Zwischen den Rollen: Ich bin Mutter und psychisch krank

Wie ist das, wenn man sich um andere kümmern muss, obwohl man selbst Hilfe braucht?


Eine Frau sitzt auf dem Boden vor einem Bett und weint.
Quelle: Claudia Wolff (unsplash.com)

Wer Mutter ist und krank wird, hat ein Problem. Und wer krank bleibt, behält dieses Problem. Weil Mütter in vielen Fällen einfach keine Zeit dafür haben, krank zu sein und wieder gesund zu werden. Weil am Ende des Tages, nach getaner Care-Arbeit in der Familie und Erwerbsarbeit, „nebenbei“ keine freie Minute bleibt. Doch das Problem der Vereinbarkeit der Mutterrolle mit der Rolle der Kranken liegt nicht nur in der innerfamiliären Arbeitsteilung und gesellschaftlichen Strukturen, die diese begünstigen – sondern auch in den unrealistischen Mutteridealen und der fehlenden Aufklärung über psychische Erkrankungen.

Ich bin Mutter von zwei kleinen Kindern und habe eine Posttraumatische Belastungsstörung

Ich bin Mutter und ich habe schon lange eine Posttraumatische Belastungsstörung, aber davon weiß ich erst seit Kurzem. Ich bin in einer Familie groß geworden, in der Gefühle wie die Vokabeln einer lästigen Fremdsprache behandelt wurden und psychische Gesundheit als Selbstverständlichkeit galt. Dementsprechend fiel es mir schwer, vor etwa einem Jahr diese Diagnose anzunehmen – und sie mit meiner Mutterrolle zu vereinbaren, erschien mir fast unmöglich.

Als ich ein Kind war, blendete ich einen Großteil der traumatischen Umstände aus – was blieb, war die feste Überzeugung, anders zu sein, irgendwie falsch, irgendwie schlecht. Ich dachte, dass deswegen meine Bedürfnisse, Gefühle und Grenzen nicht zählten und ich mich nach den Bedürfnissen und Erwartungen meiner Mitmenschen richten müsste. Mit diesem negativen Selbstbild bin ich auch Mutter geworden. Das passte theoretisch ganz gut: Ich stellte mich selbst weiter hinten an und richtete mich ganz nach den Bedürfnissen meiner Kinder. Aber die Belastung stieg und es gelang mir immer weniger, Kinder, Haushalt und Arbeit zu vereinbaren.

Überforderung zwischen Alltag und Krankheit

Aus dieser Zeit ist mir vor allem ein Bild im Kopf geblieben: Ich sitze irgendwo in der Wohnung auf dem Boden und starre, meine Kinder wuseln um mich herum. Ich bewege mich nicht, sehe und höre nicht viel - der Fachbegriff dafür ist "dissoziieren". Weil alles zu viel ist, mein Alltag, aber eigentlich das, was in mir festzustecken scheint: Ein Schmerz ohne Worte, aber wenn ich das Gefühl benennen müsste, würde ich Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit sagen. Und immer der Gedanke, schon als Kind und jetzt als Mutter, dass ich nicht mehr weitermachen kann, es aber doch immer weitergeht.

Wenn ich nicht dissoziiert war, fühlte ich mich angespannt, schrie vor Schreck auf, wenn ein Kind einen Flummi durchs Zimmer warf, und rannte nachts zu den Kindern, wenn ich auch nur ein leises Geräusch in der Wohnung hörte. Ich hatte ständig ein schlechtes Gewissen, fürchtete, ihnen mit dem, wie ich war, zu schaden und wusste dann, dass ich Hilfe suchen müsste.

Ich mache seit fast zwei Jahren eine ambulante Psychotherapie, war einen Monat in stationärer Behandlung, habe zwischendurch Medikamente genommen und war in Krisensituationen mehrmals in der Notaufnahme. Ich verstehe jetzt, dass ich eine Posttraumatische Belastungsstörung habe und dass das, was mich im Alltag so belastet, Symptome sind.

Aber die Rolle der Kranken fühlt sich immer noch unpassend an

Die Rolle der Kranken sitzt wie ein Pullover in der falschen Größe, nicht eine Nummer zu klein, sondern drei. Der Stoff juckt und ich kratze, zucke nervös und habe Angst, die Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ich habe Angst, dass jeden Moment jemand auf mich zukommen und rufen könnte, dass mir der Pulli nicht passt, dass ich ihn ausziehen und wieder alleine klarkommen muss.

Trotz meiner Ängste versuche ich jetzt, die Rolle in meinen Alltag zu integrieren. Weil ich weiß, wie es ohne war, weil ich – zumindest im Moment – noch brauche, was sie ermöglicht: Hilfe, Unterstützung, Verständnis. Das bedeutet für mich nicht, dass die Rolle beschreibt, wer ich bin. Vielmehr beschreibt sie meine Symptome, stellt sie in einen sinnvollen Zusammenhang und in Aussicht, dass ich gesund werden kann.

Die Unvereinbarkeit der Rollen

Ich denke, dass Kranksein so lange keine Option für mich war, weil ich zur Zeit der Traumatisierung so jung war, weil Vermeidung und Verdrängung typische Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung sind, genauso wie ein generelles Misstrauen anderen gegenüber. Ich fürchtete, dass sich meine Situation weiter verschlimmern würde, wenn ich mich jemandem anvertraute.

Vertrauen aber ist, in gewissem Maße, Voraussetzung für die Rolle der Kranken. Als Mutter trage ich die Verantwortung für mich und meine Kinder, habe Kontrolle, kümmere mich – wohingegen die Rolle der Kranken, noch mehr die Rolle der Patientin, immer wieder das Gegenteil verlangt.


Das Idealbild der Mutter sieht keine Krankheit vor

Mütter mit anderen (psychischen) Erkrankungen oder ohne Vorerkrankungen müssen vielleicht nicht erst dieses Misstrauen überwinden, bevor sie zum Arzt gehen. Doch sind auch sie in der Mutterrolle mit Ansprüchen von Außen und eigenen Ansprüche konfrontiert, die oft völlig überhöht und im Alltag kaum umsetzbar sind – und sich nicht mit einem (selbst vorübergehenden) Kranksein verknüpfen lassen. Gerade für Alleinerziehende, aber auch in Zwei-Eltern-Haushalten ohne Entlastung durch Großeltern oder Babysitter, ist es oft nicht möglich, einfach mal einen Tag im Bett zu bleiben – sei es mit gebrochenem Bein, Migräne oder einer Depression.

Das Bild der "modernen Supermom", genauso wie das traditionelle Idealbild der nichterwerbstätigen Mutter, sieht Stärke, Ruhe und Belastbarkeit, harte Arbeit und Fürsorge vor – nicht aber Selbstfürsorge und Krankheit.

Obwohl das nicht ganz stimmt – mittlerweile sind Selbstfürsorge und Achtsamkeit zum Trend geworden. Aber im Fall der Mutter, die neben ihrer Erwerbstätigkeit weiterhin einen Großteil der familiären Care-Arbeit leistet (Stichwort: Gender Care Gap), fehlt die zeitliche Entlastung, um diese Selbstfürsorge umzusetzen. So bleibt der Trend nur eine Theorie.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung unterstreicht die Belastung von Müttern innerhalb der ersten sieben Jahre nach der Geburt ihres Kindes (zitiert auch von Mareice Kaiser in ihrem Buch „Das Unwohlsein der modernen Mutter“) – bei rund einem Drittel der Probandinnen kam es zu einer substanziellen Verschlechterung des mentalen Wohlbefindens.

Zeit für Selbstvorsorge und Interventionen bei psychischer Belastung wären für Mütter in den ersten Jahren mit Kind also besonders wichtig, während genau in dieser Zeit und unter gegebenen Umständen dafür besonders wenig Raum besteht.

Was muss passieren, damit Mütter krank sein können?

Psychische Erkrankungen sind kein Nischenthema, fast jede*r Dritte leidet im Laufe seines Lebens unter einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung. Die Rolle der Kranken muss normalisiert werden, sodass sie – sowohl von Betroffenen als auch von Außenstehenden – immer weniger mit Schuld, Scham und Schwäche assoziiert wird.


Ich wünsche mir ein viel flexibleres Mutterbild. Eines, das einkalkuliert, dass ich genau wie andere Menschen auch krank werden könnte. Frauen müssen es offen sagen können: „Ich brauche Hilfe“, ohne das Gefühl zu haben, als Mutter zu versagen. Natürlich muss die Hilfe auch zugänglich sein – und zwar für alle, die sie brauchen, und ohne monatelange Wartezeit.


Erst wenn auch Mütter sich trauen, im Einzelnen über ihre mentale Gesundheit zu sprechen, können wir die Aussagen und Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung über die mentale Gesundheit von Müttern auch qualitativ verstehen und sehen, wie dringend notwendig familienfreundlichere Strukturen sind. Und wie toxisch es für Frauen ist, die Rolle der Mutter zu idealisieren.