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Häusliche Gewalt: Warum ich nicht gegangen bin

Ines Anioli spricht im Podcast “DANKE, GUT” über ihre toxische Beziehung und warum sie nicht “einfach” gegangen ist. Das hat mich an meine Geschichte erinnert. Sie spricht über Gaslighting und Manipulation, darüber, wie sie langsam aber sicher an ihrem Verhalten und ihrer Denkweise gezweifelt hat und irgendwann nicht mehr wusste, was richtig und was falsch ist. Wie sie über die negativen Dinge bei Freund*innen und Familie geschwiegen hat und wie sie es am Ende doch geschafft hat. Meine Geschichte ist etwas, das ich so gerne tief in mir vergraben würde, weil ich mich so oft dafür schäme und weil ich nicht daran denken oder darüber reden will. Aber ich muss mich nicht schämen. Ich will reden, für alle, die es (noch) nicht können, die sich gefangen fühlen und denen es vielleicht hilft, auszubrechen. Wenn Du oder eine Person die Du kennst von häuslicher Gewalt betroffen bist, wende dich an das Hilfetelefon unter 08000 116 016 . Du kannst dort auch per Chat beraten werden. Häusliche Gewalt kannte ich als junges Mädchen nur aus Erzählungen. Der Vater einer Jugendfreundin war gewalttätig und ich hatte kein Verständnis dafür, dass ihre Mutter mit ihren beiden Töchtern bei ihm blieb. Meine Mutter hatte mir vorgelebt, dass man niemals bei jemandem bleibt, der einen unglücklich macht und dass ein freies, selbstbestimmtes Leben das Maß aller Dinge ist. Das hatte ich verinnerlicht. Niemals , so dachte ich, würde ich überhaupt an einen Mann geraten, der mir Gewalt antun könnte. Schließlich bin ich feministisch erzogen und selbst Feministin. Und falls es doch passieren würde, dann würde ich ihn selbstverständlich sofort verlassen und anzeigen. Das war meine naive Vorstellung. Wie schnell es geht, in einer gewalttätigen Beziehung gefangen zu sein, erfuhr ich mit R. Ich war gerade 23 geworden, hatte aus meiner Wohnung ausziehen müssen und hangelte mich für ein paar Monate von Zwischenmiete zu Zwischenmiete. Ich weiß noch, wie desillusioniert, wie verloren ich damals war, wie jung und wie naiv. Ich hatte in einem großen Club als Barfrau angefangen zu arbeiten, aber die Arbeit war mir nicht wichtig. Ich wollte eigentlich nur feiern. Ich war nicht auf der Suche nach der großen Liebe und als ich R. traf, hatte ich auch nicht das Gefühl, sie in ihm gefunden zu haben. Aber er war nett, lud mich und meine Freundinnen ständig ein und schien begeistert von mir. Er war überhaupt nicht mein Typ, eher klein gewachsen, die Haare kurz rasiert, klobige Timberlands, Mantel und Jeans. Ich fand diesen Bad Boy Stil nie besonders ansprechend. Aber ich fühlte mich sicher bei ihm, beschützt - und ich vermute, das war es, was mich in dieser Zeit anzog. Er fuhr mich immer nach Hause, nach unseren Dates, machte keine Anstalten, mich zu küssen oder mehr. Ich weiß noch, dass ich diese Art des Respekts mir gegenüber sehr genossen habe. Als wir dann zusammen kamen, nannte er mich sein “Girl” sein “Ride or die”. Als ich ihn fragte, was er beruflich macht, wich er aus, sagte, das könne er mir so genau nicht sagen, ich solle besser nicht fragen. Alles was ich wissen müsse, so sagte er mit verheißungsvollen Ton, sei, dass er sich um uns kümmern würde, dass er Auto fahre und dass es mir an nichts fehlen würde (Später sollte sich herausstellen, dass er keinen mysteriösen, illegalen Job, sondern einfach einen Fahrdienst für Geschäftsmänner anbot, deren Autos er dann zeitweise fahren durfte) In dieser Zeit hatte ich das Gefühl, nichts unter Kontrolle zu haben und so war es wahrscheinlich diese vermeintliche Hilflosigkeit, die seine kontrollierende Art so anziehend machte. Ziemlich schnell zog ich in seine Wohnung in Berlin-Mitte, die er - wie sich später herausstellte - dreist seiner Ex-Freundin weggeschnappt hatte, mit all ihrem Hab und Gut. Rückblickend wundere ich mich, dass ich nicht hinterfragt hatte, weshalb sie so kampflos ihre Wohnung, Möbel und persönlichen Gegenstände aufgab. Schnell nach meinem Einzug fing die Stimmung an, zu kippen. Er warf mit Tellern nach mir, wenn ich das falsche Essen nach Hause brachte, er machte mich für alles, was in seinem Leben schief lief verantwortlich und ich wollte alles dafür tun, dass er wieder milde gestimmt war. Ich übernahm die Miete, ich überließ ihm Kontrolle darüber, wie viel Geld und wofür ich es ausgeben durfte. Unsere Dynamik hatte sich nachhaltig verändert. Er hatte die moralische Oberhand, das ließ er mich jede Sekunde spüren. Er kontrollierte, wohin ich ging und mit wem. Er schrie mich vor anderen an, er bedrohte meine Freundinnen. Er schloss mich in die Wohnung ein, wenn er tagelang verschwand. Wenn ich etwas falsch machte, nicht richtig aufräumte oder zu laut schrie, wenn wir uns stritten, warf er mich ohne Geld und ohne meine Sachen aus der Wohnung. Immer wieder kam ich zurück. Nie, weil ich dachte, dass ich ihn liebe. Immer, weil ich dachte, dass mich niemand lieben kann, außer ihm. Er hatte es mir immer und immer wieder eingetrichtert. Und schließlich, so dachte ich, bin ich so schwierig und anstrengend, schließlich haben so viele ihre Probleme mit mir und bisher ist ja auch keiner geblieben, also muss es stimmen. Keiner wird mich jemals lieben, wie er mich liebt. Und selbst, als ich diese Lüge längst nicht mehr glaubte, so glaubte ich dennoch, dass ich nicht liebenswert war. Und vor allem, dass ich nicht einfach so gehen konnte. Ich hatte meine Freundinnen vergrault, weil er sie ständig bedrohte. Und denen, die geblieben waren, log ich vor, dass alles in Ordnung sei. Die, die ahnten, dass das nicht stimmte, boten mir wieder und wieder an, bei ihnen bleiben zu können und wieder und wieder stritt ich alles ab. Schließlich konnte einer Frau wie mir so etwas nicht passieren. Er war nie körperlich gewalttätig. Er schrie mich vor meiner Familie an, weil er sich den Weg zu meinem Elternhaus nicht merken konnte und beschimpfte mich und meine Freund*innen ständig, er warf auch mal mit Tellern oder Gegenständen, zerlegte die gesamte Wohnung, weil er sein Handy nicht finden konnte. Aber er hatte mich nie geschlagen. Also blieb ich. Ich dachte: “Es ist ja alles nicht so schlimm, solange er mir keine Gewalt antut.” Dass er das längst tat, erkannte ich nicht. Als er ein wichtiges Dokument eines Tages nicht finden konnte und es dann woanders auftauchte, als da, wo er es vermutet hatte, wurde seine Gewalt doch körperlich. Er schubste mich gegen die Wand und schrie mich an, sodass mein Gesicht ganz nass wurde von dem Speichel, der aus seinem Mund flog. Er warf mir vor, dass ich ihn hintergehen würde und ausspionieren und deshalb seine Papiere verstecken würde. Dann warf er mich auf das Bett und würgte mich. Ich wehrte mich, ich kämpfte, aber er war stärker. Und dann kam dieser Moment, in dem mich jeder Lebenskampf und jede Kraft verlassen hatte. Ich dachte, dass ich sterben würde. Ich schloss die Augen und bewegte mich nicht mehr und alles wurde ganz still. Er ließ nach einer gefühlten Ewigkeit von mir ab, setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett und fing bitterlich an zu weinen. In dem Moment wusste ich, dass ich gehen musste.
Leider habe ich es nicht sofort geschafft, weil ich Angst hatte, dass er mir oder meinen Liebsten etwas antun könnte. Aber ab dem Zeitpunkt habe ich meinen Plan stur verfolgt. Ich hatte nichts als Hass und Verachtung übrig für ihn und jedes Mal, wenn er das Haus verließ, hoffte ich, dass er nie mehr zurück kommt. Er war nie wieder körperlich gewalttätig mir gegenüber. Aber er hat mir mein Geld von da an immer weggenommen. Vor allem wohl, damit ich bleiben würde. Weil ich ohne Geld nicht gehen konnte und weil er wusste, dass ich meine Eltern nicht um Hilfe bitten wollte. In dieser Zeit habe ich F. kennen gelernt, ich war mittlerweile 25, er 20. Er hatte sich direkt in mich verliebt und ich mich in seine unschuldige und liebenswerte Art. Er war das Gegenteil von R. Wir trafen uns heimlich, immer wenn R. wieder tagelang verschwunden war. Er wohnte noch bei seinen Eltern und hat nicht aufgehört, mir einen Platz in seinem Zimmer anzubieten - wenn auch nur vorübergehend. Also nahm ich eines Tages all meine Kraft zusammen, packte meine Sachen und verabschiedete mich von R. Ich wollte keinen Tag länger bei ihm bleiben, aber er schloss sich im Bad ein und drohte, sich die Pulsadern aufzuschneiden, wenn ich wirklich gehen würde. Ich brach die Badtür auf und fand ihn dort, heulend und mit einem stumpfen Schweizer Taschenmesser, drohend gegen sein Handgelenk gedrückt. Er flehte mich an, nicht zu gehen. Ich war damals nicht sicher, ob er sich etwas antun würde oder nicht. Aber heute weiß ich: Er wollte mich manipulieren und kontrollieren. Er wollte Macht. Und er hatte nie vor, sich dafür ins eigene Fleisch zu schneiden. Ich hatte viel zu lange geglaubt dankbar sein zu müssen, für jeden, der mich liebt und der bleibt. Durch die Hilfe und die Liebe von F. habe ich es geschafft, aus dieser Hölle auszubrechen. Vielleicht hätte ich es auch alleine geschafft, aber es hätte viel länger gedauert. Warum ich nicht gegangen bin lässt sich nicht in einem Satz beantworten. Aber ich weiß ganz sicher, dass ich nie mehr verurteilend über Menschen denke, die nicht einfach so eine Situation verlassen, in der ihnen Gewalt angetan wird. Ich weiß jetzt, wie ausweglos und einsam es sich anfühlt. Ich weiß jetzt, wie zermürbend diese psychische Gewalt ist und dass klares Denken und Handeln nicht von einer traumatisierten Person verlangt werden kann, solange sie sich in der traumatisierenden Situation befindet. Ich bin so froh und dankbar für die Hilfe, die ich bekommen habe. Ich bin dankbar, dass ich überlebt habe.

Pflegende Eltern: Für uns gibt es nicht einmal Applaus

Joko und Klaas senden sieben Stunden über Pflege, keine Sekunde davon über Angehörige. Joko und Klaas haben TV Geschichte geschrieben, mit ihrer Aktion, ihre freie Sendezeit zu nutzen um auf den in Deutschland herrschenden Pflegenotstand aufmerksam zu machen. Darüber wird nämlich leider fast nie und wenn dann nur als Randnotiz gesprochen. Insbesondere bei den privaten Fernsehsendern. Das ist wichtig und richtig und hat mich sehr gefreut. Sieben Stunden begleitet der Zuschauer die Pflegekraft Meike Ista bei ihrer Schicht im Knochenmark- und Transplantationszentrum der Uniklinik Münster. Im Splitscreen werden dann Pfleger*innen aus verschiedensten Bereichen eingeblendet, die von ihrem Arbeitsalltag und den teils schwer aushaltbaren Zuständen berichten. Dabei sind Altenpfleger*innen, Pfleger*innen der Frühchenstation und jene auf der Corona Intensivstation. Wie jedes mal bei dem Thema Pflegenotstand kamen aber diejenigen, die sowieso schon unsichtbar sind mal wieder nicht zu Wort: pflegende Angehörige. Pflegende Angehörige sind beispielsweise Eltern die ihre behinderten oder chronisch kranken Kinder pflegen. Ich selbst bin eine pflegende Mutter. Meine Tochter hat das Pitt Hopkins Syndrom. Das heißt für uns, dass ich sie seit ihrer Geburt und bis ins Erwachsenenalter pflege. Sie ist jetzt dreieinhalb Jahre alt. Ich füttere sie mit püriertem Essen, behalte ihr Gewicht im Auge, da sie zu Untergewicht neigt, begleite sie bei ihren Therapien wie Physiotherapie und Logopädie, entwickle mit ihren Therapeut*innen Wege, über die sie als nonverbales Kind mit mir und anderen kommunizieren kann, verabreiche ihr Medikamente und Einläufe, wickle sie, unterstütze sie beim Trinken, dusche und bade sie und hebe sie in den Rollstuhl und in andere Hilfsmittel. Während Kinder ohne Behinderung in unserer Kita von 07:00 bis 17:00 betreut werden, wird mein Kind nur von 08:00 bis 15:00 betreut. Ich kann daher aktuell nicht Vollzeit arbeiten, zumal ich dazu auch die Kraft nicht hätte. Für den Arbeitsausfall bekomme ich in unserem Fall 728 Euro monatlich ausgezahlt und bin natürlich dankbar dafür. Wenn man sich das genauer anschaut allerdings, ist dieses Geld an viele Bedingungen geknüpft und in der Realität keine ausreichende Aufwandsentschädigung dafür, dass häusliche Pflege nicht nennenswert bei der Rente berücksichtigt wird, dass ich nicht einfach so und schon gar nicht bezahlt davon Urlaub nehmen kann und dass ich Dinge an meinem Kind verrichte, die ich niemals gelernt habe. Ich bekomme als Angehörige ein Fragment von dem, was eine Pflegekraft für einige Stunden der Pflege die ich rund um die Uhr übernehme verdient. Wir pflegenden Angehörigen, die das kränkelnde Pflegesystem ohne Erwähnung, ohne Bezahlung und ohne Dank unterstützen. Wir, die sehen, wie abgekämpft, übernächtigt und unterbezahlt das Pflegepersonal ist, das unsere Lieben pflegen soll, wenn wir es einmal nicht (mehr) können. Wir, die in keiner Debatte vorkommen, weil “das ein anderes Thema ist”. Häusliche Pflege durch Angehörige ist direkt mit dem Pflegenotstand verknüpft: Möchten pflegende Angehörige einen mobilen Pflegedienst einstellen, um in der Pflege entlastet, zu werden, müssen sie teils monatelang warten und herum telefonieren, um überhaupt einen Termin zu bekommen. Ist diese Hürde geschafft, kommen meist Probleme wie Überarbeitung des Personals hinzu. Auch passiert es oft, dass die Pflege nicht korrekt vorgenommen wird, ein Wechsel des Personals ist aber wegen des Mangels meist nicht möglich. Wir unterstützen auch das Pflegepersonal im Krankenhaus, da wir oft medizinische Eingriffe wie Katheter legen oder Einläufe geben selbst bei unserem Pflegling verrichten, weil nicht genug Pflegepersonal vorhanden ist. Ich lese immer wieder, dass Pflegepersonal nicht streiken kann, weil dann Menschen sterben. Aber Pflegepersonal hat eine Lobby, Gewerkschaften und Sichtbarkeit. Für uns gibt es nichts davon. Nicht einmal Applaus Ich erwarte nicht, dass jede Doku oder jedes Interview zum Pflegenotstand auch nochmal eingehend die Herausforderungen pflegender Eltern berücksichtigt, aber bei einer siebenstündigen Doku, bei der verschiedene Menschen in der Pflege zu Wort kommen, hatte ich gehofft, dass wir wenigstens am Rande mal erwähnt werden. Bevor ich zur pflegenden Mutter wurde, wusste ich nämlich vom Pflegenotstand - aber nicht davon, wie pflegende Angehörige davon betroffen sind. Kein Wunder, es spricht ja niemand drüber.

Mutterschaft: Warum es nicht um Liebe geht

Dieser Artikel ist zuerst bei EDITION F erschienen. Ich habe ihn Anfang 2020 während meiner dritten Schwangerschaft geschrieben. Unsere Situation hat sich seitdem verändert. Was Sichtbarkeit und Inklusion angeht hat sich nichts verändert. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, Mutter zu werden. Alle meine Kinder sind gewünscht, geplant und geliebt. Ich hatte ein realistisches Bild vom Alltag mit Kindern. Ich setzte mich schon Jahre vor meiner Mutterschaft in einem feministischen Kontext mit Themen wie Rollenbildern und Altersarmut auseinander. Und dann wurde ich Mutter. Bei uns gab es nicht diesen einen Augenblick, in dem plötzlich klar war: Hier ist was anders. Bei uns war es ein schleichender, stiller Prozess. Ein langsames Wegdriften von der Norm. Wir akzeptierten unser Kind in all seinen Auffälligkeiten: Es spricht nicht, weil zweisprachige Kinder später zu sprechen anfangen. Es ist eben ein sehr aktives Kind. Ein sehr willensstarkes Kind. Ein sensibles Kind. Es entwickelt sich eben ein wenig anders, hier und da vielleicht langsamer. Aber das wird schon. Und es wurde. Besser und schlechter. Unser Kind fing mit drei Jahren an zu sprechen und holte sehr schnell auf. Und unser Kind fing mit zwei Jahren an, teilweise über Stunden zu schreien und sich und mich zu verletzen. Nicht, weil es Spaß an Gewalt hatte oder ein Ziel verfolgte. Es schien die einzige Möglichkeit, der absoluten Überforderung, die es empfand, Ausdruck zu verleihen. Unser Kind kann auf dem Spielplatz herumtoben und uns erklären, wie die Dinosaurier ausgestorben sind. Und gleichzeitig kann es sich nicht alleine anziehen und hat kein Verständnis von Zeit jenseits seiner gewohnten Abläufe. Unser Kind kann mit anderen Kindern sprechen und versteht gleichzeitig vieles in der zwischenmenschlichen Kommunikation nicht. Es schreit und brummt, nimmt unangemessene Gegenstände in den Mund, es übersieht Menschen, die direkt vor ihm stehen. Viele dieser Verhaltensweisen werden ihm von außen negativ ausgelegt. Unser Kind ist dann das unerzogene Kind, das komische Kind, das nervige Kind. Weil man es von außen eben nicht sehen kann: Unser Kind hat eine unsichtbare Behinderung. Alle meine Kinder sind gewünscht, geplant und geliebt. Es mangelt ihnen und uns also weder an Hingabe noch an Liebe. Es mangelt uns an Sichtbarkeit. Denn es ist Sichtbarkeit, die Verständnis und Bewusstsein schafft. Erst, wenn die Leute verstehen, dass mein Kind nicht einfach schreit, weil es ärgern will oder schlecht erzogen ist, können sie Verständnis haben. Ich kann aber nicht jeder einzelnen Person auf jedem Spielplatz der Welt unsere individuelle Geschichte erklären. Nicht nur habe ich dafür nicht genug Kapazität und Zeit. Jedes Kind mit Behinderung – viele viel schwerer betroffen als wir – hat seine individuelle Geschichte. Es reicht nicht, in einem winzigen Ausschnitt sichtbar zu sein, das wird der Komplexität und Vielfalt aller Geschichten nicht gerecht. Es muss ein gesellschaftliches Bewusstsein entstehen. Die Situation auf dem Spielplatz ist nur ein winziger Teil, in dem fehlendes Verständnis und Bewusstsein Kinder mit Behinderung und ihre fürsorgenden Personen einschränkt und ausschließt. Das zieht sich systematisch durch alle Bereiche. Jede Person mit Kindern weiß, wie schwer das Ding mit der Vereinbarkeit praktisch umzusetzen ist. Wie schwer muss es mit einem Kind mit Behinderung sein? Das Leben von Eltern von Kindern mit Behinderung ist geprägt von Einschränkungen an Möglichkeiten im privaten und ökonomischen Sektor, Anträgen, Ablehnungen, finanziellen, sozialen und psychischen Mehrbelastungen. Eltern von Kindern mit Behinderung müssen ihre Kinder in vielen bis jedem Bereich ihres Alltages begleiten und unterstützen. Viele Kinder benötigen bestimmte Ernährungsweisen oder verweigern bestimmte Nahrungsmittel. Manche können nicht selbstständig essen, keine feste Nahrung zu sich nehmen oder werden über Sonden ernährt. Eltern von Kindern mit Behinderung können ihr Kind nicht einfach in die Betreuung geben, sie brauchen inklusive Kindergärten oder Integrationshelfer*innen. Ihre Kinder brauchen oft täglich spezifische medizinische Versorgung und Eingriffe. Kommunikation, Mobilität, Eigenständigkeit gestalten sich oft schwer bis unmöglich. Termine bei Ärzt*innen und diverse Therapien müssen regelmäßig wahrgenommen werden. Oft sind Eltern dabei aktiver Bestandteil. Neben dem Spiel und der pädagogischen Begleitung müssen die Eltern täglich Therapien und Übungen Zuhause umsetzen. Sie müssen sich Fachwissen anlesen und investieren Stunden in Recherche über medizinische Informationen, und um herauszufinden, wo sie was beantragen können. Hilfsmittel und Unterstützung müssen regelmäßig und immer wieder neu beantragt werden. Die Bearbeitungsdauer beträgt oft Wochen. Viele Anträge werden abgelehnt und Eltern müssen regelrecht darum kämpfen. Kinder mit Behinderung sind von vielen Freizeitaktivitäten ausgeschlossen. Weil Orte nicht barrierefrei sind, Treppen und schmale Gänge das Passieren mit einem Rollstuhl unmöglich gestalten oder die vielen Reize und Menschen das Kind überfordern. Wir müssen gut abwägen, wann wir auf den Spielplatz gehen können. Viele Kinder mit Behinderung können nie Spielplätze besuchen. Wenn man nicht sieht, welche vielfältigen und komplexen Hürden Eltern von Kindern mit Behinderung überwinden müssen, unter welchen Bedingungen sie leben, versteht man sie nicht. Das schafft Distanz und Berührungsängste, die wiederum das Leben mit Behinderungen weiter stigmatisieren. Darum ist Sichtbarkeit der Grundbaustein für Inklusion. Die Mehrheit der Deutschen ist für die Verbesserung der Situation von Menschen mit Behinderung, für den Ausbau der Barrierefreiheit und gemeinsamen Unterricht. Und doch geht der Prozess der Inklusion schleppend voran. Das Problem ist: Viele scheinen zu denken, Inklusion ist, wenn man prinzipiell dafür ist oder wenn das eigene, nicht behinderte Kind in eine inklusive Kita geht. Inklusion praktisch umgesetzt, heißt, sich mit den Bedingungen von Menschen mit Behinderung auseinanderzusetzen. Inklusion bedeutet, dass das Kind mit Behinderung auch mal zum Kindergeburtstag eingeladen wird. Es reicht also nicht aus, wenn ich jeder einzelnen Person auf jedem Spielplatz der Welt erkläre, dass mein Kind eine unsichtbare Behinderung hat und was das bedeutet. Man muss mir auch zuhören und sein Kind mit meinem spielen lassen. Wenn Eltern von Kindern mit Behinderung ihr Leben und ihren Alltag sichtbar machen, über die schweren, schmerzhaften Aspekte berichten, dann seht hin und hört zu! Nehmt uns nicht den Raum, indem ihr es stigmatisiert, über das Leben mit Kindern jenseits von „Es ist ein bisschen anstrengend, aber Liebe ist alles, was zählt“ zu sprechen. So als wäre es bloß ein Mangel an Liebe, der unser Leben erschwert. Sagt uns nicht, wir wären viel tapferer, viel stärker. Denn wir sind nicht tapferer und stärker als andere gewesen, wir mussten es werden, weil wir keine Wahl hatten. Denn für uns gilt, was am Ende des Tages für alle Eltern gilt: Wir hatten vielleicht wie ich die freie Wahl, ein Kind zu kriegen – aber wir waren nicht frei in der Wahl, unter welchen Bedingungen wir es tun. Jede*r in dieser Gesellschaft hat aber die Wahl, ob er*sie hinsehen und zuhören will.

Ich bin maskulin, auch mit Schminke und im Rock

In unserer "Das bin ich"-Kolumne schreiben Menschen über ihre Suche nach passenden Räumen. Hier: Shoshana-Saide Wegfraß über seine trans Maskulinität. Ich bin trans. Ich hatte schon als Kind das Gefühl kein Mädchen zu sein. Aber wer ich stattdessen bin, habe ich erst in den letzten Jahren durch das Internet gelernt. Ich bin eines von sechs Kindern, meine Mutter hatte vor mir nur Söhne und wünschte sich so sehr ein Mädchen - und war dann so stolz und so glücklich endlich dieses Kind in den Händen halten zu können, mich. Augenscheinlich ein kleines süßes Mädchen. Sie steckte mich in Kleidchen und Lackschühchen, ließ meine Haare lang wachsen, um sie dann zu frisieren. Zeigte überall meine Fotos herum, kaufte mir Puppen. Ach was war sie stolz. All diese viel zu großen T-Shirts, Pullover, Hosen, Turnschuhe. Ich fühlte mich frei in ihnen. Aber ich fühlte mich wie in eine falsche Rolle gedrückt, verkleidet. Das war einfach nicht ich, so wollte ich nicht sein und gesehen werden. Ich fühlte, dass ich kein Mädchen war und konnte mit dem Leben, das man von mir erwartete, nichts anfangen. Sehnsüchtig und neidisch blickte ich immer wieder zu meinen Brüdern und ihren Freunden. Meine Wut, Trauer und Verzweiflung wuchs mit den Jahren in mir. Heimlich schnitt ich mir meine langen Haare ab, tat so als wäre es nur ein „Unfall“ gewesen. Ich nahm mir die Kleidung meiner Brüder. All diese viel zu großen T-Shirts, Pullover, Hosen, Turnschuhe. Ich fühlte mich frei in ihnen. Endlich sah ich mich selbst im Spiegel. In meiner Kindheit hatte ich wenig Freund*innen, mit den anderen Mädchen fühlte ich mich falsch, wie ein Hochstapler. Bei den Jungs allerdings wollte ich dazu gehören, hätte mir nichts sehnlicher gewünscht als mit ihnen zusammen wild zu raufen, Fußball zu spielen, Pokemon-Karten zu tauschen...einer von ihnen zu sein. Aber sie schlossen mich aus. Ich gehörte nicht dazu, weder auf der einen, noch auf der anderen Seite. Mit der Zeit versuchte ich, mich mal mehr und mal weniger stark anzupassen, begab mich in die feminine und auch mal in die maskuline Rolle. Glücklich war ich mit beidem nicht - ich dachte, ich müsste mich entscheiden, es gebe entweder nur das eine oder das andere. Die festen Rollenbilder für Männer und Frauen, mit denen ich aufwuchs, prägten mich zu einem großen Stück. Leider. Ich hatte keine Vorbilder, die mir etwas anderes zeigten, obwohl ich in dem doch so freien, queeren und alternativen Berlin groß wurde. Erst indem ich mich in meiner Jugend als bisexuell outete, konnte ich auf Menschen treffen, die so waren wie ich. Die LGBTQ+ Community. Ich bin auch noch trans genug, wenn ich keine Hormone nehme. Ich darf zögern und unentschlossen sein. Über die nächsten Jahre vernetze ich mich in der Community, wurde freier, probierte mich aus, stieß online auf Videos von trans Menschen und fand mich wieder. Ich sah mich. Ich sah wer ich bin. Ich bin trans. Ich bin non.binär. Ich bin trans maskulin, keine cis Frau, aber auch kein binärer trans Mann. Ich bin auch noch trans genug, wenn ich lange Haare habe und erst mal - egal aus welchen Gründen - keine Operationen möchte. Ich bin auch noch trans genug, wenn ich keine Hormone nehme - auch wenn ich mir das manchmal wünsche und mein Körper sich noch nicht ganz richtig für mich anfühlt. Ich darf zögern und unentschlossen sein. Ich bin auch noch trans genug, wenn ich mich schminken möchte, wenn ich Glitzer mag und manchmal Röcke trage. Das alles ändert nichts daran, dass ich maskulin bin. Und genau das musste ich lernen, um mich selbst so anzunehmen wie ich bin, wer ich bin. Männer, die sich schminken, sich die Nägel lackieren, Röcke und bunte Farben tragen und keinen Bart Oft fühlte ich mich weder genug gesehen, noch repräsentiert. Ich habe mich so lange so falsch gefühlt, nicht trans genug, aber auch nicht cis. Nicht männlich genug, aber auf jeden Fall nicht weiblich. Ich wusste nicht wohin mit mir, bis ich endlich Rollenvorbilder für mich gefunden habe: Queere Männer, bisexuelle und homosexuelle Männer, trans Männer, non-binäre Menschen, die völlig neu definieren, was Männlichkeit oder auch Weiblichkeit eigentlich beutetet und wie sie aussieht. Es sind Männer, die sich schminken, sich die Nägel lackieren, Röcke und bunte Farben tragen und keinen Bart. Dort bin ich angekommen. Unter ihnen fühle ich mich endlich richtig. So wichtig kann die vielfältige Repräsentation sein - also die Darstellung von Leben und Körpern außerhalb der festen Rollenbilder von Männern und Frauen, außerhalb des Binären. Das hilf nicht nur mir, nicht nur queeren Menschen, nicht nur unserer Community. Es hilft allen Menschen, die auf einer Reise sind, sich selbst zu finden und von der Mehrheit der Gesellschaft im Stich gelassen werden. Es war Zeit für mich aus diesem Rahmen heraus zu brechen. Ich bin trans non-binär und meine Pronomen sind he/they.

Mit Laura Seiler und Yogitee-Phrasen in die Hölle

Sie haben keine Ahnung, wer Du bist und was Dein Problem ist. Aber sie verkaufen Dir gerne einen Rat, damit du genauso glücklich wirst wie sie. Vor vier Jahren ging es mir nicht gut. Mein Leben wurde durch die Trennung vom Vater meines Kindes komplett auf den Kopf gestellt. Ich fühlte mich überlastet, hatte Liebeskummer, war traurig über Freund*innen, die sich distanzierten und ich spürte strukturelle Ungerechtigkeiten als Alleinerziehende. Kurzum: Ich steckte in einer fetten Krise. Den ersten Halt suchte ich bei Psychotherapeut*innen, die keinen Platz für mich hatten. Dabei brauchte ich dringend eine helfende Hand. Irgendein Strohhalm, an den ich mich sofort klammern kann, damit ich nicht untergehe. Eine Freundin empfahl mir Eckhard Tolle – einen sogenannten spirituellen Lehrer und nebenbei Bestsellerautor. Ich las sein Buch „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ ganz genau, hielt mich an jedem Satz fest und löste etwa ein Jahr lang immer wieder meinen vermeintlichen „Schmerzkörper“ auf. Indem ich achtsam war, im Hier und Jetzt. An meiner sozialen Situation änderte ich nichts. Sie belastete mich weiter, deshalb brauchte ich weiterhin Tolle. Der mir eine andere Perspektive auf meine Situation offenlegte. Ich könnte glücklich sein, wenn ich doch nur verinnerlichte, was Tolle sagt - was er in seinen Büchern beschreibt und YouTube-Videos erklärt. Wenig später folgte ein Burnout, mit Hormonstörung und depressiven Episoden. Mit Tolle machte ich Schluss und suchte mir persönliche, professionelle Hilfe. Arbeitete alles auf, strukturierte meine soziale Situation nach meinen Möglichkeiten anders. Perfekt ist mein Leben heute nicht. Ich bin nicht befreit, nicht erleuchtet, nicht all happy. Ich bin keine Märchenfigur. Du musst nur hart genug arbeiten, verstehen, praktizieren Das ist es aber, was bestimmte Coaches und spirituelle Lehrer*innen durch fehlende und deutliche Abgrenzungen vermitteln: Da ist Licht und Freude und Zuckerwatte am Ende des Tunnels. Du musst nur hart genug arbeiten, verstehen, praktizieren. It’s all about YOU! Und „Du“, das sind alle. "Ich habe eine Vorgeschichte mit schwerer Depression. Damals als ich noch unter 18 war, haben meine Angehörigen mich nicht zur Psychotherapie, sondern zu einem spirituellen Yogacoach geschickt. Mir wurde dort gesagt, es läge an meiner Einstellung, mein Lebensfluss sei blockiert, usw. Ich fühlte mich im Stich gelassen und auch betrogen." - Anonym Da ist man sich auch in Fällen wie bei Laura Malina Seiler nicht zu schade, vermeintliche Diagnosen auf Schilderungen zu geben, die in der Instagram-Story in einem Fragen-Sticker zusammengefasst wurden. Einsamkeit? Du musst dich nur öffnen! Probleme beim Verlieben? Sieh deine Vergangenheit als Geschenk! Solche und ähnliche "Ratschläge" gibt Laura Malina Seiler zum Beispiel auf ihrem Instagram-Account, bei dem ihr knapp 190 Tausend Menschen folgen. Eine Person fragt sie zum Beispiel: "Wie kann ich mich wieder verlieben?" Während ausgebildete Psycholog*innen womöglich zuerst danach fragen würden, weshalb eine Person glaubt, sich nicht verlieben zu können und ob es Ursachen dafür gibt - Vergewaltigung? Depressionen? Häusliche Gewalt? - schreibt Seiler als Antwort: "Indem du mit der Vergangenheit Frieden schließt und alles, was bisher in deinem Leben erlebt hast, als die Vorbereitung für die beste Zeit siehst, die jetzt vor dir liegt." WTF. “In der Gruppe "Generation Pille" auf Facebook gibt es ganz viele von diesen Damen. Da wurde mir auch schon erzählt, mein Asthma würde verschwinde, wenn ich meine Medikamente absetzte und Vitamin xy nehme, denn das wären ja alles nur Glaubenssätze, dass ich krank bin.” - Anonym Strukturelle Ungleichheit, Diskriminierung, traumatisierende Erfahrungen spielen keine Rolle. Für vermeintlich privilegierte Hobby-Selbstoptimierer*innen sind die Inhalte vielleicht ganz nett. Viele von ihnen haben sicher kein Problem damit 300 bis 350 Euro für die 10-wöchigen, vorab aufgezeichneten Onlinekurse zu bezahlen und sich herauszunehmen, was sie anspricht – all good! "Dass alles eine eigene Entscheidung sei, jede Lebenssituation hausgemacht und ein Resultat der eigenen Gefühlswelt (Manifestation). So werden dann nicht nur kleinere Misserfolge, sondern zum Beispiel auch Krebserkrankungen erklärt. Das ist nicht nur Hokuspokus, sondern ein ganz grausames Menschenbild mit ganz grausamen Konsequenzen für eine kollektive Verantwortung - nämlich gar keine." - Anonym Life-Coach in nur 23 Tagen - Qualifiziert genug? Was aber, wenn sich unter den Konsument*innen verzweifelte Leute mischen, die keinen – oder erst sehr spät - Therapieplatz bekommen? Wenn sie sich an dem festhalten, was Coaches wie Seiler und Co. sagen und schreiben? Und dann frustriert sind, weil die Yogitee-Phrasen nicht helfen – die psychische Belastung und das Gefühl von Versagen gar zunehmen? "Es ist verlockend, wenn da jemand steht und so tut als wäre die ganze Welt eigentlich in Ordnung - du musst nur all deine negativen Emotionen/Gedanken/Erfahrungen verdrängen." - Anonym Wie qualifiziert muss man sein, um mit Menschen zu arbeiten, die ganz individuelle Belastungen und Probleme erfahren? Laura Malina Seiler ist keine ausgebildete Ärztin, Psychologin oder Heilpraktikerin. Sie hat nach ihrem Master in Interkultureller Kommunikation als Artist Managerin für Musiker wie Tim Bendzko gearbeitet. 2015 - so steht es auf ihrer persönlichen Webseite - hat sie eine Ausbildung zum Life Coach an der Dr. Bock Coaching Akademie in Berlin begonnen und arbeitet seit März 2016 als Coach. Auf der Internetseite der Akademie steht, dass die Ausbildung in der Regel nach 186 Ausbildungsstunden innerhalb von einem Jahr abgeschlossen wird. Das wären etwa 23 Arbeitstage von je acht Stunden. Für Laura Malina Seiler reicht das aus, um Coachings, Ratschläge, Sessions, Bücher und Online-Workshops zu verkaufen - und mittlerweile zehn Mitarbeiter*innen zu bezahlen, mit denen sie ihr Business ausbaut. Risiken? Seiler schreibt in einem FAQ ihrer Webseite, sie übernehme keine Verantwortung für Schäden, die entstehen können. Leider: Unser Gesundheitssystem befördert "Masterclasses für das "Higher Self" Ein weiteres Problem ist die Stigmatisierung: Weil nur an nicht-prominenten Stellen darauf hingewiesen wird, dass Seilers Angebote keine*n Arzt*Ärztin ersetzen, wirkt das Konzept so als könne es jedem Menschen helfen. Es gibt keine Warnungen vorab, die Konsument*innen sensibilisieren. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, dass diejenigen, die noch unzufrieden mit ihren Situationen sind, nur undiszipliniert wären. "Ich habe auf einen Therapieplatz gewartet und hatte Angst vor der Therapie. Da habe ich Geld in Seilers Angebot gesteckt, weil ich gehofft hatte, ne andere/leichtere/schnellere Lösung zu finden." - Anonym Eure Nachrichten (siehe Zitate) zeigen, dass unser Gesundheitssystem aktuell unpersönliche und unseriöse „Masterclasses“ für das „Higher Self“ befördern: Wer akute Hilfe braucht, bekommt meist keine oder erst nach 3-12 Monaten eine von der Kasse bezahlte Psychotherapie. Viele Patient*innen wissen nicht, wie ein seriöses Coaching, eine seriöse Therapie aussehen muss und was „Red Flags“ wären, die zum Selbstschutz zur Beendigung des Angebots führen sollten. —> Fehlende Aufklärung. Wer eine Psychotherapie in Anspruch nimmt, muss danach mit Konsequenzen rechnen – zum Beispiel bei der Verbeamtung, beim Abschluss von Versicherungen, bei der Ausbildung als Polizist*in oder Lehrer*in. "Ich bekomme als Mama von bald zwei Kinder keine Lebensversicherung wegen meiner (erfolgreich beendeten!) Therapie." -Anonym Kein Wunder, dass man anfängt, online nach Alternativen zu suchen. „Guides“, „Coaches“, spirituelle „Lehrer“ wie Tolle, Seiler und Co. sind immer da mit ihren Weisheiten und Angeboten. Einen Klick entfernt. Aber leider haben sie keine Ahnung, wer Du bist und was dein Problem ist. "Der Therapieplatzmangel ist ein großes Problem. Ich stehe seit einem Jahr auf der Warteliste für die Traumatherapie." - Anonym --- Als Folgelektüre empfehle ich die Seiler-Kritik von Bianca Jankovska: "Destination Namasté: Über die Faszination Laura Malina Himbeere Seiler".

Ideologie auf Instagram: Gute Mutter, rechte Heldin

Wie sich neurechte Ideologien, Konservativismus und Verschwörungstheorien in die bedürfnisorientierte Mütter-Community auf Instagram einschleichen Wenn Jana Schröders (Name von der Redaktion geändert) Kinder abends im Bett liegen und schlafen, taucht sie selbst gern ab – in ihre Mütter-Community auf Instagram. Das ist eine Art digitaler Spielplatz, ein Treffpunkt, um sich auszutauschen. Vieles dreht sich um die „bedürfnisorientierte Elternschaft“. Das ist ein Erziehungskonzept, das die sichere Eltern-Kind-Bindung als wichtigste Grundlage für die gesunde Entwicklung des Kindes definiert. Jana mag das Konzept: „Es unterstützt Diversität, weil es anregt, individuelle Lösungen zu finden, statt starre Erziehungsregeln zu befolgt. Das bestärkt meine Familie in unserer speziellen Situation.“ Jana und ihr Sohn sind neurodivers – darunter fallen beispielsweise Autismus und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) als natürliche, angeborene Formen der neurologischen Vielfalt von Menschen. Das bedeutet: Sie funktionieren anders als „neurotypische“ Menschen – also jene, die von der Mehrheitsgesellschaft als „normal“ bezeichnet werden. Daher holt sich Jana Inspiration zum Thema Erziehung seit Jahren aus ihrer alternativen Quelle, nämlich von anderen bedürfnisorientierten Müttern aus der Community. Aber seit Beginn des Jahres stolpert sie immer öfter über Beiträge, die ihre Familie ausschließen. „Da werden vermutlich unbewusst Texte geteilt, die Vorurteile schüren – gegenüber Familien, die nicht der Norm entsprechen“, sagt Jana. Sie will wissen, woher diese Ansichten kommen, recherchiert – und stößt auf Verschwörungstheorien, Konservativismus und neurechte Ideologien. Impfgegner und Verschwörungstheorien bei Instagram Wo und wie sie genau Einfluss nehmen, beobachtet die Kleinkindpädagogin Susanne Mierau seit Jahren. „Es zeigt sich immer wieder deutlich, dass es eine Überschneidung gibt zwischen bedürfnisorientierten Eltern und den verschiedenen Ideologien von Impfgegnern und Impfgegnerinnen, Verschwörungstheorieanhängern und -anhängerinnen und rechten Inhalten“, sagt Mierau. Über diese Schnittmenge versuchen die genannten problematischen Strömungen Einfluss zu nehmen – seit diesem Jahr immer deutlicher auf Instagram. Janas Recherchen dazu begannen im Januar. „Beziehung ist der beste Schutz gegen Sucht“, stand damals in großen Buchstaben auf ihrem Handy-Display. Sie war auf dem Account einer der größeren bedürfnisorientierten Mütter-Influencerinnen unterwegs: Die Userin (37.000 Follower und Followerinnen) hatte den Beitrag von einem anderen Profil geteilt, als Leseempfehlung für ihre Follower und Followerinnen. Jana klickt und liest den Text darunter, der warnt: Wenn Eltern Süßigkeiten und Fernsehen für ihre Kinder begrenzen, sei das Machtmissbrauch – eine Form von Gewalt. Die wiederum belaste die Eltern-Kind-Beziehung und könne somit Kinder erst recht in die Sucht führen. „Der Beitrag war für mich sehr irritierend“, sagt Jana. Bei ihrem neurodiversen Sohn sei es dringend notwendig, die Fernsehzeit zu regulieren, um zu verhindern, dass er durch die Reizüberflutung in einen „Meltdown“ gerate – ein Affekt, der für Außenstehende wie ein unkontrollierter Wutausbruch aussehen, aber zu Selbst- und Fremdverletzungen führen kann. Auch neurotypische Kinder können durch die Reizüberflutung überfordert werden, in Folge aggressiv reagieren. Jana sagt: „Ich muss den Fernsehkonsum meines Kindes regulieren, gleichzeitig werde ich dafür durch solche Texte als schlechte Mutter stigmatisiert.“ Untermauert werde dieser Eindruck, weil der Beitrag wirke, als sei er von einer Person geschrieben, die über pädagogische Kompetenz verfüge. Wie kompetent sind die Instagram-Eltern in Erziehungsfragen? Dieser Effekt ist bei größeren Instagram-Elternprofilen nicht ungewöhnlich. Wer in den vergangenen Jahren die Entwicklung von Influencerinnen und Influencern beobachtet hat, konnte sehen, wie Mütter mit großen Accounts als Privatprofile anfingen und mit steigender Fanzahl an professioneller Wirkung gewannen. Sie wirken heute kompetent und attraktiv: Für junge Eltern, die Erziehungsrat suchen, für Kooperationspartner und -partnerinnen, die für Geld Werbung platzieren wollen und manchmal auch für Verlage, die einen Buchvertrag anbieten – all das kurbelt das Wachstum weiter an. Aber wie viel Fachkompetenz steckt wirklich hinter dem Beitrag, auf den Jana gestoßen ist? Jana klickte im Januar auf das Profil der Verfasserin, Aida S. de Rodriguez (@aidasderodriguez, 4.300 Follower und Followerinnen). Auch er erscheint wie ein Ratgeber-Account, auf dem Inhalte aus einer fachlichen Perspektive geteilt werden. Dabei verrät die verlinkte Homepage, dass de Rodriguez Regionalwissenschaften für Lateinamerika studiert hat. Eine pädagogische, medizinische oder psychologische Ausbildung ist nicht zu finden. Woher nimmt de Rodriguez also ihre Expertise? Das fragte auch eine Userin in der Kommentarfunktion, de Rodriguez nannte als Antwort Franz Ruppert. Ruppert ist Psychologie-Professor an der Katholischen Stiftungshochschule München und verbreitet seine Thesen auf Seiten wie KenFM und Rubikon – verschwörungstheoretische Plattformen der Journalisten Ken Jebsen und Jens Wernicke. Die alternative Erklärung von Franz Ruppert zu allerlei Themen lautet: Trauma. Sein Spezialgebiet. Er glaubt, dass alle körperlichen und psychischen Krankheiten durch „emotionale Verletzungen“ entstünden. Als Beispiel nennt er immer wieder die Diagnose ADHS. Dabei ist die Funktionsweise des Gehirns von ADHSlern und ADHSlerinnen wissenschaftlich längst geklärt. Trotzdem sagt Ruppert in einem von mehreren Video-Interviews mit der bedürfnisorientierten Instagram-Mutter Katharina Popper (@sags_mit_liebe, 22.600 Follower und Followerinnen), dass ADHS von der Pharmaindustrie erfunden worden sei, um mehr Medikamente verkaufen zu können. Dass ADHS mit Genen zu tun haben soll, findet Ruppert „verrückt“. Laut Ruppert sei es „viel klarer, wenn man anerkennt: Das Kind wurde emotional verletzt.“ Popper lässt die Aussagen unkritisch stehen, baut im weiteren Interview argumentativ auf ihnen auf. Auch auf ihrem eigenen Instagram-Account vertritt sie Rupperts Thesen. Warum? Dazu äußert sie sich auf Anfrage per E-Mail nicht. Stigmatisierung statt Unterstützung Für Jana sind Aussagen wie Rupperts ein Schlag ins Gesicht. „Wenn ein Psychologe öffentlich die Existenz von ADHS leugnet, macht das mein und das Leben meines Sohnes schwerer“, sagt sie. Das bedeutet nämlich in der Konsequenz, dass etwas als therapierbar dargestellt wird, das eigentlich angeboren ist. Und dass Janas Familie nicht mehr wertgeschätzt und unterstützt wird – sondern stigmatisiert. Ruppert verzichtet in seinen Thesen weitestgehend auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Auffällig ist, dass er immer wieder das Verhalten der Mutter und ihre Beziehung zum Kind in Zusammenhang mit Trauma, Krankheit, Tod bringt. In einem Youtube-Video mit dem Titel „Frühes Trauma“ zum Beispiel warnt er Schwangere davor, über Abtreibung nachzudenken, denn das spätere Baby könne davon schon ab der Zeugung traumatisiert werden. Ungewollt Schwangere gibt es für Ruppert nicht. Sogar bei Vergewaltigungen müsse es vonseiten der Frau „eine gewisse Akzeptanz für die Befruchtung“ gegeben haben. Zu Geburtskomplikationen sagt er: Die um den Hals gewickelte Nabelschnur eines Babys sei „vielleicht schon ein ganz früher Suizidversuch“, aufgrund von Traumatisierungen im Mutterleib. Auch auf „frühe Fremdbetreuung“ kommt er zu sprechen – in seinen Augen eine große Gefahr. Dabei werde das Kind traumatisiert, es könne eine Bindungsstörung zur Mutter entwickeln und in Folge eine „lebenslange innere Not“ erleiden. Mit seinen eigenen Thesen konfrontiert, schreibt Ruppert per E-Mail, dass es „eine innere Offenheit“ braucht, um die von ihm beschriebenen „Phänomene“ zu verstehen. Sollten wissenschaftliche Fakten nicht mit jeglicher inneren Haltung verständlich sein? „Die Aussagen von Ruppert sind teilweise misogyn“, sagt die Berliner Kleinkindpädagogin Susanne Mierau. „Sie entsprechen nicht dem modernen Forschungsstand.“ Auch Mierau ist Teil der bedürfnisorientierten Mütter-Community. Dort ist sie bereits mehrfach über Video-Interviews gestolpert, in denen Ruppert sich äußert. „Zuletzt wurde ich blockiert, nachdem ich einen kritischen Kommentar unter eines der Videos geschrieben habe.“ „Sie wollen, dass Frauen zu Hause bleiben“ Was wollen diese Strömungen von Müttern? Die Gender- und Extremismus-Beauftragte Judith Rahner von der Amadeu-Antonio-Stiftung sagt: „Sie wehren sich gegen Diversität, Emanzipation und gegen die staatliche Erziehung, die beides deutlich fördert. Sie wollen, dass Frauen zu Hause bleiben und Kinder in ihren biologisch vorgegebenen Rollen erziehen.“ Ein weiteres Beispiel: die Initiative „Demo für alle“, ein Netzwerk aus christlich-konservativen Vereinen, die über Beatrix von Storch mit der AfD vernetzt sind. Im März dieses Jahres startete sie eine Online-Petition gegen die geplante Verankerung von besonderen Kinderrechten im Grundgesetz. Stärkere Kinderrechte werden von Kinderrechtsvereinen seit Jahrzehnten gefordert. Sie könnten beispielsweise den Staat verpflichten, für alle Kinder die gleichen Bildungschancen zu ermöglichen – unabhängig von der finanziellen Situation der Eltern. Diese Teilhabe bedeutet auch: Kita-Ausbau, Pädagogik der Vielfalt, inklusive zu Themen um Identität und Sexualität. Das wollen christlich-konservative bis rechte Strömungen nicht. In ihrer Petition arbeiten sie mit den typischen Ängsten von Eltern: Beispielsweise wurde Norwegen als abschreckendes Land genannt, in dem Kinderrechte im Grundgesetz verankert sind und – so wurde behauptet – dort massenweise Kinder aus Familien genommen würden. Mitwirkende der Initiative verbreiteten die Petition mit gezielten Nachrichten an größere Mütter-Accounts der bedürfnisorientierten Community. Mit Erfolg: Innerhalb von vier Wochen kamen über 60.000 Unterschriften für die Petition zusammen. Dadurch darf die Initiative zusätzlich zur eingereichten Petition vor dem Petitionsausschuss sprechen und ihre Forderung mündlich verteidigen. Derzeit befindet sich die Petition laut Bundestag noch in der Prüfung. Fakten, die keine sind Was zu den wenigsten durchdringt: „Die genannten ‚Fakten’ stellten sich nach einer Prüfung als falsch heraus“, sagt Kleinkindpädagogin Susanne Mierau. „Aber die falsch informierten Familien überprüfen sie nicht, weil sie sich ja gut informiert fühlen. Sie teilen die Informationen weiter, um andere Familien ebenfalls zu, schützen“. Das gelte generell für die Mütter-Community auf Instagram, sagt Jana. „Viele glauben, dass große Mütter-Accounts kompetent sind, zusätzlich vertrauen sie auf die Empfehlungen ihrer Freunde und Freundinnen. So werden Inhalte ungeprüft immer weiter geteilt.“ Seit März dokumentiert Jana in einer digitalen Mütter-Gruppe problematische Beiträge. Darunter ein weiteres Profil, das Rupperts Trauma-Theorie verbreitet: Elena Pfarr (4.000 Follower und Followerinnen), Mutter und Impfgegnerin. In einem Beitrag bezeichnet sie Krippen als „staatlich geförderte Traumatisierung“ und stützt sich in den Kommentaren auf „wissenschaftliche Belege“ – der Link führt Jana zu „Focus Online“. Dort landet sie seit Beginn ihrer Recherchen im Januar nicht zum ersten Mal. Das Nachrichtenportal lässt beim Thema „Fremdbetreuung“ immer wieder die gleichen warnenden Akteure und Akteurinnen wie beispielsweise Michael Hüter zu Wort kommen. „Focus Online“ gibt ihm den Titel „Kindheitsforscher“. Dabei forscht Hüter nicht in einer offiziellen Position. Er ist ehemaliger Musiker, der nun zur Geschichte der Kindheit ein Buch im Selbstverlag veröffentlicht hat. In den letzten zwölf Monaten wurden vier Artikel mit seinen Warnungen veröffentlicht: Kitas traumatisierten Kinder – sie sollten darum von ihren Müttern zu Hause erzogen werden. Zu diesem und den weiter unten erwähnten Artikeln hat sich die „Focus Online“-Redaktion auf Anfrage bisher nicht geäußert. Auch in dem von Pfarr verlinkten Artikel stehen solche Aussagen. Der Titel: „Fremdbetreuung: Wie kleine Kinder unter der Trennung von den Eltern leiden“. Es handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch „Die Sehnsucht kleiner Kinder“ von Hanne K. Götze. Die Autorin ist Diplombibliothekarin – mit Kindererziehung oder Psychologie hatte sie beruflich bisher nichts zu tun. Trotzdem schrieb sie 2011 ihr erstes Buch: „Kinder brauchen Mütter – Die Risiken der Krippenbetreuung“. Unseriöse Quellen entlarven Die Kleinkindpädagogin Susanne Mierau sagt, Artikel wie die von Hüter oder Götze hätten alle ähnliche Vorgehensweisen: „Die Bedeutung der Mutter für die kindliche Entwicklung wird besonders hervorgehoben, die Erwerbstätigkeit von Frauen als schlecht für die kindliche Entwicklung dargestellt und einseitig auf Studien verwiesen, die Kinderbetreuung mit erhöhtem Stress oder schlechterer Entwicklung in Verbindung bringen.“ Darum räumt Mierau mit veraltetem Denken in ihrem Mütter-Ratgeber „Mutter. Sein.“ auf, stellt unter anderem klar: Eine gute Krippenbetreuung hat keine Auswirkungen auf die Bindung zwischen einer feinfühligen Mutter und ihrem Kind. Und: Väter und Mütter sind ab der Geburt gleichermaßen dafür geeignet, eine sichere Bindung zum Kind aufzubauen. Wie entlarvt man unseriöse Quellen? Mierau sagt: „Wenn man neben diesen Inhalten weiter geht, lässt sich oft erkennen, dass die Onlinemagazine, denen diese Texte zugeordnet werden können, einen politischen Hintergrund haben oder auch andere fragwürdige politische Inhalte verbreiten.“ Auch könne nach dem Autor oder der Autorin recherchiert werden und diese können dann Verlagen, Parteien und Gruppen zugeordnet werden, die der politisch Rechten angehören. Genau das hat Jana gemacht, als sie auf den „Focus Online“-Artikel von Hanne K. Götze gestoßen ist. Die Erkenntnis: Beide ihrer Bücher werden vom rechten Ares-Verlag aus Österreich verlegt und auch über den deutschen Kooperationsverlag Antaios von Götz Kubitschek. Kubitschek ist Aktivist der Neuen Rechten. Er pflegt ein langjähriges Verhältnis zum AfD-Politiker und Rechtsextremisten Björn Höcke, der offen zugibt, sich von den Büchern aus dem Antaios-Verlag politisch inspirieren zu lassen. „Der innere Feind der Rechten ist der Feminismus“ Die Agenda der Neuen Rechten geht noch weiter als die der Konservativen. Judith Rahner von der Amadeu-Antonio-Stiftung sagt: „In der rechten Logik muss der Mann ‚wehrhaft’ sein, um das Land vor dem äußeren Feind zu schützen: den migrantischen Männern. Der innere Feind der Rechten ist der Feminismus, weil er Männer verweichliche.“ Diese Ideen scheinen bei der AfD zu fruchten. In seinem Konzeptvorschlag zur Rente schlägt Höcke zuletzt finanzielle Extraleistungen für Kinder mit deutscher Staatsbürgerschaft vor. Im offiziellen Leitantrag zur Sozialpolitik der AfD klingt es ähnlich völkisch: Betreuungsgeld für die ersten drei Jahre der Kindererziehung und eine „Aufklärung“ über die „Risiken der Fremdbetreuung“. Das Ziel: „eine demografische Wende“ durch eine „aktivierende Familienpolitik“ – jede deutsche Frau müsse mindestens 2,1 Kinder gebären. Die Logik des AfD-Konzepts folgt vor allem rassistischen Motiven. Haben Mütter auf Instagram diese politischen Zusammenhänge im Blick?

Elena Pfarr sagt auf unsere Anfrage, sie habe den „Focus Online“-Artikel nicht aufgrund einer politischen Agenda auf Instagram geteilt: „Ich bin politisch nicht interessiert.“ Welche Partei sie als familienfreundlich empfinde? „Ich muss sagen, das ist die AfD. Was das Thema Kinderbetreuung angeht, bin ich konservativ.“ Solche Aussagen machen Jana wütend. „Die AfD hat eine beschränkte Vorstellung davon, was und wie Familie ist: die traditionelle Familie aus Mutter, Vater, Kind. Verheiratet, deutsch und nicht behindert.“ Was nicht nur Mütter tun können Auf Instagram werden offen anti-feministische, behindertenfeindliche oder rassistische Aussagen vermieden. Stattdessen bearbeiten konservative bis rechte Strömungen Mütter an ihren wunden Punkten, argumentieren mit der Gesundheit des Kindes und pseudowissenschaftlichen oder veralteten Informationen. Eine perfide Manipulation. „Gegenhalten“, sagt Judith Rahner. Das sollten nicht nur Mütter, sondern alle Menschen tun. Sie fordert außerdem, dass die Demokratisierung in Schulen mehr gefördert wird, Kinder müssten politische Teilhabe erfahren, „sodass Kinder aus rechten Familien in der Schule sehen, dass es noch etwas anderes gibt als die Ideologie zu Hause.“ Rahner wünscht sich, dass mehr über die Strategien neuer Rechter aufgeklärt wird. Das versucht Jana auf Instagram. Mit ihrer digitalen Mutter-Gruppe setzt sie mittlerweile organisiert informative Kommentare unter Beiträge aus ihrer bedürfnisorientierten Community, die Stigmatisierung und Diskriminierung fördern. Außerdem positioniert Jana sich auf ihrem eigenen Profil immer wieder gegen rechts. Sie sagt: „Dann entfolgen mir plötzlich Leute, die mich vorher abonniert haben, als ich über Fürsorge geschrieben habe.“

Warum kein Mensch Lean Care braucht

Mein erster Anruf bei einem Pflegedienst begann mit einer Frage: „Helfen Sie auch, wenn es um Kinder geht?“. Ich hatte den ganzen Vormittag damit verbracht, im Internet nach Pflegediensten zu suchen. Und ich hatte keinen einzigen gefunden, auf dessen Homepage ein Kind abgebildet war. In der Vorstellung der meisten, die damit wenig zu tun haben, ist Pflege etwas, das nur alte Menschen betrifft. Es stimmt zwar, dass der Großteil der pflegebedürftigen Menschen älter sind, aber eben nicht alle. Damals dachte ich, das wäre zumindest denjenigen, die mit Pflege zu tun haben, bewusst. Das, was in der Pflege passiert, kennt man aus der Industrie: Lean production (englisch für: schlanke Produktion) bezeichnet ein Produktionskonzept in der Industrie, mit dem Ziel, besonders effizient zu arbeiten, indem man Arbeitskräfte, Kosten und Material so weit wie möglich einspart. Durch Standardisierung (Vereinheitlichung von Bauteilen, Verwaltung etc.) sollen Arbeitsabläufe gestrafft und Produktionswege optimiert werden. Vor allem aber soll Verschwendung jeglicher Art vermieden werden. Sie steht im Gegensatz zur gepufferten Produktion, bei der auf Vorrat produziert wird. Als ich aufgrund der Pandemie eine Einkaufshilfe suchte, war der erste Satz, den ich zuhören bekam: „Wir machen kein begleitetes Einkaufen.“ Darauf erwidere ich mittlerweile gelassen, dass mein 5-jähriges Kind gar nicht mit zum Einkaufen gehen wolle. Denn heute weiß ich, dass selbst denjenigen, die mit Pflege zu tun haben, nicht immer bewusst ist, dass auch Kinder gepflegt werden. Heute weiß ich, dass es gar nicht um das Alter geht, sondern darum, dass die vielfältigen Bedürfnisse und Barrieren von gepflegten und pflegenden Menschen nicht gesehen werden. Egal, wie alt sie sind. Ich merke es daran, dass ich immer wieder erklären muss, dass die Einkaufshilfe nicht ständig an einem anderen Tag kommen kann, dass es nicht ständig jemand neues sein kann, dass ich bestimmte Lebensmittel und Produkte brauche. Unsere Barriere sind keine Treppen und eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Wir brauchen feste Routinen, ein ruhiges Umfeld und die gewohnten Lebensmittel und Produkte. Denn bei Abweichungen oder Stress überreizt mein Kind und ich bin am Ende stundenlang damit beschäftigt seinen Meltdown zu begleiten. Neue Lebensmittel verweigert mein Kind. Da reicht es schon, wenn die Verpackung anders aussieht, oder das eine Lebensmittel das andere berührt hat. In schlechten Phasen wird Nahrung schon verweigert, weil das Kauen und das Gefühl im Mund überreizt. Zuletzt hat mein Kind 3kg deswegen abgenommen. Es ist also nicht bloß bequemer für mich, wenn eine gewohnte Person, regelmäßig und verlässlich kommt. Es ist elementar. Der Nachteil bei Lean Production ist, dass kleinste Abweichungen oder Störungen ausreichen können, um alles ins Wanken zu bringen. Nur ein Bauteil muss ausfallen, und die Produktion kann zusammenbrechen. Durch den Druck, Ausfälle und Störungen zu vermeiden, können Mitarbeiter*innen eines Betriebs zusätzlich belastet werden. Lean production kann durch seine Fokussierung auf das Jetzt den Blick in die Zukunft und das große Ganze verlieren. Immer wieder habe ich das Gefühl, es scheint nicht allen klar zu sein, wie elementar das ist. Die Frau vom Pflegedienst, die den Vertrag brachte, wollte unbedingt an einem Dienstag kommen. Offensichtlich war da grade ein Termin frei geworden. Dienstag ist aber Therapie-Tag. Das heißt, mein Kind ist eh schon am Limit, was Reize angeht. Fremde Personen, Abweichungen in der Routine, das sind Dinge, die da nicht zuträglich sind. Aber selbst nachdem ich ihr das wiederholt erklärt hatte, bot sie mir stur weitere Uhrzeiten am gleichen Tag an, als würde es eine Rolle spielen, ob mein Kind um 12 Uhr oder erst um 14 Uhr kurz vor dem Meltdown steht und die Therapie am Nachmittag damit ins Wasser fällt. Es fängt an bei der Privatisierung von Krankenhäusern, die zunehmend dazu führt, dass Kosten und Gewinne mehr zählen als Patienten. Über die Frage, an welchen Medikamenten und Krankheiten geforscht wird und an welchen nicht. Bis zu dem Kampf um Hilfsmittel und Leistungen mit Krankenkassen und Trägern. Pflege wird ökonomisiert. Das heißt, sie wird den Regeln und Prinzipien der Marktwirtschaft unterworfen. In Anlehnung an lean production wird Pflege für mich zu Lean Care (englisch für: schlanke Pflege). Lean Care muss möglichst effizient sein. Termine und Zeit von Therapeut*innen, Pfleger*inne, Ärzt*innen sind streng getaktet. Hilfsmittel und Leistungen werden nur wenn absolut notwenig bewilligt. Man produziert so zu sagen nur das, was grade so notwendig ist und nicht auf Vorrat. Bei Abweichungen bricht das System zusammen. Das übt massiven Druck auf alle Beteiligten aus und führt zu Überlastung bei allen im öffentlichen und in der privaten Pflege. Lean care ist nicht nur wenig zukunftsorientiert, es scheitert auch kurzfristig. Damit Pflege effizient sein kann, werden die Bedürfnisse, Barrieren und die Pflege selbst standardisiert. Lean care soll möglichst allen passen. Am Ende passt sie niemandem. Vor einigen Wochen erkundigte ich mich bei unserem Leistungsträger über die Erhöhung der Stunden unserer Integrationskraft. Wir wollen, dass unser Kind ab Sommer 7 Stunden täglich in die Kita gehen kann. Aktuell sind es 5, wenn nicht grade eine Pandemie herrscht. Das ist aber nur möglich, wenn auch die Integrationskraft so lange da ist. Die Antwort lautete: „Sie können das gerne beantragen. Aber wir lehnen das eh ab.“. Das würde man standartmäßig nicht machen. Nach mehreren langen Telefonaten, eines über einstündigen Gutachtens und mit Hilfe einer freundlichen Sachbearbeiterin und unserer großartigen Kita, haben wir die Stunden am Ende bewilligt bekommen. Standard ist das nicht. Es ist ein Zusammenspiel aus Glück und Mehraufwand für mich. Und jede*r, der*die nach uns kommt, wird den selben Kampf nochmal kämpfen müssen. Wenn sie noch Kraft haben. Ein Mehr an Leistungen ist nicht vorgesehen. Lean Care produziert nicht auf Vorrat. Abweichungen wie kindliches Wachstum, Hilfsmittel, die plötzlich zu klein sind, obwohl das Quartal noch nicht zu Ende ist, sind nicht vorgesehen. Hilfsmittel in speziellen Größen, z.B. für Kleinkinder und Kinder haben oft nicht mal eine Hilfsmittelnummer, mit der sie beantragt und bewilligt werden könnten. Das kann mit unter drastisch deutlich werden. Vor einiger Zeit schrieb @triplepower_lion auf Instagram über die Herz-OP ihres Sohnes und machte darauf aufmerksam, dass keine Herzschrittmacher mehr für Babys produziert werden, denn das sei nicht lukrativ genug. Es gibt zu wenig Babys, die schon so früh einen Schrittmacher brauchen. Aber diejenigen, die ihn brauchen, werden der grausamen Konsequenz der Marktwirtschaft ausgesetzt. Eigentlich sollte in der sozialen Marktwirtschaft der Markt von der Politik reguliert werden. Der Ökonomisierung der Pflege sollte also von politischer Seite entgegen gewirkt werden. Es wäre die Aufgabe der Politik, die vielfältigen Bedürfnisse und Barrieren der Menschen zu sehen. Es wäre ihre Aufgabe, Gesetze und Reformen zu beschließen, um die Situation aller zu verbessern. Die Pflegereform 2021 sollte das Pflegen Zuhause vereinfachen und verbessern. Aber auch hier scheinen Abweichungen nicht vorgesehen zu sein. Mit der Verhinderungspflege konnten pflegende Angehörige im Falle einer Verhinderung bis jetzt eine bestimmte Summe im Jahr für die Versorgung ihrer pflegebedürftigen Familienmitglieder verwenden. Diese konnte flexibel stundenweise oder über einen längeren Zeitraum (über 8 Stunden) eingesetzt werden. Mit der Pflegereform 2021 soll diese Flexibilität nun abgeschafft werden. Im Eckpunktepapier des Bundesgesundheitsministeriums zur Reform heißt es, dass 60% des jährlichen Budgets für längere Verhinderung reserviert werden sollen. Das würde bedeuten, dass nur noch 40% des Geldes zur kurzzeitigen Pflege verwendet werden könnte. Auch hier muss Individualität und Flexibilität zu Gunsten von Standardisierung weichen. Auch hier werden die unterschiedlichen Umstände von Menschen ignoriert. Es wird ignoriert, dass grade pflegende Eltern die Verhinderungspflege meistens stundenweise in Anspruch nehmen. Oft nicht mal die Möglichkeit haben sie über einen längeren Zeitraum in Anspruch zu nehmen, weil es an Einrichtungen und Pflegeangeboten mangelt. Auch hier versagt Lean Care und die Politik schafft es nicht die Bedürfnisse aller gepflegten und pflegenden Menschen mitzudenken und umzusetzen. Lean Production soll Verschwendung vermeiden. In einer Zeit, in der unsere größten Probleme häufig mit Ressourcenverteilung und Umweltverschmutzung zu tun haben, scheint das, bei bewusster und nachhaltiger Umsetzung, ein attraktives Konzept zu sein. In der Industrie geht es aber um Rohstoffe, Energie und Abfall, mit denen man effizient umgehen will. In der Pflege reden wir über das Zwischenmenschliche, über den Wert und die Würde des Menschen. Pflege und Fürsorge sind elementare Bestandteile menschlichen Zusammenlebens und ein Grundbaustein der Gesellschaft. Menschlichkeit sollten wir ruhig verschwenderisch einsetzen.

Mütter, entspannt euch!

Bindungsorientiert zu leben heißt für viele, dass die mütterliche Bindung am wichtigsten ist, "Fremdbetreuung" wäre schädlich. Aber das ist falsch. Ich war noch nicht mal schwanger als L's Papa und ich auf einer Party die Betreuung unseres noch ungezeugten Kindes verhandelten. Für mich war klar, dass ich kein volles Jahr Elternzeit nehmen wollte. Sechs Monate er, sechs Monate ich – so lautete das Angebot. Wir besiegelten den Deal mit einem Handschlag. Und tatsächlich lief es so ähnlich dann auch ab: L war gerade fünf Monate alt als ich die Möglichkeit bekam, zwei bis drei Tage pro Woche als Online-Redakteurin einer Tageszeitung zu arbeiten. Seitdem wechselten sein Papa und ich uns mit der Betreuung ab, bis L mit einem Jahr und vier Monaten in die Kita eingewöhnt wurde. Wenn ich jetzt behaupten würde, dass ich niemals ein schlechtes Gewissen gehabt hätte, weil ich mein Kind in die Kita gebe, wäre das eine knallharte Lüge. Die Idee, dass es meinem Kind in der Kita nicht so gut gehen könnte wie mit mir zuhause und dadurch seine mentale Gesundheit leiden könnte, fraß sich ausgiebig durch meinen Kopf. Auch wenn ich meine Zeit auf Arbeit – auch wegen des ungestörten Kaffeekonsums – genoss, ich wollte nicht, dass die Freiheiten, die ich mir zugestand, auf Kosten meines Kindes gehen. Ich wollte keine egoistische, keine schlechte Mutter sein. Aber meine Informationen damals um Attachment Parenting ließen keinen anderen Schluss zu als: Fremdbetreuung ist niemals so gut wie die Betreuung zuhause. Und unter drei Jahren kann sie Kinder verstören. Really?! Ja, es ist ein Thema, das viele Eltern umtreibt. Meine Mütter-Community auf Instagram hat letztens die Frage aufgeworfen: Warum ist die Fremdbetreuung unter bedürfnisorientierten Eltern so schlecht angesehen? Dafür gibt es sicher mehrere Gründe. Und einer davon könnte in der Geschichte der „guten Mutter“ zu finden sein – die andere in einer missverstandenen Bindungstheorie. Geschichtsstunde: Warum wir glauben, dass Mütter die wichtigsten Bezugspersonen für Kinder sind Zur Geschichte der Mutterschaft finde ich das Buch „Wie viel Mutter braucht der Mensch?“ von der Sozialpsychologin und Feministin Herrad Schenk sehr aufschlussreich. Obwohl ihre darin beschriebenen Analysen bereits 1996 veröffentlicht wurden, ist das romantisierte Konzept der deutschen Mutter im Jahr 2020 mindestens ebenso aktuell wie vor 24 Jahren: Aufopfernd, liebevoll, geduldig, zufrieden und die ganze Zeit an der Seite des Kindes – so hat eine gute Mutter zu sein. Vor dreißig Jahren genauso wie heute. Schenk zeigt, dass das Mutterideal unserer Gesellschaft überraschend jung ist und Frauen bis vor ein paar Jahrhunderten ihren Kindern keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt haben. Kinder liefen nebenbei und die Sterblichkeitsrate war hoch. Erst im 18. Jahrhundert begannen bürgerliche Frauen mit der Mutterrolle ihren gesellschaftlichen Status aufzuwerten und ein Stück familiäre Macht zu erlangen. Sie schickten ihre Kinder nicht mehr für Jahre zu Ammen aufs Land, sondern profilierten sich mit ihrer eigenen qualitativen Erziehungsleistung. Pädagogische Ratgeber kamen auf und in Gedichten wurde die Mutterliebe romantisiert. Wenig später im Nationalsozialismus hieß es, Frauen seien einzig dazu bestimmt, Mutter zu werden. Für ihren reproduktiven Fleiß erhielten sie offizielle Ehrungen. Später setzte auch die Psychoanalyse den Glauben durch, dass ein Kind vor allem seine Mutter bräuchte – denn von der ständigen Fürsorge und der Aufopferungsbereitschaft der Mutter hinge das Seelenheil des Kindes ab. Ganz davon abgesehen, dass sich die Kindererziehung und Frühförderung mit dem Kapitalismus zum Großprojekt entwickelt hat. Dabei wollten nicht alle Mütter immer auch Vollzeitmütter sein. „Wozu bekommt man dann ein Kind?“, wird dann vorwurfsvoll gefragt – denn mit der Pille kam die Wahl und bewusste Entscheidung für oder gegen Nachwuchs. Und mit dieser Wahl kamen laut Schenk die Schuldgefühle, von denen jede Mutter ein Lied singen kann. Ursprünglich same same: väterliches und mütterliches Verhalten Wie schwer unsere Sozialisierung in Bezug auf elterliche Rollen wiegt, wird deutlich, wenn man sich die zahlreichen Studien von Entwicklungspsychologen zu väterlichem Verhalten bei Neugeborenen anschaut: Es unterscheidet sich nämlich nicht von mütterlichem Verhalten. Männer und Frauen greifen bei der Kontaktaufnahme mit Babies gleichermaßen auf angeborene Reaktionsmuster zurück – egal, ob sie die leiblichen Eltern sind oder nicht. „Tatsächlich ist es so, dass Erwachsene ihre Fähigkeit zu „mütterlichem“ Verhalten nur genau in dem Maße entfalten, wie es erforderlich ist." - Herrad Schenk in "Wie viel Mutter braucht der Mensch?" Auch interessant: Bei gleicher Zuwendung können Babies zu einer nicht-verwandten Person eine genauso gute Beziehung aufbauen wie zur eigenen Mutter. Bleibt die Frage: Warum übernehmen Väter im Alltag so selten die Care-Arbeit und wenn doch, warum erledigen sie diese in den Augen vieler Mütter nicht zufriedenstellend? Schenk schreibt hierzu: „Tatsächlich ist es so, dass Erwachsene ihre Fähigkeit zu „mütterlichem“ Verhalten nur genau in dem Maße entfalten, wie es erforderlich ist. Wird dieses Verhalten nicht abgerufen, weil immer andere Personen anwesend sind, die sich zuständig fühlen, dann bildet sich bei ebendiesen Erwachsenen[...] keine große soziale Kompetenz heraus.“ #Gatekeeping Allerdings: Dies gilt für Männer und Frauen. Aber dadurch, dass unsere Gesellschaft bei Müttern von einer natürlichen Kompetenz ausgeht, übernehmen sie früher die Verantwortung und werden im Umgang mit ihren Kindern auch tatsächlich geübter. Vor allem: Umgang schafft nicht nur Kompetenz, sondern auch Beziehung. Väter landen häufig im Abseits und gerade bei frühen Trennungen erklärt der Umgang mit elterlichen Rollen die vielen zurückgezogenen Väter und alleinerziehenden Mütter. „Frauen können nicht nur Mutter und zugleich etwas anderes sein, sie müssen es sogar.“ - Herrad Schenk in "Wie viel Mutter braucht der Mensch?" Klar wird allerdings, dass ein Kind seine Mutter als einzige Bezugsperson weniger braucht als wir denken. Und auch die Depressions- und Burnout-Raten bei Müttern verraten, dass auch sie für ihre Kinder weitere Bezugspersonen bräuchten. „Vielleicht ist es vollkommen ausreichend“, schreibt Schenk, „ihnen ein Umfeld von mehreren, im Prinzip wohlmeinenden Personen, Kindern und Erwachsenen, zu verschaffen, ihnen ein bisschen Struktur zu geben und innerhalb dieser Struktur Freiräume zu lassen.“ Was bedeutet das für die Frau? Trotz Mutterschaft darf sie sich Freiheiten gönnen, die unnützen Schuldgefühle getrost in die Tonne treten (wenn es nur so einfach wäre) und sich in der Kunst üben, eine unperfekte Mutter zu sein. Und wenn wir die Gleichberechtigung auch in der Elternschaft voranbringen wollen, gilt laut Schenk: „Frauen können nicht nur Mutter und zugleich etwas anderes sein, sie müssen es sogar.“ Klingt gut oder? Wäre da nicht die Bindungstheorie, die bei jeglichen Diskussionen um "Fremdbetreuung" (teilweise wird dieser Begriff auf Instagram sogar verwendet, wenn der Vater betreut, lol) wie ein Pfeil jegliche feministische Gedanken zerschießt. Denn: Wer will schon, dass das eigene Kind aufgrund fehlender Bindung (oder Beziehung) psychisch krank wird? Richtig. Dabei lohnt es sich, die Bindungstheorie genauer zu betrachten und zu hinterfragen: Analyse der Bindungstheorie: Für die feministische Einordnung lohnt sich ein genauer Blick Der britische Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby war einer der Pioniere in der Bindungsforschung. Er hat die Bindungstheorie formuliert, in der es um ein angeborenes Bedürfnis aller Menschen nach intensiven Beziehungen zu ihren Mitmenschen geht. Auf ihr basiert auch das nicht-wissenschaftlich angelegte Konzept des Attachment Parentings (AP) – das ich hier nicht schlecht machen, aber auch nicht vollends absegnen möchte. AP macht sich klar zum Ziel, die Mutter-Kind-Beziehung zu stärken, indem Babys nach der Geburt direkt auf die Brust der Mutter gelegt werden (wissenschaftlich erwiesen ist, dass dies langfristig keine Bedeutung für die Mu-Ki-Beziehung hat), sie bei den Eltern im Bett schlafen, schreiend sofort hochgenommen und getröstet, nach Bedarf gestillt werden (und das bis ins Kindesalter, so lange sie wollen) und vieles mehr. Ich kenne by the way keine Mutter, die komplett ohne schlechtes Gewissen abgestillt hat. Und natürlich gibt es moderne AP-Väter, jedoch haben die nun mal noch keine Milchbrüste entwickelt. Viele Konzepte und Texte haben die Bindungstheorie von Bowlby als Ansprüche an das mütterliche (!!!) Engagement formuliert. Klartext: Viele Konzepte und Texte haben die Bindungstheorie von Bowlby als Ansprüche an das mütterliche (!!!) Engagement formuliert. UND: Bei nicht Erfüllung werden Ängste geschürt, welche die langfristige mentale (und damit auch körperliche) Gesundheit des Kindes betreffen. Eine nicht gerade feministische Entwicklung ... Kein Wunder, dass Mütter große Angst vor einer Fremdbetreuung bekommen, wenn sie somit ihren für die Kinder existenziell wichtigen Attachment-Parenting-Aufgaben nicht mehr nachkommen können. Zum Glück kommt hier die Aufklärungsarbeit, die man nicht oft genug wiederholen kann: John Bowlby hat in seinem ersten veröffentlichten Band zur Bindungstheorie klargestellt: „Es wurde mir [...] zugeschrieben, dass das Bemuttern von der natürlichen Mutter eines Kindes ausgehen müsse und auch, dass das Bemuttern ‚nicht ohne Gefahr ist, wenn es auf verschiedene Figuren aufgeteilt wird’. Ich habe nie derartige Ansichten ausgedrückt“. - John Bowlby Auch die „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte“ stellt fest: „Die Aussagen der Bindungstheorie und die Ergebnisse der Bindungsforschung haben noch nie ausgereicht, entweder pauschal für oder gegen Krippenerziehung Stellung zu beziehen.“ Kinder brauchen nicht unbedingt ihre leiblichen Mütter, sondern eine sichere, bemutternde Bezugsperson Der Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer hat im Interview mit dem österreichischen Nachrichtenmagazin Profil gesagt, dass es im Leben eines Kindes wenigstens eine zentrale Bezugsperson geben sollte, „die fürsorglich ist, der das Wohlsein des Kindes echtes Anliegen ist und die ihm das auch vermitteln kann. Das Geschlecht ist dabei nicht so wichtig.“ Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung nicht unbedingt ihre leiblichen Mütter, sondern mindestens eine sichere, bemutternde Bezugsperson. Diese Ansicht teilt auch Herrad Schenk („Wie viel Mutter braucht der Mensch“). Sie verweist auf Studien, die bestätigen, dass alle erwachsenen Menschen angeborene Reaktionsmuster im Kontakt mit Neugeborenen aufweisen (S.139). Bemuttern kann, wer sich verbindlich zuständig fühlt. Versteht mich nicht falsch: Natürlich leiden von Eltern vernachlässigte Kinder - auch wenn die Betreuung in der Kita hervorragend ist. Aber Kinder, die privat eine gute Beziehung zu einer bemutternden Person pflegen, werden laut zahlreicher Studien langfristig auch bei einer mittelmäßigen Betreuung keine Schäden davontragen. Umgekehrt können allerdings Erzieher*innen für positive und korrigierende Erfahrungen bei den Kindern sorgen, wenn sie in unsicheren Phasen als sichere Basis dienen. Die meisten Studien zur mentalen Entwicklung stellen keinen Unterschied durch Fremd- oder Heimbetreuung fest Tatsache ist, dass die meisten Studien bei der mentalen Entwicklung (persönlich, kognitiv etc.) von Kindern keine Unterschiede durch Fremdbetreuung oder Heimbetreuung feststellen können. Und wenn doch, dann gleichen sie sich schon nach den ersten Schuljahren wieder aus. Spannend ist übrigens der Ost-West-Vergleich der Eltern-Kind-Bindung vor der Wende. Denn man könnte fürchten, dass im Osten, wo eine lange Tagesbetreuung ab dem ersten Jahr normal war, die elterliche Bindung litt. Dazu schreibt Herrad Schenk: „Neuere Studien zeigen [...], dass die Familienbindungen in Ostdeutschland enger sind und von den Kindern positiver und herzlicher erlebt wurden als die in Westdeutschland.“ (Sie verweist auf Sylvia Meise, 1995, S. 32-37) Ob Fremdbetreuung oder nicht: Vor allem zählt, dass Kinder wenigstens eine sichere Bindung aufbauen können. Damit dies auch bei Erzieher*innen möglich ist, empfehlen Pädagog*innen, dass auszubildende Erzieher*innen ihre eigenen Bindungshintergründe und –modelle checken und gegebenenfalls aufarbeiten. Und für die elterliche Betreuungszeit gilt: Quantität ist wichtig, Qualität ist wichtiger. Wer Müttern einreden will, dass sie die einzigen wären, die sich um ihre Kinder kümmern könnten, will wohl auch, dass sie abends pünktlich warmes Essen auf dem Tisch bringen. --- Für weiteres Lesematerial empfehle ich unseren Buchtipp "Mutter.Sein." von Susanne Mierau.

"Mutter.Sein." - Ein feministisches Must-Read

Warum der Mythos von der Deutschen Mutter ausgedient hat und der eigene Weg doch der beste ist. „Mutter.Sein.“ von Kleinkindpädagogin Susanne Mierau sollte meiner Meinung nach ab sofort zur feministischen Standardliteratur für Mütter (und ihre Partner*innen) zählen. Es hilft Müttern dabei, Abstand zu nehmen von der Selbstaufgabe, der ständigen Überschreitung eigener Grenzen und vom Müssen. "Es gibt kein Grundbedürfnis nach mütterlichem Schutz, nach mütterlicher Nahrung, nach mütterlich unterstütztem Schlaf. Die Erfüllung der Grundbedürfnisse ist von großer Bedeutung, aber sie hängt nicht allein und per se am Geschlecht oder der Rolle der Bezugsperson." - Susanne Mierau in "Mutter.Sein" Mierau dekonstruiert damit nicht nur das traditionelle Familienbild von "Vater-Mutter-Kind", sondern auch die verstaubte Deutsche-Mutter-Schablone und zeigt, dass Elternschaft bzw. Mutterschaft vielfältig gelebt werden kann. "Wenn eine Mutter erkennt, dass sie die Bedürfnisse des Kindes nicht durchgängig befriedigen kann oder will und die Fürsorge für das Kind zweitweise an eine andere Person abgibt, die diese Bedürfnisse erfüllen kann: Ist sie dann nicht auch eine gute Mutter?" - Susanne Mierau in "Mutter.Sein." Insbesondere bespricht es die Wurzeln der Bindungstheorie und der Attachment-Parenting-Bewegung. Sie stammen nämlich vor allem aus einer Zeit, in der Frauen zuhause blieben und sind deswegen nur auf Mütter fokussiert. Zudem haben christliche-konservative Weltbilder prägend Einfluss genommen. Deswegen werden diese wichtigen Ansätze nicht verteufelt - aber für Eltern ist es wichtig, ihre teils antifeministischen Aussagen einordnen zu können. "Die Verbreitung des [...] Attachment Parenting hat einerseits zu einer Fokussierung auf die kindlichen Bedürfnisse geführt, andererseits aber auch die Mütter unter einen großen Druck gesetzt, der bis heute anhält und immer noch eine Basis für unseren tiefen Glauben daran schafft, dass mütterliche Erwerbstätigkeit für das Kind nicht gut sei." - Susanne Mierau in "Mutter.Sein." Mierau zeigt, dass es immer alternative Wege gibt, bei denen langfristig sowohl die Bedürfnisse des Kindes Beachtung finden, als auch die der Eltern. Die Wege sind für jede Familie und jede Zeit unterschiedlich - und vor allem folgen sie dem Motto: Alles kann, nichts muss. Die eine gute Mutter? Gibt es sowieso nicht.

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