft noch mehr Gedanken darüber machen, wie wir das Kümmern und Pflegen organisieren sollten. Kinder- und Pflegegeld helfen nicht dabei, Zeit für Erholung freizuschaufeln - Eltern geben das Geld für Essen, Pflegemittel, Kleidung, Spielsachen usw aus. Es ist Geld, dass die Lebensqualität des (zu pflegenden) Kindes hebt - aber nicht die Zeit der (pflegenden) Eltern. Es ist 11:30 Uhr. Pflegende Mütter wollen nicht nur Freizeit, manche wollen vor allem gesellschaftliche Teilhabe in Form von Lohnarbeit. In Artikel 23 der AEMR steht, dass alle ein Recht auf Arbeit haben. Aber pflegende Eltern können dieses Recht nicht wahrnehmen, weil sie keine Zeit haben - sie pflegen. Wie könnten sie das einklagen? Im Gesundheitswesen fehlt es an unterstützenden Strukturen, Familien werden sich selbst im Privaten überlassen. Die stationäre Pflege der Kinder ist für viele nicht zumutbar. Sie wollen - wie so viele andere Familien - selbstverständlich zusammen wohnen und lohnarbeiten. Es ist 11:42 Uhr. Ich hatte die Vision von einem inklusiven Online-Magazin und davon, dass hier zwei pflegende Mütter regelmäßig schreiben. Aber das Problem ist die fehlende Zeit und dass ich ihnen keine Zeit in Form von Assistent*innen und Pflegekräften kaufen kann - mir fehlt das Geld. Sie müssten gesellschaftlich und politisch gehört werden, sie hätten ein Recht auf Frei- und Arbeitszeit, aber in diesen privaten Strukturen der Familie wird beides nicht gemessen. Und als Magazin, das komplett von marginalisierten Menschen betrieben wird, fehlen uns als Team die Ressourcen, diesen Missstand selbst zu bewältigen. Es ist 11:55 Uhr. Ich habe nicht mehr Zeit für diesen Artikel - ich muss jetzt lohnarbeiten. Dieses Magazin ist ein Herzensprojekt, das noch zu wenig Geld abwirft. Und es wirft zu wenig Geld ab, weil wir als marginalisierte Gründerinnen zu wenig Zeit haben, um uns qualitativ darum zu kümmern - kein Wunder, dass marginalisierte Personen kaum gründen, die Klimabewegung vor allem weiß und akademisch ist und Reiche immer reicher werden. Zeit ist eine Ressource und ein Privileg. Als Mutter verdiene ich kein Geld daran, mein Kind liebevoll ins Leben zu begleiten. Ich nehme mir sehr viel Zeit für jedes seiner Gefühle - ich bin geduldig. Ich verschenke meine Zeit, weil Carearbeit nicht anerkannt wird. Das Kinderkriegen und die qualitative Erziehung sind Dinge, die man sich privat leisten können muss, wenn man eigentlich auch Karriere machen will. Es ist 11:57 Uhr. Am besten lebt, wer die eigene Zeit und möglichst noch die Zeit anderer in sich selbst investiert. Darum kaufen Unternehmer*innen zusätzlich die Zeit anderer ein - in Form von Lohnarbeit. Wir leben in einer Zeit, in der die meisten von uns sowohl vom Arbeiten arm werden als auch vom Kümmern. Wir schaffen diese Umwälzung nicht, bei der sich plötzlich die eigene Zeit vermehrt. Dafür braucht es Ressourcen zum Investieren, aber marginalisierte Menschen haben oft keine. Und vor allem schließt die Logik dieses Systems Gerechtigkeit kategorisch aus. Es funktioniert nur mit Verlierer*innen. Wir man ohne nennenswertes Kapital - wie es größere Unternehmen durchaus haben - ein strukturell gerechtes Magazin in einer strukturell ungerechten Welt aufbaut? Wir wünschten, es gäbe eine Antwort darauf. Es ist 12:00 Uhr. Ich schicke den Text an Eszter. Sie hat erst später Zeit zum Lesen - sie pflegt. ___STEADY_PAYWALL___

"Wir müssen das Fühlen üben"

"Wir müssen das Fühlen üben"

Zum Tag der Emotionalen Achtsamkeit schreibt Yassamin Boussaoud über die Macht der Gefühle Heute ist Tag der emotionalen Achtsamkeit und eigentlich könnte der Zeitpunkt über dieses Thema zu schreiben, nicht ungeeigneter sein. Denn in meinem Leben stehen gerade viele Veränderungen an und in mir herrscht ein großes Gefühlschaos. Vielleicht ist es aber auch genau deshalb der richtige Zeitpunkt darüber zu schreiben. Denn ich habe das Gefühl, dass wir viel zu wenig darüber sprechen, was es bedeutet ein emotionales, fühlendes, emotional-intelligentes Wesen zu sein. Und noch weniger darüber, wie anstrengend das manchmal im Umgang mit anderen Menschen sein kann. Dass wir häufig eben nicht einfach wissen, wie wir mit bestimmten Gefühlen umgehen, die Grenzen unseres Gegenübers und auch unserer eigenen achten. Ich habe in der Schule zwar gelernt, Stilmittel aus einer Glosse herauszusuchen und Parabeln zu zeichnen. Wie ich mit extremen Gefühlen wie Wut, Traurigkeit oder Enttäuschung umgehen kann jedoch nie. Und das betrifft nicht nur mich, sondern unsere gesamte Gesellschaft. Emotionale Intelligenz, der Umgang mit Emotionen hat keinen außerordentlichen Stellenwert in der deutschen Erziehung und Bildung. Ich arbeite seit über zehn Jahren mit Kindern unter drei Jahren in Kitas und wenn ich eine Sache nennen muss, die für diese Arbeit wesentlich ist, dann auf jeden Fall emotionale Kompetenzen. In meiner Arbeit spielt es eine große Rolle, wie gut ich mit meinen eigenen Emotionen umgehen kann, ob und wie ich sie benennen kann, wie gut ich meine eigenen Bedürfnisse und Grenzen kenne, fordern und aufzeigen kann und vor allem, wie achtsam ich mit den Gefühlen meiner Gegenüber umgehen kann. Tatsächlich nahm dieser Bereich jedoch einen eher geringen Anteil in meinen Ausbildungsplan ein. Nicht, weil er als nicht wichtig genug eingestuft wurde, sondern vielmehr aus einem Selbstverständnis heraus. Wir fühlen, also sind wir Wir fühlen, also sind wir. Einige unserer Gefühle erleben wir bereits, ehe ein Bewusstsein für uns selbst oder diese Welt vorhanden ist. Unbehagen, Zufriedenheit, Überraschung. Andere können wir fühlen, ehe wir Namen dafür kennen. Eifersucht, Furcht, Interesse, Ekel, Freude. Und dann gibt es jene Gefühle, deren Beschaffenheit wir vielleicht auch als erwachsene Personen nicht immer greifen können. Angst, Wut, Traurigkeit, Scham, Liebe. Dass wir all diese Gefühle wahrnehmen können, bedeutet jedoch nicht, dass wir auch wissen, wie wir mit ihnen umgehen können oder sollten – um uns selbst und anderen achtsam zu begegnen. Manche von uns fühlen laut und stürmisch – wie ein tosender Wasserfall. Andere ganz still, wie ein Sternenhimmel in einer Sommernacht. Und weil wir bereits fühlen ehe wir auch nur das geringste darüber wissen, nehmen wir es als völlig selbstverständlich wahr, ähnlich wie unsere Atmung. Doch unser Herz ist ein Muskel. Und dieser Muskel kann trainiert werden. So unterschiedlich wir Menschen sind, so unterschiedlich fühlen wir. Manche von uns fühlen laut und stürmisch – wie ein tosender Wasserfall. Andere ganz still, wie ein Sternenhimmel in einer Sommernacht. So manch eine*n überkommen die Gefühle wie eine Welle im tiefblauen Meer. Bei anderen wiederum ziehen sie auf, wie ein Gewitter an einem zu heißen Tag. Es gibt Menschen, die sprühen Funken, wie ein Vulkan. Andere leuchten wie die Sonne. Gefühle können sein wie Regen im Frühling, Tau am Morgen, ein Wirbelsturm am Wüstenrand, Druck in der Tiefe des Ozeans. Und ich glaube, dass alle diese Arten zu fühlen wertvoll sind. Aber ich glaube auch, dass wir zu selten darüber sprechen, dass es eben keine Selbstverständlichkeit ist, dass wir unsere Art zu fühlen kennen und benennen können. Zwischen dem was ich sagen und dem was ich schreiben kann herrscht eine große Diskrepanz Ich kann nur schwer über meine eigenen Gefühle sprechen. Was mir jedoch hervorragend gelingt ist, darüber zu schreiben. Und so finden sich in meinem Regal etliche Notizbücher, gefüllt mit Emotionen der letzten Jahre. Gefüllt mit Lyrik über besonders gefühlvolle Momente. Positiv sowie negativ gelesene. Gefüllt mit Worten, die beschreiben sollen, was in mir vorgeht. Und so fällt den Menschen in meinem Umfeld meist sehr schnell auf, dass zwischen dem was ich sagen und dem was ich schreiben kann, eine große Diskrepanz herrscht. Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, dann ist es durchaus möglich, dass meine Antwort lautet: „Ich fühle mich wie Wackelpudding“ oder „So als würde ich gleich zerspringen“. Meine Empfindung mit nur einem präzisen Wort zu benennen, gelingt mir nur wenn es sich um Müdigkeit oder Hunger handelt. Für alles andere brauche ich viele Worte. Viele beschreibende, oft sehr lyrisch geprägte Worte. Als Kind eines narzisstischen Elternteils konnte ich es mir nicht leisten intensiv zu fühlen Dass das so ist, ist nicht überraschend. Denn ich lerne erst seit ein paar Jahren zu fühlen. Als Kind eines narzisstischen Elternteils konnte ich es mir nicht leisten intensiv zu fühlen. Ich packte meine eigenen Gefühle in eine Kiste. Das war eine notwendige Überlebensstrategie. Ich musste stets auf der Hut sein. Und so lernte ich, die Emotionen meines Gegenübers so präzise wie möglich zu lesen und darauf passend zu reagieren. Das ist etwas, was ich bis heute sehr gut kann, weshalb ich in meinem Berufsleben als sehr anpassungsfähig und diesbezüglich unkompliziert gelte. Problematisch wurde dies aber vor allem dann, wenn ich meine eigenen Gefühle ignoriere und mich nur auf die meiner Gegenüber konzentriere. Denn so eine Kiste an Gefühlen ist nicht unendlich groß und tief und so kam es zu Beginn meines Fühl-Trainings nicht selten vor, dass der Deckel dieser Kiste im ungünstigsten Moment, einfach aufklappte und die Gefühle der letzten Wochen, Monate und Jahre auf mich einprasselten wie Hagelkörner. Ein paar Jahr Therapie halfen mir dabei, diese Kiste zu leeren und nur noch im Notfall zu verwenden. Es ist wichtig, das Fühlen zu üben Aber richtig gut fühlen und darüber sprechen, konnte ich auch dann noch nicht. Und da kam, so simpel dies nun klingen mag, ein Kinderbuch ins Spiel. Ein Buch über ein kleines buntes Monster, dass Hilfe dabei braucht, sein „Gefühls-Wirrwarr“ zu ordnen. Ich habe dieses Buch als Grundlage verwendet, um mit meinen Kita-Kindern emotionale Kompetenzen zu trainieren und schließlich ein Jahresprojekt daraus gemacht. Mit Bildkarten und kreativen Angeboten und Liedern und Gefühlstabellen. Anfangs fiel mir nicht auf, wie sich dadurch mein eigener Umgang mit meinen Gefühlen änderte. Aber nach und nach bemerkte ich Fortschritte in der Kommunikation mit anderen Menschen und irgendwann fiel auch meinen Freund*innen auf, dass ich meine Emotionen, meine Bedürfnisse und Grenzen greifbarer, nachvollziehbarer kommunizieren konnte. Ende habe ich mindestens genauso viel davon mitgenommen, wie meine Kinder, wenn nicht mehr. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, das Fühlen langfristig zu üben. Die Kommunikation darüber langfristig zu üben. Und anzuerkennen, dass es in Ordnung ist, das als ebenso schwierig zu empfinden wie andere Lernprozesse. Fühlen, Gefühle aushalten können ist Arbeit und ich wünschte, ich hätte dies früher gelernt. In meiner Kindheit. Denn von Erwachsenen erwarten wir diesbezüglich leider viel zu oft zu viel. Auch wenn in meinem Fall besondere Umstände meine sozial-emotionale Entwicklung erschwerten, so ist dennoch wie zu Beginn erwähnt unser System nicht darauf ausgelegt, dass wir das Fühlen lernen und üben. Und so gibt es unter uns ganz viele Menschen, die damit jeden Tag zu kämpfen haben: Wenn sie Kritik erfahren, zurückgewiesen werden, stolz sein wollen – sich jedoch nicht trauen, wenn sie Angst vor etwas haben, Abschied nehmen müssen, ihre Privilegien hinterfragen sollten, sich verlieben. Und dass wir bestimmte Gefühle positiv lesen und andere als negativ bewerten, macht die Sache nicht einfacher. Emotionale Achtsamkeit ist für mich die Anerkennung der Menschlichkeit Zu lange haben wir angenommen es wäre besonders hilfreich, möglichst rational zu sein und es fand eine klare Trennung zwischen Rationalität und Emotionalität statt. Diese Sichtweise wurde in Deutschland vor allem auch von Immanuel Kant geprägt und diente zudem als Mittel der Unterdrückung nicht-westlicher, nicht-weißer Kulturen, in denen diese willkürliche Trennung nicht stattgefunden hatte. Heute wissen wir zum Glück, dass diese Trennung dem menschlichen Wesen widerspricht. Doch so ganz angekommen ist dies auch heute noch nicht bei allen Menschen. Vor allem nicht in Wirtschaft und Politik. Die Initiative für den Tag der emotionalen Achtsamkeit erklärt: „Emotionale Achtsamkeit ist ein urteilsfreies, absichtsloses Fühlen von Emotionen und körperlichen Wahrnehmungen.“ Für mich ist es die Anerkennung der Menschlichkeit. Die Anerkennung unserer Existenz. Denn so richtig bin ich erst, seit ich das Fühlen lerne. Und in dieser Anerkennung verbirgt sich enormes Potenzial. Für jeden einzelnen Menschen, jedes Individuum und die gesamte Gesellschaft. Transformationspotenzial für wichtige Lern-und Aufarbeitungsprozesse. Einander radikal sanft, radikal achtsam begegnen Wie weit wir vielleicht an einigen Stellen bereits sein könnten, hätten wir gelernt Gefühle auszuhalten, achtsam zu fühlen, Bedürfnisse und Grenzen zu nenne und zu achten. Wie viel Veränderung wäre möglich. Ich glaube, dass dazu ein kollektiver Heilungsprozess nötig ist und dass Machtstrukturen diesen Heilungsprozess aktiv verhindern. Dass es so gewollt ist, dass wir das Fühlen nicht lernen. Dass es so gewollt ist, dass Gefühle häufig mit Scham verbunden sind. Ein kollektiver Heilungsprozess bedarf sicherlich im ersten Schritt der radikal intersektionalen Aufarbeitung von Diskriminierungsformen. Denn diese verletzen. Machtstrukturen verletzen. Kollektive Heilung kann also heißen, dass Menschen mit sehr vielen Privilegien ihr Potenzial der (Mit)Täter*innenschaft anerkennen. Es kann bedeuten, dass wir innerhalb unserer Communities durch Empowerment heilen. Es kann von kleinen Gesten der gegenseitigen Fürsorge bis hin zum kollektiven Aktivismus reichen. Von individuellen Verletzungen bis hin zur Anerkennung und Aufarbeitung transgenerationaler Traumata. Heilungsprozesse sind vielleicht ebenso vielseitig, wie das Fühlen selbst. Und so endet dieser Text nun mit meiner Art der Gefühlsarbeit. Mit einem Appell an mich selbst und an dich, di*er du dies gerade liest. Vielleicht können wir diesen Tag nutzen, um einen Schritt in Richtung radikaler Emotionalität zu gehen. Für uns selbst. Und für eine Zukunft, in der wir unsere Herzen trainieren. Für eine Zukunft in der wir fühlen. In der wir heilen. In der wir einander radikal sanft, radikal achtsam begegnen. ___STEADY_PAYWALL___

Wir müssen Kindern zeigen, was Demokratie kann!

Wir müssen Kindern zeigen, was Demokratie kann!

Zum Weltkindertag erinnert Catherine Dosch an die Rechte von Kindern - darunter politische Teilhabe. Irgendwann zwischen Wechselunterricht und der Rückkehr zum eingeschränkten Regelbetrieb in den Schulen regt sich das große Kind am Mittagessenstisch lauthals über „Merkel Ferkel“ und ihre Politik in der Pandemie auf. Ich muss schlucken, und zwar nicht nur, weil das Kind keine Ahnung von Gesetzgebungsverfahren hat (es ist neun Jahre alt), sondern weil die Kinder in der Grundschule offenbar in bildzeitungsnahen Parolen über Politiker*innen und Politik sprechen. Demokratie lebt davon, dass die Regierenden und die Regierten eins sind – theoretisch zumindest kann jede*r Bürger*in mitmachen, bei der Gestaltung des Staates. Man kann in Parteien eintreten, eine Petition starten, eine Bürgerinitiative gründen und gegen Gesetze, die ungerecht erscheinen, kann man sich beschweren. Aber mitmachen will nur, wer sich eingeladen fühlt zum Mitmachen und wer glaubt, durchs eigene Tun tatsächlich etwas verändern zu können – und wenn es nur das Durchsetzen einer 30er-Zone auf der vielbefahrenen Straße im Ort ist. Haben Kinder und Jugendliche überhaupt noch Lust, sich für die Demokratie zu engagieren, wo sie ihnen so offensichtlich so häufig nicht dient? Sicher: Parteienbeitritte nehmen seit Jahren ab, bei Jung und Alt. Laut Shell Studie von 2019 ist dauerhaftes politisches oder soziales Engagement unter Jugendlichen zudem leicht rückläufig. Nur leicht. Kinder haben sich während Corona mehr engagiert als die meisten Menschen Aber 2019 war eben vor Corona, und seit März 2020 haben sich Dinge für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene grundsätzlich geändert. Sie durften, ohne die Möglichkeit zu haben, sich zu verabschieden, ihre Freund*innen nicht mehr sehen, haben Kindergarten, Schule, Vereine, Universitäten, Clubs, Partys, Therapieplätze und Jugendzentren als Begegnungsorte verloren. Sie mussten den Druck aushalten, sich oft alleine und mit rabenschlechter Ausrüstung den geforderten Stoff anzueignen, damit im kommenden Schuljahr alles wieder weiter gehen kann, als wäre nichts gewesen. Sie haben das meistens ertragen, für die Vulnerablen, die Alten, die Kranken. Weil lauthals und unbegründet vermutet wurde, Schulen und Kindergärten seien Seuchenschleudern. Jetzt, wo viele Vulnerablen geimpft werden konnten, sehen sie, wie die Welt der Erwachsenen langsam wieder öffnet. Menschen ohne Masken in Restaurants. Flugzeuge voller Urlauber. Arbeitsplätze ohne Masken, mit Lüftung. Sie selbst sitzen derweil zu Hause in der Home-Uni oder mit FFP2-Maske in der Schule, unter 12-Jährige fahren ungeimpft in viel zu vollen Bussen und Bahnen in ihre Bildungseinrichtungen, die vielleicht bald wieder zu machen - so genau weiß das keiner. Und immer noch droht Kinder und Jugendlichen die Quarantäne Über ihnen hängt das Damoklesschwert der Quarantäne, falls Personen aus der selben Gruppe mit Corona infiziert sind. Sie werden mindestens zwei Mal pro Woche getestet, also wahrscheinlich am engmaschigsten von fast allen Bevölkerungsgruppen kontrolliert, überwacht, gemaßregelt. Es fühlt sich wahnsinnig ungerecht an und für mich als Elternteil ist es kaum auszuhalten, was den Kindern abverlangt wird. Wie schrecklich sich diese allerersten Tage des zweiten Kindes anfühlen müssen, das das Gesicht der Klassenlehrerin noch nie gesehen hat. Und wie sehr wir Erwachsenen einfach hoffen, dass die Kinder resilient sind und das schon irgendwie wegstecken, während wir wieder ins Theater gehen, oder in die Kneipe. Als das große Kind mit „Merkel Ferkel“ nach Hause kommt, bekomme ich kurz Angst: Wächst hier eine Generation heran, die so offensichtlich von der Politik vergessen oder ignoriert wird, dass sie sich fortan gänzlich aus zivilgesellschaftlichem Engagement zurückziehen wird, weil es eh egal ist, was sie denken, sagen, wollen? Wie kriegen Kinder Lust auf politische Teilhabe? Nun. Vielerlei Faktoren beeinflussen die Lust an der politischen Teilhabe. Wichtig ist zum Beispiel das Engagement von Menschen im familiären Umkreis. Wie immer haben wir Erwachsenen hier also eine Vorbildfunktion: Wenn wir wollen, dass unsere Kinder sich einsetzen für Dinge, die ihnen und anderen wichtig sind, dann müssen auch wir uns einsetzen für Dinge die uns wichtig sind. Im Corona Jahr heißt das vielleicht gruseligerweise, dass die Kinder von Querdenkern und Co. mehr Engagement seitens ihrer Eltern erlebt haben, als diejenigen, deren Eltern die Maßnahmen weitestgehend mitgetragen haben, wenn auch teilweise mit Bauchgrummeln. Wir müssen wählen gehen, Nachrichten konsumieren, mit den Kindern über die Wahlplakate und die Parteien sprechen. Wir müssen uns vielleicht sogar mal zum öffentlichen Teil einer Gemeinderatssitzung begeben. Oder in Gewerkschaften oder Parteien eintreten, zu Demos gehen und ein Volksbegehren unterschreiben. Die Politikverdrossenheit der Jugend kommt wohl, wenn, dann von der Politikverdrossenheit der Alten. Es braucht fundierte politische Bildung in Schulen Weiter darf nicht vergessen werden, dass es mannigfaltige Möglichkeiten zur Teilhabe jenseits eines Parteibeitritts gibt. Fridays for Future und Extinction Rebellion engagieren sich für Klimaschutz. Attac hat für so ziemlich alle politischen Bereiche AGs, in denen es Information, Gespräche und Erläuterung zu weiteren Handlungsoptionen gibt. Ein gut platziertes YouTube-Video kann die CDU irritieren und neue Denkanstöße bieten. Und natürlich dauert es - aus Demos erwachsen nicht gleich Gesetzesinitiativen. Demokratie ist langwierig und holprig. Aber das gilt für Vorgänge sowohl innerhalb als auch außerhalb einer Parteimitgliedschaft. Dass es viele Möglichkeiten zum Mitmachen gibt, die unterschiedlich stark genutzt werden, heisst natürlich nicht, dass alles super ist: Die politische Bildung darf nicht Influencer*innen überlassen werden. Denn auch wenn einige davon schlau und differenziert sind, gibt es – große Überraschung – schon auch viel gefährlichen Unsinn im Internet. Neben einer guten Medienbildung, die Medienkonsumierende in die Lage versetzen, sich kritisch mit den gezeigten Inhalten und auch mit den Mechanismen gerade sozialer Medien auseinanderzusetzen, braucht es auch fundierte politische Bildung in den Schulen. Über Strukturen bescheid wissen statt "die da oben" Leute müssen wissen, wie Gesetzgebung und Regierung funktioniert, damit zum Beispiel klar ist, dass Angela Merkel nicht dafür verantwortlich ist, dass in Schulen zwei Mal die Woche Coronatests stattfinden. Sie müssen über die Entscheidungs- und Verwaltungsebenen im Bilde sein, damit nicht „die da oben“ für alles herhalten müssen. Sie müssen lernen, dass wirklich fast alles auf der Welt wesentlich komplizierter ist, als man es sich wünscht und vorstellt. Dafür brauchen sie gutes, ausgeruhtes, engagiertes Lehrpersonal, Klassenzimmer, die nicht schimmeln oder auseinanderfallen - und Eltern und Freunde, die sich differenziert mit ihren Fragen und Anliegen auseinandersetzen. Ein ordentliche Klimapolitik und eine Berücksichtigung der jungen Menschen in der Pandemie würden sicher auch helfen, dass diese sich als Teil der Gesellschaft mit Gestaltungsräumen fühlen. Catherine Dosch hat Philosophie und Komparatistik studiert. Sie ist Mitgründerin und -Herausgeberin vom umstandslos.com, lebt mit ihrer Familie auf dem Land und erwartet Anfang 2022 ihr viertes Kind.

Darum spreche ich mit meinem Kind über meine Suizid-Gedanken

Darum spreche ich mit meinem Kind über meine Suizid-Gedanken

Leena May Peters lebt mit Depressionen, kürzlich fragte ihr Kind: Wolltest du schon mal sterben? „Mama, nimmst Du Drogen?“ Meine Tochter stellt immer gerade dann die interessantesten Fragen, wenn ich zur Schlafenszeit das Licht ausmachen will. Ich wiederum verabscheue ausweichende Erwiderungen und möchte dem Kind gute, zufriedenstellende Antworten geben. Also setzte ich mich auf die Bettkante und referierte zunächst über die allgemeine Definition von Drogen und zu welchem Zwecke die Menschen Drogen nehmen. Ich selbst trinke Kaffee und Tee, Alkohol trinke ich nur selten – aber seit inzwischen zwei Jahren nehme ich CBD Öl. Wie sich herausstellte, war dies der Anlass für die besorgte Frage meiner Tochter, also erklärte ich ihr die medizinische Bedeutung von Drogen und meine Gründe, warum ich diese „Droge“ nehme. Mir bleibt gar nichts anderes übrig als ehrlich mit meinen Kindern zu sein. Der Satz „Mama ist traurig“ ist in den vergangenen sieben Jahren eine Konstante im Leben meiner Kinder geworden. Ich habe seit meiner Pubertät depressive Episoden; in meiner ersten Therapie mit 23 erhielt ich die Diagnose „Anpassungsstörung“ – das ist eine normale Reaktion auf belastende Ereignisse, die zum Leben gehören, in meinem Fall jedoch zu depressiven Verstimmungen führen. Nach drei Therapien innerhalb von 20 Jahren habe ich mich mit der Anpassungsstörung, die inzwischen wohl eher als eine Dysthymie oder atypische Depression gelten kann, als Teil meiner Persönlichkeit arrangiert; insbesondere da sie inzwischen chronisch verschlechtert ist, seit ich 2014 meine letzte Festanstellung verlor. Als hormonelles Sahnehäubchen auf dem Depressionskuchen kam in den letzten Jahren das Prämenstruelle Dysphorische Syndrom (PMDS) hinzu, welches für zyklusgebundene Krisen sorgt. Sollte ich mit meinem Kind über meine Suizidgedanken sprechen? Ich erklärte meiner Tochter also, dass es mir hilft, meine Anpassungsstörung als Krankheit mit behandelbaren Symptomen zu akzeptieren. Und ich denke, dass bestimmte Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel mir helfen, für eine chemische Balance zu sorgen, die mein Gehirn nicht von sich aus erreichen kann. Zur Behandlung meiner Symptome gehört zudem Selbstfürsorge: möglichst ausreichend schlafen, meine Aufgaben in kleine, zu bewältigende Schritte einteilen, bei der Screentime der Kinder auch mal alle Fünfe gerade sein zu lassen und mir immer wieder Zeiträume zu schaffen, in denen ich einfach nur sein kann. „Mama, wolltest du schon mal nicht mehr leben?“ Mein Kind war fasziniert von dem Gedanken, dass Gefühle mit der Chemie des Körpers zusammenhängen, und wollte wissen, wie genau es sich anfühlt, depressiv zu sein. Also erklärte ich ihr, dass ich diese Stimme im Kopf habe – die die Krankheit ist –, die mir etwa sagt, dass ich als Berufstätige, als Mutter und als Mensch versage, dass es sich niemals bessern wird und nichts, was ich tue, eine Veränderung bringt. Ich vermied es bewusst, davon zu sprechen, dass ich mir auch manchmal wünsche ‚aufzuhören‘, um das Kind nicht zu erschrecken. Sie ist jedoch gründlich und fragte mich geradeheraus: „Mama, wolltest du schon mal nicht mehr leben?“ Ich zögerte mit meiner Antwort, weil ich mir selbst erst eine andere Frage schnell beantworten musste: Ist es verantwortungsvoll mit einem Kind über Suizidgedanken zu sprechen? Ich schämte mich für meine Suizidgedanken Die meisten Mütter kommen mit solchen Entscheidungen niemals in Berührung, weil es keine Notwendigkeit dafür gibt. Aber ich hatte schon in meiner Pubertät den Gedanken, nicht mehr leben zu wollen - und das erschreckte mich zutiefst. Ich glaubte damals, ich sei unmittelbar gefährdet, tatsächlich Suizid zu begehen. Denn der Gedanke daran und die Tat waren in meiner Vorstellung eins – ich hatte keinerlei Kenntnis davon, wie groß der Unterschied zwischen diesem häufigen Symptom einer psychischen Erkrankung und einem wirklichen zur Tat schreiten ist. Ich wusste nur, dass Menschen, die tatsächlich Suizid begangen hatten, vorher vielleicht oder vielleicht auch nicht davon gesprochen oder daran gedacht hatten, nicht mehr leben zu wollen. Aber von den vielen Menschen, die mit Suizidgedanken leben und diese überleben, von den vielen Schritten, die zwischen diesem Symptom und dem katastrophalen Ausgang einer Depression liegen, wusste ich nichts. Diese Wissenslücke füllte ich selbst im Laufe der vergangenen dreißig Jahre, übrigens lange Zeit mit einer weiteren belastenden Scham: Dass ich nicht darüber sprechen könnte, weil es ein viel zu alarmierendes Zeichen wäre. Denn ich wünschte vielleicht in der Krise, nicht mehr leben zu müssen, hatte aber durchaus niemals Pläne, mir das Leben zu nehmen. Ich dachte, dass ich eine Hochstaplerin wäre, weil ich diesen Wunsch verspürte, aber nicht wirklich gefährdet war. Oder dass ich vielleicht einfach nur zu schwach wäre, den Gedanken Taten folgen zu lassen. Oft trugen diese Fragen zu meinem Selbsthass und damit zur Verschlechterung meines Zustandes bei. Schweigen kann tödlich enden Würde ich mein unbeschwertes Kindes unnötig belasten, wenn ich mit ihm über meine Suizidgedanken spreche? Oder ist das Problem vor allem unser gesellschaftlicher Umgang mit Suizidgedanken? In den Medien etwa werden diese Gedanken als Symptom von Depressionen nur dann thematisiert, wenn sie im Zusammenhang stehen mit dem tatsächlichen Akt des Suizids – wenn Depression also zu einer nachrichtenwürdigen Katastrophe geführt hat. Der eher ‚uninteressante‘ Alltag mit Depressionen, der aus Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und eben auch Suizidgedanken ohne tatsächliche Ausführung besteht, bleibt unsichtbar. Der Umgang und das Leben mit Suizidgedanken bleiben unsichtbar. Dabei würde ein Raum für ebendiese Themen vielen Menschen doch helfen - denn sie sind nicht allein! Die meisten Eltern können meine Gedanken nachvollziehen, wenn die Kinder Fragen zur Sexualität stellen – ein Thema, das ebenfalls noch mit einem Tabu belegt ist. Hier gilt jedoch bereits als allgemeine Richtlinie, den Kindern die korrekten Namen ihrer Genitalien beizubringen, um das Gespräch darüber von Scham zu befreien. So kann Missbrauch nicht hinter beschämtem Schweigen verborgen werden, und auch für Jugendliche wird diese Enttabuisierung von Vorteil sein. Denn wenn wir über unsere Körper und ihre Funktionen informiert sind und schamfrei darüber sprechen können, sind wir folglich auch in der Lage, über Veränderung zu sprechen und dabei Gesundes von Ungesundem zu unterscheiden. Krankheitswertige Symptome können dann behandelt werden, bevor sie sich zu Katastrophen entwickeln. Drüber reden, aber kindgerecht Meine Aufgabe als verantwortungsvolle Mutter ist es daher, die Dinge beim Namen zu nennen, aber die Antwort so zu formulieren, dass ihre heranwachsenden Gemüter damit umgehen können. Ich sagte in unserem Gespräch also: „Ja, das ist ein Gedanke, der manchmal dazu gehört.“ Das war keine einfache Antwort, weder für mich noch für mein Kind. Aber liebevolle Ehrlichkeit ist eines der wenigen Dinge, die ich mir schon vor der Elternschaft vorgenommen und dann auch tatsächlich umgesetzt habe. Ich betrachte diese Aufrichtigkeit als Grundlage für ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Und ich habe die Erfahrung gemacht, wenn Kinder eine Frage stellen, dann können sie mit einer Antwort umgehen. Ganz praktisch konnte ich meinem Kind nach dem ersten Schock erklären, dass auch die Suizidgedanken Symptome meiner Erkrankung sind, die mich veranlassen sollten, mich um meine psychische Gesundheit zu kümmern. Wenn ich den Vergleich zwischen Sexualerziehung und psychischer Gesundheitserziehung hier zu Tode reiten darf: Suizidgedanken sind der übelriechende Ausfluss eines depressiven Gehirns. Wenn wir aufgrund von Scham darüber nicht sprechen können, hält uns das davon ab, Hilfe zu suchen, und dies kann im schlimmsten Falle tödlich enden. Ich gebe ihr mein emotionales Handwerkszeug Meine Mutter litt damals unter der Sprachlosigkeit, die mit ihren Symptomen kam. Auch sie dachte als Jugendliche daran, nicht mehr leben zu wollen. Hätte sie gewusst, dass ihr Vater auch in seiner psychischen Gesundheit beeinträchtigt war, hätte sie anders damit umgehen können; hätte ich dies von ihr gewusst, wäre mein Weg mit meiner psychischen Erkrankung weniger einsam und beängstigend gewesen. Natürlich war es keine Böswilligkeit, die verhinderte, dass mein Großvater sich offenbarte, oder dass meine Mutter ihre Erfahrungen mit mir teilte: Es war das Tabu, das zum Schweigen über die Depression in der Familie führte. Dieses Schweigen habe ich im Gespräch mit meiner Tochter gebrochen – nicht nur, damit sie versteht, was in mir vorgeht, damit sie weiß, dass meine Traurigkeit und Erschöpfung behandelbare Symptome einer Erkrankung sind. Ich machte ihr klar, dass diese Gedanken, die sie erschrecken, zunächst nicht mehr als das sind: Gedanken, die mit der Krise auftauchen und vorübergehen. Ich habe das Schweigen zwischen uns auch gebrochen, damit sie später im Fall des Falles weiß, dass und wie sie über ihre psychische Gesundheit sprechen kann. Ich habe ihr das emotionale Handwerkszeug, das ich mir erarbeitet habe, weitergegeben, weil ich glaube, dass das Tabu und das Schweigen größeren Schaden anrichtet als meine Aufrichtigkeit. Ich will meinen Kindern vorleben, dass diese Krisen zu bewältigen sind An diesem Abend, an dem meine Tochter mich fragte, ob ich Drogen nehme, beendete ich das Gespräch erst, nachdem ich alle ihre Fragen beantwortet hatte, und als ich das Licht ausmachte, war sie ruhig und zufrieden. In den Tagen danach kam ich noch mehrfach auf das Thema zurück und betonte immer wieder, dass sie keine akute Angst um mich haben muss. Später blieb davon auch tatsächlich nur eine gewisse Achtsamkeit für meine Stimmung übrig. Wenn ich ‚traurig‘ bin, kommt sie und reicht mir die Hand oder umarmt mich und ich nehme diese Gesten dankbar an, ohne sie zu erwarten. Ich hoffe, sie wird mir erlauben, diesen Trost zurückzugeben, wenn sie jemals ihre eigene Erfahrung mit Depression machen sollte. Inzwischen liegt dieser Abend mehr als zwei Jahre zurück, und die Pandemie hat im vergangenen Jahr auch meine Depression verschlimmert – das Wissen darum hat unser Leben als Familie jedoch leichter gemacht. Ich sehe, dass ich damals weniger eine Belastung geschaffen als vielmehr ein offenes Gespräch über unsere seelische Gesundheit begonnen habe. Ich ringe noch immer – insbesondere zu Zeiten von Corona – tage- und wochenlang mit depressiven Episoden, ich nehme weiter Nahrungsergänzungmittel und glaube, dass es mich wenigstens ein bisschen stabilisiert. Der Todessehnsucht erwehre ich mich noch immer mit dem entscheidenden Widerspruch: Ich muss meinen Kindern vorleben, dass diese Krisen zu bewältigen sind, dass Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und auch Suizidgedanken vorübergehen. Dass Suizid kein ‚Ausweg‘ ist und vor allem, dass ich immer für sie da sein werde. ___STEADY_PAYWALL___

"Ich darf mein Kind nicht beschützen"

"Ich darf mein Kind nicht beschützen"

Esther (26) wurde von ihrem Ex vergewaltigt. Das gemeinsame Kind lebt jetzt beim Vater In unserer Serie "Kindeswohl" protokolliert Anne Dittmann die Erlebnisse von Müttern, die sich von einem gewalttätigen Ex-Partner trennen und versuchen sich und ihre Kinder zu schützen. Warum? Weil wir in Deutschland trotz Istanbul Konvention immer noch ein Problem mit Gewalt gegen Frauen haben. Insbesondere Trennungen sind ein Risikofaktor für Frauen. Und laut einem Alternativbericht des Bündnisses Istanbul Konvention sind Polizeibehörden, Gerichte und Jugendamt nicht zum Thema partnerschaftliche Gewalt geschult. Das führt dazu, dass sich die partnerschaftliche Gewalt in institutionelle Gewalt übersetzt, sobald gewaltbetroffene Mütter sich trennen. Denn: Institutionen stellen immer wieder keinen Gewaltschutz für Frauen und Kinder, sondern verhandeln stattdessen das Umgangsrecht der Täter - alles für das Kindeswohl. TW: Gewalt, Misshandlung, Vergewaltigung Ich darf meinen Sohn zwei Stunden pro Woche sehen. Jeden Mittwoch in einem Zimmer beim Jugendamt. Ich darf unter den Augen der Umgangsbegleiterin beschreiben, was er gerade macht: „Jetzt nimmst du einen roten Baustein“. Ich darf meinen Sohn nichts fragen, denn das würde ihn in einen Loyalitätskonflikt bringen, meint das Jugendamt. Ich weiß nicht, wie es im Kindergarten läuft und auch nichts darüber, wie er sich entwickelt oder ob es ihm gut geht. „Jetzt stellst du ihn auf den blauen Baustein.“ Und ich soll auch nichts erzählen. Nichts von Zuhause, nichts von seinem kleinen Halbbruder, seiner geliebten Tante, seiner Oma oder seinem Stiefvater. „Der Baustein bleibt stehen. Gut gemacht!“ Ich sehne mich nach Normalität. Ich will mit meinem Sohn einkaufen gehen, auf den Spielplatz oder zum Schwimmen. Aber wir sind weit weg von normal. Nicht einmal die Zeugung meines Kindes war normal: Kurz nachdem ich Richard (Name geändert) 2016 geheiratet hatte zwang er mich regelmäßig zum Geschlechtsverkehr, acht Wochen lang alle zwei Tage. Er wollte, dass ich schwanger werde – ich hatte gesagt, dass ich noch warten will. Es war nicht das erste Mal, dass er mich in unserer Beziehung missbrauchte. „Ohne mich bist du nichts, ohne mich hast du nichts, ohne mich kannst du nichts“ Diese drei Sätze hatte er mir immer eingebläut. Ich kannte es nicht anders, auch in meiner Kindheit wurde ich abgewertet. Für mich war dieses Verhalten normal, für mich war das Liebe. Ich denke, Richard kommt aus einem ähnlichen Haushalt: Ich war 15 und er 17 Jahre alt als wir uns beim Tanzen kennenlernten und er mich kurz darauf seiner Mutter vorstellte: „Sie müssen wir aber noch erziehen, Frauen in diesem Haushalt tragen keine kurzen Haare“, so hatte sie mich begrüßt. Richard war sehr eifersüchtig und versuchte mich zu kontrollieren: Wenn ihm meine Kleidung nicht gefiel, dann musste ich mich umziehen. Mal waren meine Röcke zu kurz und mal zu lang. Und plötzlich war Richard wieder sehr liebevoll und aufmerksam, außerdem teilten wir gemeinsame Hobbies wie das Tanzen, Tauchen und Motorrad fahren. Mit Beginn der Ehe waren auch die guten Momente vorbei. Es war als hätte sich plötzlich ein Schalter bei Richard umgelegt. Er sagte, dass ich nur ein Parasit wäre, ich würde mich einnisten und durchfressen – und das, obwohl ich im Gegensatz zu ihm arbeitete und alles bezahlte. „Wann immer er Sex wollte nahm er sich meinen Körper“ Nachdem unser Sohn geboren wurde, nutzte Richard seine Elternzeit, um mit einem Freund in den Urlaub zu fahren, wann immer er Sex wollte nahm er sich meinen Körper. Den Haushalt, unser Baby und unseren Hund versorgte ich alleine. Freund*innen hatte ich schon längst nicht mehr. Wenn man sich nicht mehr treffen kann oder spontan absagt, dann fragen sie irgendwann nicht mehr. Als unser Sohn zehn Monate alt war schaffte ich es endlich, mich von Richard zu trennen. Einer seiner Freunde hatte mir Unterschlupf angeboten nachdem er Richards Verhalten erlebt und mich gefragt hatte, ob alles okay sei. Aus sicherem Abstand hatte ich darüber nachgedacht, die Vergewaltigungen anzuzeigen. Aber wie hätte das ausgesehen? Ich hätte das Klischée einer rachsüchtigen Ex-Frau erfüllt. Eine, die sich Lügen ausdachte, um den Vater ihres Kindes loszuwerden und weiterhin Unterhalt zu kassieren. Ich wollte das Pulverfass nicht zum Explodieren bringen. Ich wollte endlich Ruhe finden. „Es sind immer die Mütter, die den Vätern etwas anhängen wollen.“ Richard konnte unseren Sohn zwei Tage pro Woche sehen, das hatte das Gericht entschieden. Doch nach sechs Monaten kam unser Sohn immer öfter mit blauen Flecken von seinem Vater zurück, vor allem unter der Windel. Mit meinem Vorwissen über Richard stellte ich mein Kind in der Kinderklinik vor, wo alles dokumentiert wurde. Der Arzt sagte, die Verletzungen sähen nach Gewalteinwirkungen aus. Damit ging ich zum Weißen Ring und bekam einen Anwaltsgutschein, um Anzeige zu erstatten. Ich informierte auch das Jugendamt über mein Vorgehen, die Reaktion der Mitarbeiterin: „Es sind immer die Mütter, die den Vätern etwas anhängen wollen.“ Kurz darauf veränderte sich unser Leben: Richard ging mit unserem Sohn zu einem anderen Kinderarzt, weil er einen Ausschlag am Po hatte, den unser Kinderarzt als Windeldermatitis diagnostiziert hatte. Es stellte sich dann aber heraus, dass es ein HP-Virus war – der kann bei der Geburt übertragen werden, beim gemeinsamen Baden oder auch wenn man ein gemeinsames Handtuch nutzt, es gibt viele Wege. Aber Richard und sein Kinderarzt zeigten es beim Jugendamt an. Kindeswohlgefährdung, der Vorwurf: Mein Partner würde meinen Sohn missbrauchen. „Ich lag nur noch apathisch im Bett, mir war alles egal“ Das Jugendamt holte ihn sofort aus meiner Obhut und brachte ihn zu seiner Oma väterlicherseits. Dabei war er doch erst 1,5 Jahre alt. Nur er und ich in ein Mutter-Kind-Heim? Dürfte ich nicht. Sein Vater sagte wohl zum Jugendamt: „Es ist mir scheiß egal, wo mein Kind hinkommt und wie es ihm dabei geht, Hauptsache meine Ex-Frau kriegt es nicht.“ Bei jedem normalen Menschen würden dabei alle Alarmglocken schrillen, warum im Jugendamt nicht? Ich dürfte mein Kind nur noch 1,5 Stunden pro Woche sehen, begleitete Umgänge. Damals ging ich monatelang immer wieder alles gedanklich durch. Was hätte ich anders machen können? Ich hatte doch immer mein bestes gegeben und keine Möglichkeit, mein Kind zu schützen. Nach einem Jahr durfte ich mein Kind unbegleitet von der Kita abholen und abends zur Großmutter und seinem Vater zurückbringen. Der war nämlich längst wieder bei seiner Mutter eingezogen. Beim Gericht sagten sie, der würde seinem Kind schon nichts tun. Das machte mich völlig fertig. Ich lag nur noch apathisch im Bett, mir war alles egal. Nur für die Umgänge mit meinem Sohn stand ich auf. Und danach ging ich wieder ins Bett. Auch mein Partner vermisste ihn sehr. Er war ein liebevoller Stiefvater, sodass mein Sohn schon bald Papa zu ihm sagen wollte. Aber das dürfte er nicht und liebhaben dürfte er meinen Partner auch nicht, weil „der Papa ihn nicht mag“, sagte mein Sohn. Mein Sohn umarmt mich nicht mehr, aus Angst mich zu verlieren Als mein Sohn vor zwei Jahren aus meiner Obhut genommen wurde, war er noch ein normal entwickeltes, fröhliches, aufgeschlossenes Kind. Jetzt hat er Angst vor allem. Er traut sich nicht, an Menschen vorbeizugehen, ist motorisch zurück entwickelt und sprachverzögert. Er umarmt mich nicht mehr, weil er Angst hat etwas falsch zu machen und dass er mich dann nicht mehr sehen darf. Und ich als seine Mutter kann ihm nicht helfen. Im Juli kam er wieder mit blauen Flecken zu unserem Umgang – es waren viele, sogar in der Poritze hatte er welche. Daher nahm ich ihn mit zur Jugendschutzambulanz. Der Arzt dokumentierte die Verletzungen, sagte es sähe nach massiver Gewalteinwirkung aus. Dann rief er das Jugendamt an, die ihm sagten, ich hätte „wahnhafte Störungen“, wolle meinen Sohn gegen seinen Vater aufhetzen und sei massiv „bindungintolerant“. Er schickte uns nachhause – würde ich zur Polizei gehen, würde es genauso ablaufen. Und seitdem kann ich mein Kind wieder nur im begleiteten Umgang sehen. „Man muss sein Kind aufgeben, um nicht durchzudrehen“ Ich kam mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung aus der Ehe mit Richard, aber was danach kam war noch viel schlimmer. Wenn ich nicht wieder Freund*innen hätte, die von außen alles miterleben und meine Wahrnehmung bestätigen, dann würde ich längst denken, dass ich verrückt bin. Um mich mental zu schützen, musste ich auch mein Kind ein wenig aufgeben. Ich habe ein zweites Kind bekommen und einen Partner und muss diese Familie vor dem Horror, den mein Sohn und ich erleben, irgendwie schützen. Ich will nicht, dass sich mein jüngeres Kind irgendwann fragt, wann er von mir weg muss – denn sein Bruder musste ja auch gehen. Die Hoffnung, meinen Sohn zu mir zurück zu holen, habe ich aufgegeben. Mein Ex-Mann würde sich immer in den Weg stellen. Esthers Erfahrungen haben sie dazu motiviert, als Teil eines Teams, das die Initiative White Lily Revolution ins Leben gerufen hat, über Gewalt gegen Frauen in Gerichtssälen und anderen Institutionen aufzuklären. ___STEADY_PAYWALL___

How To: Aufräumen als neurodiverse Person

How To: Aufräumen als neurodiverse Person

Jasmin hat für euch "Aufräumen für Faule" getestet und verrät die besten Tipps Ich bin ein sehr unordentlicher Mensch. Das war ich schon als Kind. Meine ordnungsliebende Mutter hatte sehr damit zu kämpfen. Ich ließ alles, was ich nicht mehr brauchte, achtlos an Ort und Stelle liegen. Versuche meiner Mutter mir den Sinn für Ordnung beizubringen scheiterten kläglich. In meiner Jugend wurde es noch schlimmer, da ich als “authentische Punkerin” Ordnung als Verrat empfand - oder vielleicht war es für mich auch nur eine Erklärung für meine eigene Unordnung. Später in Berlin zog ich so oft um, dass ich nie daran dachte, es mir schön zu machen, geschweige denn Ordnung zu halten. Erst mit meiner Schwangerschaft begann sich langsam etwas zu ändern: Nach der Geburt meiner Tochter und der Trennung von ihrem Vater wollte ich es uns so schön wie möglich machen. Ich wollte meinen eigenen Wohnstil finden. Als ich in meiner Heimatstadt eine helle Drei-Zimmer-Wohnung für uns anmietete, begann ich, die Einrichtung zu planen. Ich wollte von nun an mehr Ordnung halten, ich wollte eine schöne Wohnung, mich wohl fühlen. Als ich Ordnung halten wollte fiel mir auf, wie schwer das für mich war Ich glaube, da ist mir zum ersten Mal so richtig aufgefallen, dass ich nicht immer kann, wie ich will. Dass ich oft nicht die Kraft hatte, etwas gerade Benutztes wieder an seinen Platz zu räumen. Dass ich sehe, dass ich nur mal eben schnell staubsaugen müsste, es aber nicht schaffe, was mich frustriert, wodurch ich noch gelähmter werde. Zu dieser Zeit habe ich nicht verstanden, woran das liegen könnte und ich denke heute, dass es mit einer der Gründe war, mich diagnostizieren zu lassen. Ich verstand einfach nicht, was falsch lief. Aber ich verstand, dass je mehr ich meine Wohnung einrichtete, wie sie mir gefällt, desto leichter fiel es mir, die Ordnung zumindest regelmäßig wieder herzustellen - wenn ich sie schon nicht halten kann. Also tat ich , was mein Gehirn am besten kann; ich richtete meinen Hyperfokus auf Einrichtung und Dekoration. Als ich während der Pandemie in meine Traumwohnung umzog, verstärkte sich der Drang, meine Wohnung schön einzurichten. Ich hatte das Gefühl, endlich im Erwachsenenleben angekommen zu sein. Und es stimmt: Seit ich die Einrichtung und Dekoration meiner Wohnung und das Konzipieren der einzelnen Räume als Hobby ansehe, fällt es mir leichter, Ordnung zu halten. Ich empfinde Ruhe und Zufriedenheit, wenn es ordentlich ist Aber leider verstärkten sich durch den Lockdown und die Einsamkeit auch Depressionen und alte Muster. Ich begann, meine Wohnung zu vernachlässigen. Denn ich habe gelernt, der gute Wille allein reicht nicht, wenn du von Depressionen und einer Störung der “executive function” betroffen bist - das sind geistige Prozesse, die das Verhalten, die Aufmerksamkeit und die Gefühle gezielt steuern. Trotzdem wollte und will ich Verantwortung für mich selbst und meine Lebenssituation übernehmen. Denn auch, wenn ich gerne eine “instagrammable” Wohnung zeige, geht es mir primär darum, mich in meiner Umgebung wohl zu fühlen. Selbst wenn es nicht so aussehen mag, ich fühle mich am wohlsten, wenn alles seine Ordnung hat und schön angerichtet ist. Nicht (nur) wegen der Wirkung nach außen, sondern wegen der Ruhe und Zufriedenheit , die ich dann empfinde. Also begann ich zu recherchieren, wie ich den Berg besteigen kann, ohne am ersten Schritt zu verzweifeln. Ich habe mir Unterstützung geholt: “Aufräumen für Faule” von Rachel Hoffmann Bei meiner Suche nach Unterstützung bin ich auf das Buch “Aufräumen für Faule” von Rachel Hoffmann gestoßen. Der Titel des Buches lässt vermuten, dass das Buch einen anschreit: "Los! Bekomm' deinen faulen Hintern hoch und räum' auf”, aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist einfühlsam geschrieben, berücksichtigt Behinderung, ja sogar psychische und chronische körperliche Krankheiten. Besonders gut haben mir die Mini-Challenges gefallen, wie etwa “Suche dir einen Platz in deiner Wohnung und räume genau 5 Dinge weg”. Okay, los geht's: Man kommt dann schnell in den Flow und räumt tatsächlich auch die restlichen Dinge weg. Ein weiterer Tipp: “ Wenn du nicht aus dem Bett/ der Couch hoch kommst, dann suche dir die Stelle, die dir am nächsten ist und stelle einen Timer auf 5 Minuten. Räume dort auf, bis der Timer klingelt und lege dich danach wieder hin”. Als wüsste sie genau, in welcher Lage ich mich gerade befinde! Die Autorin betont im Buch, dass sie mit umsetzbaren Zielen arbeiten möchte, damit der/die Leser*in sich nicht selbst zum Scheitern verurteilt. Auch der Prozess des “Decluttering” also des Loswerdens von Dingen, die nicht benutzt werden und nur Platz wegnehmen spielt eine große Rolle. Das Buch endet mit dem Tipp, sich nicht dafür zu schämen, Hilfe zu brauchen und sie sich auch zu holen. Ich nehme die Hilfe meines Partners und meiner Mutter mittlerweile dankend an, denn nein, ich schaffe das nicht immer alleine. Fazit: einfühlsame Unterstützung, aber aufräumen muss man trotzdem noch Klar, aufräumen kann das Buch nicht für mich, das muss ich leider immer noch selbst tun. Aber es ist sehr einfühlsam geschrieben und gerade für Menschen, die Probleme damit haben, überhaupt anzufangen, hat es wertvolle Tipps. Und weil eine Followerin bei mir einmal kommentiert hat, dass sie nur eine größere Wohnung bräuchte, um Ordnung zu halten, noch ein Fazit von mir: Eine größere Wohnung bietet am Ende des Tage nur mehr Platz für mehr Chaos. Ich spreche aus Erfahrung, denn ich habe auch mal so gedacht. Aber ob 56 qm in Berlin oder 120 qm in der Heimat, ordentlicher bin ich mit Größe der Wohnung nicht geworden. Nur mit Änderung meiner Einstellung und Strategien, die für mich funktionieren. Seid nicht so hart zu euch selbst, feiert die kleinen Erfolge, wie zum Beispiel, wenn ihr es schafft, heute die Spülmaschine aus- oder einzuräumen. ___STEADY_PAYWALL___

31 Dinge, die ich in 31 Jahren gelernt habe

31 Dinge, die ich in 31 Jahren gelernt habe

Anne feiert ihren 31. Geburtstag und verrät, was sie bis hier hin weiß. Wow. Das letzte Jahr ist unglaublich schnell vergangen. Ich hatte doch gerade erst meinen runden Geburtstag - happy 30! Und nun sind es schon 31. Dass die Zeit im Pandemie-Jahr so verfliegt, liege daran, dass man weniger erlebt hat als normal. Dadurch haben wir weniger hervorstechende Erinnerungen an das vergangene Jahr und die Zeit scheint schnell vergangen zu sein. Das habe ich irgendwann in den vergangenen 12 Monaten irgendwo gelesen. Aber obwohl ich mich kaum an das Jahr erinnern kann, habe ich doch weiterhin viel über mich gelernt. Meine 31 wichtigsten Learnings aus 31 Lebensjahren: 1. Gefühle sind immer valide Ich darf auf meine Wahrnehmung vertrauen. Wie befreiend ist das bitte? Wenn ich sauer oder traurig bin, dann muss ich mich dafür nicht verurteilen oder hinterfragen, ob ich jetzt das Recht dazu habe. Nein! Gefühle sind Anarchisten. Sie pfeifen auf gesellschaftliche Normen und Erwartungen - und oft auch auf das, was wir zu wollen glauben. Sie sind wie eine liebevoll strenge Mutter und komplett nur für uns da - toll oder? 2. Meine Gefühle sagen nichts über andere Menschen aus Ein wichtiger Zusatz: Nur weil das Verhalten einer anderen Person mich sauer oder traurig macht, bedeutet das nicht automatisch, dass diese Person mir etwas schuldet - wie zum Beispiel, sich um mich zu kümmern oder bei mir zu entschuldigen. Es gibt eindeutige Situationen und es gibt Situationen, in denen sollte ich besser erstmal bei mir anfangen zu erforschen, warum mich ein Verhalten sauer oder traurig macht. Meine Interpretationen und meine Gedanken machen nämlich auch meine Gefühle. Man kann miteinander reden, um Klarheit zu schaffen. Meine Erfahrung: Wenn ich dann eine andere Person um Hilfe bitte, damit wir die Situation zusammen ändern können, macht sie das oft gerne und freiwillig. 3. Bubble Tea ist verdammt lecker. Dicke Empfehlung: Taro Coconut Latte (aus Kokosmilch) mit Tapioka-Perlen 4. Riesterrenten sind gar nicht so mies wie viele behaupten I know, Rente, langweilig oder? Genau. Das Ding ist: Wir müssen uns interessieren, weil uns leider Altersarmut droht. Fast hätte ich meine Riesterrente gekündigt, weil ich so viel Schlechtes gehört hatte und mich endlich sinnvoll um meine Finanzen kümmern will. Zum Glück habe ich noch mal ein paar Zahlen verglichen - dafür musste ich mich ein wenig in die Thematik einarbeiten - und festgestellt, dass diese Versicherungsvariante für Geringverdienener*innen und Alleineinerziehende gar nicht so übel ist. Und insbesondere ist sie eine sichere Kiste. Meine Riesterrente bleibt also bestehen. Noch wichtiger: Ich werde mich mehr mit dem Thema Finanzen beschäftigen - auch wenn ich aktuell nicht wirklich Geld zum Sparen habe. 5. Freund*innenschaften brauchen Komfort-Zonen und gegenseitiges Wohlwollen Fast alle meine Freund*innen sind politisch aktive Menschen. Würden wir uns und unsere privaten Handlungen gegenseitig genauso diskriminierungssensibel prüfen und diskutieren wie wir die öffentlichen Handlungen von Personen und Firmen prüfen und kritisieren, dann wären wir sicherlich nicht mehr lange befreundet. Natürlich: Das Private ist politisch. Und das bedeutet, dass wir uns als Menschen begreifen, die auf eine bestimmte Weise sozialisiert sind und eben vor allem dort zur Ruhe kommen, wo wir uns unserer aktuellen Sozialisierung entsprechend verhalten dürfen. Energie tanken. Dafür sind Freund*innenschaften wichtig - entspannen, Ich sein dürfen. Natürlich bis zu dem Punkt, wo die Freiheit der anderen beginnt. 6. Es gibt nicht die eine Wahrheit Und meine Aufgaben als Journalistin ist auch nicht, die Wahrheit zu finden und wiederzugeben. Meine Aufgabe ist, Menschen zu glauben - nicht immer das, was sie sagen, sondern manchmal auch das, was sie nicht sagen. 7. Ich leiste genug und bin genug. Andere auch Mir also selbst glauben, dass nicht mehr geht. Daran arbeite ich weiter. 8. Ich will meine eigene Mutterschaft nähren Um nicht vom deutschen Muttermythos aufgefressen zu werden, will ich meine ganz eigene Mutterschaft füllen mit meiner Persönlichkeit, meinen Ideen und Interessen und Fähigkeiten. Diese Mutterschaft kann mir gehören, wenn ich weiß, wie ich sie nutzen kann. 9. Unterm Strich ist das Leben mit Katzen besser als das Leben ohne Katzen 10. Der Sinn des Lebens ist das Streben nach Zufriedenheit Jede*n machen andere Dinge zufrieden. 11. Meine Zeit und meine Aufmerksamkeit sind wichtige Ressourcen Ich will mit beidem achtsam umgehen. 12. Ich brauche mehrmals pro Woche vor allem zwei Dinge, um körperlich und mental gesund zu bleiben: Sport und gute Gesellschaft Generell brauche ich eigentlich mehr Freizeit als mir Vollzeitarbeit inkl. Mutterschaft im Postkapitalismus ermöglichen will. 13. Durch Weinen werden keine Stresshormone aus dem Körper gespült Das ist ein Irrglaube, der zu einer Weltsicht passt, in der man den Körper "reinigen" kann. Aber der Körper ist weder dreckig, noch rein. Er ist vielmehr in Balance oder Dysbalance. Wir weinen nicht den Kummer heraus - dass wir uns nach dem Weinen trotzdem gut fühlen liegt an Oxytocin und Endorphinen, die der Körper freisetzt. Die Hormone sorgen für Wohlbefinden. 14. Dysbalance wird mit Y geschrieben. 15. Das Ende von Game of Thrones ist nicht gut (Spoiler!) Wenn eine Frau ihr Leben lang auf recht humane Weise darum kämpft, einen Thron zu besetzen, wird sie nicht im letzten Moment plötzlich alles zerstören. Immer noch WTF?! 16. Gewaltvolle Menschen sind oft ängstlich Ob es um Hass gegen Frauen geht, Narzissmus, plötzlich auftretende Bindungsangst oder Ghosting. Häufig stecken Ängste und Minderwertigkeitsgefühle dahinter. 17. Offenheit ist verdammt mutig 18. Umgewöhnung kostet Energie Vielleicht sind wir auch deswegen alle so müde seit der Pandemie? Corona hat unsere Leben auf den Kopf geworfen - plötzlich keine Treffen mehr mit Freund*innen, kein Vereinssport oder Fitnessstudio mehr, kein Wellness, kein Verreisen, keine Schule und Kita. Wir mussten ständig aufpassen und umorganisieren, ständig gab es neue Regeln. Und jetzt? Geht das alles wieder! Das heißt: Wieder raus aus den Gewohnheiten, die wir in den vergangenen 12 Monaten schaffen mussten. Für Gewohnheiten ist der Neurotransmitter Dopamin zuständig. Es sorgt dafür, dass wir Verhaltensweisen festigen und schließlich automatisieren, die unsere Bedürfnisse befriedigen. Das bedeutet für uns: Wir dürfen uns Zeit lassen. Kein Wunder, dass wir nicht alle sofort wieder in unsere Leben vor Corona hineinrutschen. 19. Die Grundlage von richtig guten Beziehungen: Sicherheit, etwas Reibung, den Raum zu wachsen Ich kenne laissez-faire Beziehungen, ich kenne toxische Beziehungen und ich kenne liebevolle Strenge. Als letztere bezeichne ich Beziehungen, in denen mir aktiv Sicherheit gegeben wird, aber auch gleichzeitig die Möglichkeit zum Wachsen. Man könnte es auch als Begleiten bezeichnen, allerdings merke ich, dass ich nicht nur eine neutrale Begleitung brauche, sondern auch das aktive Eingreifen, wenn ich gerade gegen mich selbst arbeite. Als ich letztes Jahr einen Monat lang mit Depressionen im Bett lag und "Die Nanny" durchgebingt habe, sagte eine Freundin am Telefon, dass ich sofort aufstehen und zu einem gewissen Einrichtungshaus fahren soll, um meine Küche besser zu organisieren (ich redete immer nur davon, das machen zu wollen) - sie blieb am Telefon, bis ich aus der Haustür war. Diese liebevolle und zugleich konstruktive Art des Eingreifens fühlt sich für mich persönlich gut an in Beziehungen. 20. Jasmin, die diesen Text vor Veröffentlichung gegenliest, ist eine große Süßmaus 21. Jungs alles über Vulvas und Vaginas zu erklären ist ein feministischer Akt gegen Sexismus und Misogynie Meine Buchempfehlung: Lina die Entdeckerin 22. Fernsehen verändert das Gehirn, lesen auch, spazieren gehen auch, chillen auch 23. Die Verbraucherzentrale rettet einem in Notfall sehr günstig den Arsch 24. Ich will mehr Geld verdienen 25. Einigermaßen selbstbestimmt zu arbeiten ist ein Regler für mentale Gesundheit 26. Ich sehne mich nicht immer nach den Dingen, die meine Sehnsucht befriedigen würden Das nennt sich Marketing im Kapitalismus. Für weitere Stichworte gehe zurück zu Punkt 11. 27. Therapie ist selfcare 28. Ein Leben mit Planer ist besser als ein Leben ohne Planer 29. Für Sachbücher von Feminist*innen gibt es nur drei Farben: Pink, Gelb und Orange 30. Ich will mehr Zeit für Beziehungen 31. Je älter ich werde, desto mehr lerne ich über mich selbst und desto mehr fühle ich mich wie ein verdammter Rockstar Aus diesem Grund will ich viel mehr von und über Frauen jenseits der 30 lesen, hören und gucken. Zugabe: Melonensalat! Oh ja.

"Der Vater meines Kindes wollte mich fertig machen"

"Der Vater meines Kindes wollte mich fertig machen"

Sarah (32) ging zwei Jahre lang durch einen Sorgerechtsstreit mit ihrem narzisstischen Ex. In unserer Serie "Kindeswohl" protokolliert Anne Dittmann die Erlebnisse von Müttern, die sich von einem gewalttätigen Ex-Partner trennen und versuchen sich und ihre Kinder zu schützen. Warum? Weil wir in Deutschland trotz Istanbul Konvention immer noch ein Problem mit Gewalt gegen Frauen haben. Insbesondere Trennungen sind ein Risikofaktor für Frauen. Und laut einem Alternativbericht des Bündnisses Istanbul Konvention sind Polizeibehörden, Gerichte und Jugendamt nicht zum Thema partnerschaftliche Gewalt geschult. Das führt dazu, dass sich die partnerschaftliche Gewalt in institutionelle Gewalt übersetzt, sobald gewaltbetroffene Mütter sich trennen. Denn: Institutionen stellen immer wieder keinen Gewaltschutz für Frauen und Kinder, sondern verhandeln stattdessen das Umgangsrecht der Täter - alles für das Kindeswohl. „Du bist ein dreckiges Bonzenmädchen“, stand auf meinem Handy-Display. Eine Nachricht von Armin (alle Namen von der Redaktion geändert). Er schrieb mir von Berlin aus, ich war mit einer Freundin in Australien. Fünf Wochen Urlaub, wir hatten lange im Voraus gebucht. Armin wollte, dass ich den Urlaub absage, weil ich im vierten Monat schwanger war. Aber das Geld hätten wir verloren, außerdem gab meine Frauenärztin grünes Licht und ich hatte mich schon darauf gefreut. Also flog ich. Und er schickte mir schreckliche Nachrichten hinterher, die jedes Gefühl von Freiheit und Ferne in mir erstickten. Als ich Armin vor drei Jahren erzählte, dass ich schwanger bin, wollte er zunächst nichts damit zu tun haben. Es sei nicht sein Kind und wenn doch, solle ich das erstmal beweisen. Eine klassische Panikreaktion, dachte ich. Wir hatten uns kurz vorher bei einem Promo-Job kennengelernt, schliefen ein paar Mal miteinander, hielten es ansonsten aber locker. Bei einer Affäre erwartet man voneinander nicht viel, erst recht keinen Nachwuchs. Aber ich wollte das Kind bekommen und Armin beruhigte sich. Ihm gefiel schließlich die Idee von sich selbst als guter Vater. Könnten wir eine Familie sein? Einen Versuch war es doch wert, für unser Kind, dachte ich. Also wurden wir ein Paar. Ich konnte nicht ahnen, was auf mich zukommen würde. Ich lebte in einem Wechsel aus Schock und Angst Als ich aus dem Urlaub zurückkehrte, fing der Psychoterror richtig an. Ich hatte Armin mein Auto in meiner Abwesenheit ausgeliehen, den Autoschlüssel drückte er einer fremden Person auf der Straße in die Hand, statt ihn in meinen Briefkasten zu werfen. Dann schickte er die Steuerfahndung zu mir, weil ich meine Wohnung während meiner Reise untervermietet hatte. Ich lebte in einem Wechsel aus Schock und Angst. Zumindest bekam ich sowohl eine Steuerrückzahlung als auch meine Autoschlüssel wieder. Zu Lillys Geburt bezahlte ich Armins Zugticket in meine Stadt, damit er dabei sein konnte. Ich dachte, es könnte auch für Lilly später wichtig werden zu wissen, dass ihr Vater da war. Armin wechselte am ersten Tag ihre Windeln – darin wäre er der allerbeste unter den jungen Vätern im Krankenhaus, sagte er. Danach kümmerte er sich nicht mehr. Je nach Laune war Lilly mal sein Kind, mal nicht. Der Umgang musste geklärt werden Als sie ein Jahr alt war, kam ein Schreiben vom Gericht: Armin forderte einen offiziellen Vaterschaftstest. Die Kosten von 1000 Euro musste ich bezahlen. Als dann alles klar war, drängte das Jugendamt: Der Umgang müsse geklärt werden. Mein kleines Kind schutzlos diesem Psychoterror aussetzen? Ich kann mich gegen ihn wehren, aber mein Kind doch nicht. Schon beim Gedanken daran, dass er Lilly bekommen könnte, schnürte sich mir der Hals zu. "Niemand außer mir sah, dass Armin mittlerweile launenhaft wechselte zwischen Liebesbekundungen an mich und Drohungen, mir die Hells Angels auf den Hals zu hetzen" Ich schlug der Mitarbeiterin vom Jugendamt einen begleiteten Umgang vor. Sie verstand mein Problem nicht, Lillys Vater wäre doch ein ganz feiner Mann. Ich sagte ihr, dass er regelmäßig kifft und andere Drogen nimmt. Ihre Antwort: „Solange er es nicht vorm Kind konsumiert.“ Ich fühlte mich wie in einer verkehrten Welt. Niemand außer mir sah, dass Armin mittlerweile launenhaft wechselte zwischen Liebesbekundungen an mich und Drohungen, mir die Hells Angels auf den Hals zu hetzen. Er beantragte im Eilverfahren das alleinige Sorgerecht Die erste Erleichterung für mich: Ich bekam eine andere Sachbearbeiterin beim Jugendamt, die sich aus eigener Erfahrung mit psychischer Gewalt auskennt. Sie sorgte dafür, dass Armin zunächst nur den begleiteten Umgang bekam. Und dann hatten meine Tochter und ich großes Glück. Als die Mitarbeiterin vom Jugendamt beim Umgang ankündigte, dass sie demnächst Urlaub mache und deswegen den Umgang aussetzen musste, verlor Armin die Kontrolle, zeigte sich aggressiv und laut. Er beantragte im Eilverfahren das alleinige Sorgerecht für Lilly, behauptete, dass meine Familie Waffen hätte und für meine Tochter gefährlich sei. "Je mehr ich meine Panik verstecken wollte, desto mehr zeigte es mein Körper: Ich bekam schlechte Haut und Panik-Attacken, meine Brust entzündete sich" Ich stand unter Dauerstrom, im Modus „Kind schützen“. Aber zeigen dürfte ich meine Gefühle nicht, denn beim Familiengericht würden sie alle als Hysterie ausgelegt werden und ich würde als bindungsintolerant und erziehungsunfähig gelten. Ich dürfte auch nicht gegen ihn sein, sonst wäre ich die böse, rachsüchtige Mutter, die dem Vater das Kind vorenthalten will. Ich musste also vorspielen, Armin unterstützen zu wollen – dabei wurde mir speiübel. Und es ging mir immer schlechter. Je mehr ich meine Panik verstecken wollte, desto mehr zeigte es mein Körper: Ich bekam schlechte Haut und Panik-Attacken, meine Brust entzündete sich. Er wollte mich fertig machen Die Richterin schien anfangs auf Armins Seite zu sein, er hatte gute Karten. Trotzdem beruhigte er sich nicht, schrieb massenhaft Anzeigen gegen mich, das Jugendamt, die Frau vom begleiteten Umgang, die Frauennothilfe, bei der ich mich beraten ließ. Und er forderte Schadensersatz beim Bürgermeister der Stadt, in der ich wohne. Außerdem schickte er Briefe an meine Tochter, in denen er ihr versprach, „all die Nazis umzulegen“ und dass sie sich „keine Sorgen machen“ müsse. Die Richterin gab ein Gutachten in Auftrag, das vor einem Monat fertiggestellt wurde und hier ankam. Darin steht, dass er so lange das Sorgerecht beantragen wollte, bis ich mit meinen Nerven am Ende sei. Der Gutachter schreibt, Armin müsse eine Therapie machen und der Umgang wird aktuell ausgeschlossen. Dieses Gutachten ist meine Sicherheit. Wenn auch nur für die nächsten zwei Jahre. Der ganze Prozess hat mich 4500 Euro gekostet. Ich lebe mit 32 Jahren wieder bei meinen Eltern und bezahle die Schulden so schnell wie möglich ab. Aus meinem Leben habe ich ein Versteck gemacht: Unser Garten ist seit kurzem hoch umzäunt, die Kita meiner Tochter weiß, dass sie nur von mir oder meinen Eltern abgeholt werden darf, ich ändere regelmäßig meinen Namen auf Instagram und poste keine sensiblen Informationen über uns. Nicht einmal Urlaubsbilder, denn er könnte in einen Flieger steigen und uns überraschen. Unterstütze unsere Arbeit auf Steady! ___STEADY_PAYWALL___

Neu und Rechts: die Initiative „Eltern stehen auf“

Neu und Rechts: die Initiative „Eltern stehen auf“

Erziehungswissenschaftlerin Sandra Siehl hat sich die Initiative angesehen. Im Sommer 2020 hat sich während der Corona-Pandemie eine neue besorgte Elterngruppe gegründet: „Eltern stehen auf“. Auf ihrer Homepage schreiben die Initiator*innen, dass sie sich für „Freiheit, Recht und Selbstbestimmung“ einsetzen und dass sie Familien „im Umgang mit den Maßnahmen der Coronaschutzverordnung" unterstützen wollen. Das klingt zunächst genau nach der Hilfe, die Eltern aktuell benötigen. Die Belastungen von Kindern und Familien wurden während der Pandemie – und auch schon davor – in der öffentlichen Wahrnehmung und in politischen Diskursen zu wenig beachtet. Auf der Homepage der neuen Elterninitiative sind frische Farben zu sehen, Wolken, Kinderhände und ein Herzchen, das gleichzeitig eine Blume auf einer grünen Wiese darstellen soll. Was sich jedoch hinter dem freundlichen Eindruck verbirgt: Verschwörungserzählungen und rechtsextremes Gedankengut. Kinderschutz als Aufhänger einer gefährlichen Ideologie Dass wir bei einer Elternbewegung, die sich Schutz und Fürsorge auf die Fahne schreibt, nicht in erster Linie an Rechtsextremismus denken, ist gut nachzuvollziehen. Noch zu sehr dominieren in unseren Köpfen ganz bestimmte Stereotype, wie Nazis aussehen. In unserer Vorstellung sind diese meist männlich, tragen Springerstiefel und Glatze. Die Rechten von heute sind anders - wir sprechen daher von den Neuen Rechten – sie tragen ihre Ideologie in kleinen Happen in die Mitte der Gesellschaft. Sodass sich ihre Weltsicht unauffällig durchsetzt. Sie engagieren sich in Vereinen, sie nehmen an öffentlichen, kulturellen Veranstaltungen teil, zeigen sich weltoffen und freundlich. Auch das äußere Erscheinungsbild hat sich verändert, sie tragen Polo-Shirt und Stoffhose. Und: Sie machen nicht ihre Weltsicht zum Thema, sondern Themen, die jede*n interessieren. "Eltern stehen auf"nutzt das Thema Kinderschutz - dass Kinder schutzbedürftig sind, ist gesellschaftlicher Konsens. Auf der Homepage des Vereins steht: „Seelischen, körperlichen und mentalen Schaden möchten wir von unseren Kindern fernhalten“. In Bezug auf die Covid-Impfung wird von einem "medizinischen Experiment" gewarnt. Auf der Webseite gibt es Flyer zum Downloaden, die zur Aufklärung in Zusammenhang mit Corona dienen sollen – jedoch gleichzeitig hochproblematische Inhalte aufweisen. Verschwörungserzählungen werden als Informationen getarnt Zwei der vielen kruden Thesen: mRNA-Impfstoffe würden das menschliche Genom verändern und das Zulassungsverfahren des Impfstoffes gegen das Coronavirus wäre verkürzt worden. Beide Behauptungen sind falsch. Auch verweist „Eltern stehen auf“ sowohl auf ihrer Homepage, als auch in ihren Social-Media-Kanälen immer wieder auf Akteure*innen oder Gruppierungen, die mit der rechtsextremen Querdenken-Bewegung in Verbindung stehen: Zum Beispiel auf die umstrittene Initiative „Ärzte für Aufklärung“ oder das verschwörungsideologische Online-Magazin „Rubikon“. YouTuber Ken Jebsen, der antisemitische Stereotype und Verschwörungsfantasien verbreitet, teilt etwa auf seiner eigenen Online-Plattform KenFM Texte des Rubikon-Chefredakteurs. KenFM wird mittlerweile vom Berliner Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingeordnet. Das Netzwerk der Neuen Rechten Nun könnten wir sagen, dass diese Verknüpfungen über mehrere Ecken gedacht sind: Die Elterninitiative „Eltern stehen auf“ steht ja nicht in einem direkten Zusammenhang mit Querdenken, Rubikon oder Ken Jebsen. Die Verbindungen führen jedoch immer wieder in jene neurechte, verschwörungsideologische Szene. Im Kern geht es in der Szene darum, anerkannten Wissenschaftler*innen ihre Expertise abzusprechen und stattdessen alternatives Gegenwissen, das auf verschwörungsideologische Inhalte basiert, zu verbreiten. Ein konkretes Beispiel: Michael Hüter, unter anderem Autor für „Rubikon“, macht regelmäßig Stimmung gegen die Corona-Schutzmaßnahmen, behauptet, Kinder würden durch sie kollektiv traumatisiert. In einem Interview mit dem TV-Sender RT DE – dieser ist vor allem in der rechten Szene weit verbreitet - spricht Hüter darüber, dass für Kinder und Jugendliche Corona „irrelevant“ sei. Dies würde die „weltweite wissenschaftliche Lage“ bestätigen, behauptet Hüter. Das ist jedoch falsch, denn in der anerkannten Wissenschaft gibt es mittlerweile einen Konsens darüber, dass auch Kinder und Jugendliche am Infektionsgeschehen beteiligt sind. Michael Hüter folgte im November 2020 einer Einladung der Elterninitiative „Eltern stehen auf“ in Leipzig. In jener Gesprächsrunde befand sich ein weiterer Akteur aus der neurechten Szene und ebenfalls Autor des Online-Magazins „Rubikon“ sowie gern gesehener Gast bei KenFM: Hans-Joachim Maaz. Dieser verharmlost seit Beginn der Pandemie das Coronavirus, schreibt in einem Rubikon-Artikel, es gäbe „keine gesicherten Hinweise, dass Covid-19 gefährlicher und tödlicher ist als andere Viren“, spricht von einer „Pandemiepsychose“, die die Möglichkeit für die „Herstellung einer neuen totalitären Weltordnung“ biete. Und genau diese Erzählung ist anschlussfähig mit dem Verschwörungsmythos der sogenannten „Neuen Weltordnung“ - einer antisemitischen Rahmenerzählung. Wir sehen: Sowohl Hüter, als auch Maaz verbreiten in Bezug auf das Coronavirus und die Schutzmaßnahmen genau jene Desinformationen, die auch in der Querdenken-Bewegung Anklang finden. Die Initiative „Eltern stehen auf“ teilt ihre pseudowissenschaftlichen Meinungen und reiht sich somit in die Ideologie der Querdenker ein. Wie können wir problematische Elternbewegungen enttarnen? Das Netzwerk der Neuen Rechten ist insgesamt komplex, verworren, undurchsichtig und unglaublich vielschichtig. Ihre Akteure*innen sind nicht alle offen rechtsextrem oder wissenschaftsfeindlich. Viele von ihnen sind teilweise auch in den anerkannten Medien vertreten, weil sie eben niemals Nazi-Parolen schwingen würden oder weil ihr Menschenbild zunächst sehr offen und liberal ist – all das macht sie jedoch nicht weniger gefährlich. Ganz im Gegenteil: Diese Akteure*innen dienen als eine wichtige Schnittstelle, um das ableistische, rassistische und antifeministische Gedankengut der Neurechten wieder gesellschaftsfähiger zu machen und in die „bürgerliche Mitte“ zu tragen. Besorgte Elternbewegungen sind ein Beispiel solch einer Schnittstelle, da sie ihren menschenverachtenden Kern unter einem liberalen Deckmantel verstecken. Doch anhand bestimmter Kriterien – ich werde drei von ihnen vorstellen - können wir laut der Bundeszentrale für politische Bildung gefährliche rechte Ideologien und Verschwörungsmythen identifizieren: Verschwörungsmythen vereinfachen komplexe gesellschaftliche Phänomene und es gibt in ihren Erzählungen immer eine kleine Gruppe von Akteure*innen, die an einem ganz bestimmten Umstand – wie zum Beispiel der Corona-Pandemie – die alleinige Schuld tragen. Während sich wissenschaftliche Theorien ständig weiterentwickeln, manche sogar widerlegt werden müssen, weil es neue Erkenntnisse gibt, ist ein Vorankommen und Lernen auf Seiten der Verschwörungstheoretiker*innen kaum möglich. Bei ihnen geht es in erster Linie darum, die eigene Weltanschauung immer wieder zu bestätigen. Alles was nicht in ihr Bild passt, muss ignoriert und geleugnet werden. Die Erzählungen und Darstellungen sind meistens emotional aufgeladen, sie sind manipulativ und suggestiv. Es gibt nur die eine Wahrheit, es gibt nur die eine Sichtweise und es gibt nur bei ihnen die richtigen Handlungsanweisungen. Besorgte Elterngruppen, wie "Eltern stehen auf" arbeiten ebenfalls mit diesen „Methoden“. Sie zeichnen ein Bild, das nur Schwarz oder Weiß kennt. Beispielsweise wenn behauptet wird, Kinder seien keine „Treiber der Pandemie“ und sie deshalb von allen Maßnahmen befreit werden müssen. Dass bei Kindern beispielsweise teilweise andere Maßnahmen gelten als bei Erwachsenen, wird hierbei gänzlich außer Acht gelassen. Auch die Forderung von „Eltern stehen auf“, die Maskenpflicht bei Kindern und Jugendlichen sofort zu beenden, weil diese „nachweislich zu psychischen und physischen Schädigungen“ führe, ist undifferenziert und zu kurz gedacht. Denn auch Kinder und Jugendliche können einer Risikogruppe angehören und auf jene Maßnahme angewiesen sein. Die Forderungen sind demnach ableistisch. Die Initiative „Eltern stehen auf“ ist weder an Entwicklung oder Differenzierung, noch an anerkannten wissenschaftlichen Aussagen interessiert. Ganz im Gegenteil, all dies würde nämlich bedeuten, dass ihre Ideologie zusammenbricht. Unterstütze unsere Arbeit auf Steady! ___STEADY_PAYWALL___

Zwischen Sexarbeit und Mutterschaft

Zwischen Sexarbeit und Mutterschaft

Heute ist der International Sex Worker’s Day – ein Tag, der auf die Rechte von Sexarbeiter*innen aufmerksam machen soll. Die Berlinerin Sulema Vásquez (27) ist nicht nur Sexarbeiterin, sondern auch Mutter – warum es ihr wichtig ist, bei der Arbeit ihre Identität als Mutter selbstverständlich mit einzubringen? Lest selbst! Und danach: Sozialarbeiterin M. Özdemir spricht im Interview darüber, wie Sexarbeiter*innen mit Kindern beim Jugendamt diskriminiert werden. „Meine Tochter war ein Jahr alt als ich beschlossen hatte, Sexarbeiterin zu werden. Ich hatte damals das Gefühl, dass ich mich als Mutter nur noch um mein Kind, aber nicht um mein Sexleben kümmern sollte – als würde alle Welt plötzlich versuchen, das Thema Sexualität von mir abzuschirmen. „Erstmal ist das Kind wichtig“, hieß es oft. „Natürlich“, dachte ich dann immer, „aber ich bin es auch.“ Nach der Schwangerschaft hatte ich viele Probleme mit meinem Körper, auch beim Sex. Ich musste ihn neu kennenlernen, er fühlte sich anders an, sah anders aus und auch meine Identität und damit mein Bewusstsein für mich und meine Wirkung auf andere hatten sich verändert. Mutter zu sein war nun ein neuer Teil von mir – ja, auch beim Sex. Aber ich hatte den Eindruck, diesen Teil meiner Identität beim Sex verleugnen zu müssen. Es machte für mich keinen Sinn: So viele Menschen bekommen Kinder, aber niemand spricht mit ihnen darüber, was danach mit ihrer Sexualität passiert?! Es fehlen echte Mütter in erotischen Filmen Ich suchte in erotischen Filmen nach Rollenvorbildern für mich – vergeblich. In Pornos gibt es nur Stereotype, zum Beispiel die „Milfs“. Viele dieser Darstellerinnen sind keine Mütter. Und sie performen auch nicht so, dass ich mich in ihnen wiederfinden könnte. Sie stellen sich in häuslicher Umgebung dar, näher kommen sie einer Mutter nicht. Daraus entsteht ein verzerrtes Bild von Mutterschaft in Zusammenhang mit Sexualität. Während ich diese Filme sah, fragte ich mich: Was würde ich gerne sehen? Wie kann man Sex und Mutterschaft zusammenbringen? Was ich mir vorstellte, reizte mich – ich bekam Lust, meine Visionen von Mutterschaft und Sexualität selbst umsetzen. Heute habe ich im Alltag einen sehr straffen Zeitplan – wie die meisten Mütter: Von Montag bis Freitag arbeite ich als Krankenschwester in einer Klinik, nachmittags bin ich mit meiner Tochter zusammen. Castings für erotische Filme – wie zum Beispiel die feministischen Pornos von Erika Lust – mache ich am Wochenende oder nachts oder wenn meine Tochter in der Kita ist und ich gerade frei habe. Sexarbeiter*innen haben keine Lobby Die Arbeit als Sexarbeiterin macht mir Spaß. Aber die Arbeitsbedingungen sind aufgrund der Gesetze immer noch prekär. Das ist insbesondere für Eltern problematisch, die wie ich alleinerziehend sind und ein regelmäßiges Einkommen brauchen. Aktuell bekommen Sexarbeiter*innen kein Geld, wenn wir oder unsere Kinder mal zwei Wochen krank sind und nicht arbeiten können. Wir brauchen dahingehend neue Gesetze im Gesundheitswesen. Auch während der Pandemie hatten Sexarbeiter*innen absolut keine Unterstützung, keine Lobby, die sich für uns stark machen konnte. Es gab Kontaktverbote und andere neue Regelungen, die Sexarbeiter*innen dazu zwangen, ihre Arbeit ins Internet zu verlegen. Ich habe nun einen Only-Fans-Account, mit dem ich Inhalte im Homeoffice erstellen kann. "Bei mir sieht man Dehnungsstreifen" Ich arbeite bodypositive, um meine Identität als Mutter während der Arbeit nicht zu verleugnen. Ich bearbeite meine Bilder nicht und lade nur Originale hoch. Bei mir sieht man Dehnungsstreifen und einen unoperierten Körper, der bereits ein Kind geboren hat – nichts gegen Operationen, aber wir müssen auch das andere sehen. Viele Frauen sagen mir, dass ich sie inspiriere und dass es ihnen gut tut, ihre eigenen Körper in meinem wiederzufinden. Ich bin für Transparenz, auch bei uns zuhause. Mit meiner Tochter rede ich über alle Themen altersgerecht und offen. Zum Beispiel benenne ich die Körperteile bei ihren richtigen Namen – statt „Schnecke“ oder „Pipi“ zu sagen. Ich bin mit meinem Beruf meistens im Reinen und kann ihn sowohl vor meiner Oma rechtfertigen als auch vor meiner Tochter, sollte sie ihn mal in Frage stellen. Sollte sie deswegen irgendwann mal in der Schule oder woanders gemobbt werden, dann würde ich das genauso behandeln wie jedes andere Mobbing. Sexarbeiterin zu sein bedeutet für mich Freiheit und Recht. Ich komme aus einer sehr konservativen und religiösen Familie, in der meine Sexualität eher unterdrückt wurde. Und trotzdem gibt es noch die gesellschaftliche Perspektive auf meine Arbeit, die mich weiterhin beeinflusst. Zum Beispiel habe ich mich noch keinen Ausweis als Sexarbeiterin beantragt, aus Angst vor dem Jugendamt. Ich bin eine junge, alleinerziehende Person of Colour, die als Sexarbeiterin ihr Geld verdient. Ich fürchte, dass die Mitarbeiter*innen vom Jugendamt ihre Vorurteile auf mich projizieren könnten und daraus Nachteile für meine Familie entstehen könnten." "Kinder sind keiner Gefährdung ausgesetzt, nur weil ihre Mutter Sexarbeiterin ist" Werden Mütter, die als Sexarbeiter*innen arbeiten beim Jugendamt benachteiligt? Wir haben mit der Sozialarbeiterin M. Özdemir (29) gesprochen, die bei verschiedenen Jugendämtern in Hamburg und in Niedersachsen gearbeitet hat. Frau Özdemir, Sie haben mehrmals alleinerziehende Mütter betreut, die als Sexarbeiterinnen gearbeitet haben. Berufe sagen nichts über die Erziehungsfähigkeit von Menschen aus – wird das bei Sexarbeiterinnen anders bewertet? M. Özdemir: Ich würde sagen, aus Sicht der Gesellschaft sollen Sexarbeiter*innen nicht auch Mütter sein. Viele Menschen sehen das Wohl von Kindern gefährdet, wenn ihre Mütter Sexarbeiter*innen sind. Solche „Fälle“ werden absurd viel gemeldet. Aber weder juristisch noch pädagogisch sind Kinder einer Gefährdung ausgesetzt, nur weil die Mutter Sexarbeiterin ist. Einige Anwält*innen, Mitarbeiter*innen beim Jugendamt oder Kita- oder Schulpersonal sehen das leider oft anders. Was genau ist meist die Sorge? M. Özdemir: Die Sorgen entstehen aufgrund der Vorurteile, die viele Menschen unreflektiert auf andere projizieren. Sie melden Mütter beim Jugendamt, weil sie das Kindeswohl gefährdet sehen. Kein Wunder: Sie denken, Sexarbeiterinnen würden – auch als Mütter – „Freier im Haushalt ein- und ausgehen“ lassen und die Kinder wären in logischer Konsequenz während des Geschlechtsverkehrs dabei. Nachbar*innen „identifizieren“ dann jeden Handwerker oder Freund und jede andere männliche Person, die das Haus betritt, als Freier. Oft schließen sich „tratschende“ Nachbar*innen zusammen und treten gemeinsam an das Jugendamt heran. Wir nehmen die Meldungen dann entgegen und bearbeiten sie. Die meldende Person bekommt keine Rückmeldung – Datenschutz. Ist Ihnen ein Fall besonders in Erinnerung geblieben? M. Özdemir: Eine Lehrerin hat mal eine Mutter mit Kind im Supermarkt beobachtet und sie bei uns gemeldet, weil sie sich mit einem Mann unterhalten hatte – der laut der Lehrerin daher ein Freier gewesen sein musste. Die Überprüfung ergab, dass das gar nicht stimmen konnte. Auch die Annahme, sie würde die Kinder abends und nachts alleine lassen, war reine Interpretation und Spekulation. Ja, die Arbeitszeiten sind nicht immer von neun bis 17 Uhr, aber wenn die Mutter ihr Kind nicht betreuen konnte, hatte sie sich immer um eine adäquate Betreuung gekümmert, wie andere Mütter eben auch. Wie werden diese Vorurteile in Sorgerechtstreits behandelt? M. Özdemir: Ich erinnere mich an einen Sorgerechtstreit, in dem der Vater der Kinder den Beruf der Mutter als Argument für ihre Erziehungsunfähigkeit genutzt hatte. Die Schreiben seines Anwaltes malten ein ekliges Bild über die Mutter, welches sich ausschließlich auf ihren Beruf bezog. Leider ist auch ihre Anwältin nicht gut mit ihren Beruf als Sexarbeiterin umgegangen und hat ihn einfach komplett abgestritten. Die Anwältin dachte ebenfalls, der Beruf als Sexarbeiterin wäre ein Grund, Kinder nicht betreuen zu können. Natürlich kam die Lüge raus und das Gericht bewertete die Mutter als nicht vertrauenswürdig. Sie sind gegenüber dem Beruf der Sexarbeiterin offen eingestellt. Aber gibt es für Mütter eine Garantie, dass der Beruf beim Jugendamt gleichwertig zu anderen Berufen behandelt wird? M. Özdemir: Das Jugendamt hat viel Macht und die Gesetze schützen Eltern zu wenig vor Diskriminierung. Wenn meine Kolleg*innen Stellungnahmen für Gerichte oder Schulen schreiben, dann wird dort niemals stehen: „Die Mutter ist eine Sexarbeiterin, daher kann sie keine Kinder betreuen“, aber die eigene Haltung und Weltsicht fließt in die Bewertung mit ein. Wenn also ein*e Kolleg*in der Überzeugung ist, Mutter sein und als Sexarbeiterin zu arbeiten wäre moralisch verwerflich und für die Kinder eine Gefährdung, dann hat er*sie in der Hand, wie diese Mutter dargestellt wird – Bewertungen fallen dann schlechter aus als sie müssten. Wenn ein*e Kollegin also denkt: „Sexarbeiterinnen sind schlechte Menschen, darum auch schlechte Mütter“, dann geht er*sie auf die Suche nach Beweisen, die diese Annahme unterfüttern sollen. Fakt ist also: Wenn ich meine persönliche Bewertung nicht bewusst und reflektierend rausnehme, dann fließt sie in die professionelle Bewertung mit ein. Und dann entstehen Stellungnahmen, die auf den ersten Blick nicht diskriminierend sind. Aber schaut man genauer hin, wird klar, dass die betroffene Person aufgrund des Berufes benachteiligt in institutionelle Prozesse gestartet ist. Wie ließe sich das verhindern? M. Özdemir: Meine Kolleg*innen sollten unbedingt sensibel arbeiten. Dazu gehört eine Grundeinstellung gegenüber allen Menschen, die wertschätzend ist, feministisch, antirassistisch, antiableistisch und so weiter. Wenn wir das als Ziel für die Haltung auf Arbeit begreifen, dann kann ein*e Kolleg*in mich leichter hinterfragen und darauf aufmerksam machen, dass ich in einen Fall womöglich verinnerlichte Vorurteile reinbringe, die da nicht hingehören. Das passiert zu selten, weil Jugendämter überlastet sind und keine Zeit haben für Reflektion und Weiterbildung zu politischen Themen. Unterstütze unsere Arbeit auf Steady! ___STEADY_PAYWALL___