• Jasmin Dickerson

Pflegende Eltern: Für uns gibt es nicht einmal Applaus

Joko und Klaas senden sieben Stunden über Pflege, keine Sekunde davon über Angehörige.



Joko und Klaas haben TV Geschichte geschrieben, mit ihrer Aktion, ihre freie Sendezeit zu nutzen um auf den in Deutschland herrschenden Pflegenotstand aufmerksam zu machen. Darüber wird nämlich leider fast nie und wenn dann nur als Randnotiz gesprochen. Insbesondere bei den privaten Fernsehsendern. Das ist wichtig und richtig und hat mich sehr gefreut.


Sieben Stunden begleitet der Zuschauer die Pflegekraft Meike Ista bei ihrer Schicht im Knochenmark- und Transplantationszentrum der Uniklinik Münster. Im Splitscreen werden dann Pfleger*innen aus verschiedensten Bereichen eingeblendet, die von ihrem Arbeitsalltag und den teils schwer aushaltbaren Zuständen berichten. Dabei sind Altenpfleger*innen, Pfleger*innen der Frühchenstation und jene auf der Corona Intensivstation. Wie jedes mal bei dem Thema Pflegenotstand kamen aber diejenigen, die sowieso schon unsichtbar sind mal wieder nicht zu Wort: pflegende Angehörige.


Pflegende Angehörige sind beispielsweise Eltern die ihre behinderten oder chronisch kranken Kinder pflegen. Ich selbst bin eine pflegende Mutter. Meine Tochter hat das Pitt Hopkins Syndrom. Das heißt für uns, dass ich sie seit ihrer Geburt und bis ins Erwachsenenalter pflege. Sie ist jetzt dreieinhalb Jahre alt. Ich füttere sie mit püriertem Essen, behalte ihr Gewicht im Auge, da sie zu Untergewicht neigt, begleite sie bei ihren Therapien wie Physiotherapie und Logopädie, entwickle mit ihren Therapeut*innen Wege, über die sie als nonverbales Kind mit mir und anderen kommunizieren kann, verabreiche ihr Medikamente und Einläufe, wickle sie, unterstütze sie beim Trinken, dusche und bade sie und hebe sie in den Rollstuhl und in andere Hilfsmittel.


Während Kinder ohne Behinderung in unserer Kita von 07:00 bis 17:00 betreut werden, wird mein Kind nur von 08:00 bis 15:00 betreut. Ich kann daher aktuell nicht Vollzeit arbeiten, zumal ich dazu auch die Kraft nicht hätte. Für den Arbeitsausfall bekomme ich in unserem Fall 728 Euro monatlich ausgezahlt und bin natürlich dankbar dafür. Wenn man sich das genauer anschaut allerdings, ist dieses Geld an viele Bedingungen geknüpft und in der Realität keine ausreichende Aufwandsentschädigung dafür, dass häusliche Pflege nicht nennenswert bei der Rente berücksichtigt wird, dass ich nicht einfach so und schon gar nicht bezahlt davon Urlaub nehmen kann und dass ich Dinge an meinem Kind verrichte, die ich niemals gelernt habe. Ich bekomme als Angehörige ein Fragment von dem, was eine Pflegekraft für einige Stunden der Pflege die ich rund um die Uhr übernehme verdient.


Wir pflegenden Angehörigen, die das kränkelnde Pflegesystem ohne Erwähnung, ohne Bezahlung und ohne Dank unterstützen. Wir, die sehen, wie abgekämpft, übernächtigt und unterbezahlt das Pflegepersonal ist, das unsere Lieben pflegen soll, wenn wir es einmal nicht (mehr) können. Wir, die in keiner Debatte vorkommen, weil “das ein anderes Thema ist”. Häusliche Pflege durch Angehörige ist direkt mit dem Pflegenotstand verknüpft: Möchten pflegende Angehörige einen mobilen Pflegedienst einstellen, um in der Pflege entlastet, zu werden, müssen sie teils monatelang warten und herum telefonieren, um überhaupt einen Termin zu bekommen. Ist diese Hürde geschafft, kommen meist Probleme wie Überarbeitung des Personals hinzu. Auch passiert es oft, dass die Pflege nicht korrekt vorgenommen wird, ein Wechsel des Personals ist aber wegen des Mangels meist nicht möglich.


Wir unterstützen auch das Pflegepersonal im Krankenhaus, da wir oft medizinische Eingriffe wie Katheter legen oder Einläufe geben selbst bei unserem Pflegling verrichten, weil nicht genug Pflegepersonal vorhanden ist. Ich lese immer wieder, dass Pflegepersonal nicht streiken kann, weil dann Menschen sterben. Aber Pflegepersonal hat eine Lobby, Gewerkschaften und Sichtbarkeit. Für uns gibt es nichts davon. Nicht einmal Applaus


Ich erwarte nicht, dass jede Doku oder jedes Interview zum Pflegenotstand auch nochmal eingehend die Herausforderungen pflegender Eltern berücksichtigt, aber bei einer siebenstündigen Doku, bei der verschiedene Menschen in der Pflege zu Wort kommen, hatte ich gehofft, dass wir wenigstens am Rande mal erwähnt werden. Bevor ich zur pflegenden Mutter wurde, wusste ich nämlich vom Pflegenotstand - aber nicht davon, wie pflegende Angehörige davon betroffen sind. Kein Wunder, es spricht ja niemand drüber.


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