Wir müssen Kindern zeigen, was Demokratie kann!

Zum Weltkindertag erinnert Catherine Dosch an die Rechte von Kindern - darunter politische Teilhabe.


Irgendwann zwischen Wechselunterricht und der Rückkehr zum eingeschränkten Regelbetrieb in den Schulen regt sich das große Kind am Mittagessenstisch lauthals über „Merkel Ferkel“ und ihre Politik in der Pandemie auf. Ich muss schlucken, und zwar nicht nur, weil das Kind keine Ahnung von Gesetzgebungsverfahren hat (es ist neun Jahre alt), sondern weil die Kinder in der Grundschule offenbar in bildzeitungsnahen Parolen über Politiker*innen und Politik sprechen.

Demokratie lebt davon, dass die Regierenden und die Regierten eins sind – theoretisch zumindest kann jede*r Bürger*in mitmachen, bei der Gestaltung des Staates. Man kann in Parteien eintreten, eine Petition starten, eine Bürgerinitiative gründen und gegen Gesetze, die ungerecht erscheinen, kann man sich beschweren. Aber mitmachen will nur, wer sich eingeladen fühlt zum Mitmachen und wer glaubt, durchs eigene Tun tatsächlich etwas verändern zu können – und wenn es nur das Durchsetzen einer 30er-Zone auf der vielbefahrenen Straße im Ort ist. Haben Kinder und Jugendliche überhaupt noch Lust, sich für die Demokratie zu engagieren, wo sie ihnen so offensichtlich so häufig nicht dient? Sicher: Parteienbeitritte nehmen seit Jahren ab, bei Jung und Alt. Laut Shell Studie von 2019 ist dauerhaftes politisches oder soziales Engagement unter Jugendlichen zudem leicht rückläufig. Nur leicht.


Kinder haben sich während Corona mehr engagiert als die meisten Menschen


Aber 2019 war eben vor Corona, und seit März 2020 haben sich Dinge für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene grundsätzlich geändert. Sie durften, ohne die Möglichkeit zu haben, sich zu verabschieden, ihre Freund*innen nicht mehr sehen, haben Kindergarten, Schule, Vereine, Universitäten, Clubs, Partys, Therapieplätze und Jugendzentren als Begegnungsorte verloren. Sie mussten den Druck aushalten, sich oft alleine und mit rabenschlechter Ausrüstung den geforderten Stoff anzueignen, damit im kommenden Schuljahr alles wieder weiter gehen kann, als wäre nichts gewesen. Sie haben das meistens ertragen, für die Vulnerablen, die Alten, die Kranken. Weil lauthals und unbegründet vermutet wurde, Schulen und Kindergärten seien Seuchenschleudern.


Jetzt, wo viele Vulnerablen geimpft werden konnten, sehen sie, wie die Welt der Erwachsenen langsam wieder öffnet. Menschen ohne Masken in Restaurants. Flugzeuge voller Urlauber. Arbeitsplätze ohne Masken, mit Lüftung. Sie selbst sitzen derweil zu Hause in der Home-Uni oder mit FFP2-Maske in der Schule, unter 12-Jährige fahren ungeimpft in viel zu vollen Bussen und Bahnen in ihre Bildungseinrichtungen, die vielleicht bald wieder zu machen - so genau weiß das keiner.


Und immer noch droht Kinder und Jugendlichen die Quarantäne


Über ihnen hängt das Damoklesschwert der Quarantäne, falls Personen aus der selben Gruppe mit Corona infiziert sind. Sie werden mindestens zwei Mal pro Woche getestet, also wahrscheinlich am engmaschigsten von fast allen Bevölkerungsgruppen kontrolliert, überwacht, gemaßregelt. Es fühlt sich wahnsinnig ungerecht an und für mich als Elternteil ist es kaum auszuhalten, was den Kindern abverlangt wird. Wie schrecklich sich diese allerersten Tage des zweiten Kindes anfühlen müssen, das das Gesicht der Klassenlehrerin noch nie gesehen hat. Und wie sehr wir Erwachsenen einfach hoffen, dass die Kinder resilient sind und das schon irgendwie wegstecken, während wir wieder ins Theater gehen, oder in die Kneipe.

Als das große Kind mit „Merkel Ferkel“ nach Hause kommt, bekomme ich kurz Angst: Wächst hier eine Generation heran, die so offensichtlich von der Politik vergessen oder ignoriert wird, dass sie sich fortan gänzlich aus zivilgesellschaftlichem Engagement zurückziehen wird, weil es eh egal ist, was sie denken, sagen, wollen?


Wie kriegen Kinder Lust auf politische Teilhabe?


Nun. Vielerlei Faktoren beeinflussen die Lust an der politischen Teilhabe. Wichtig ist zum Beispiel das Engagement von Menschen im familiären Umkreis. Wie immer haben wir Erwachsenen hier also eine Vorbildfunktion: Wenn wir wollen, dass unsere Kinder sich einsetzen für Dinge, die ihnen und anderen wichtig sind, dann müssen auch wir uns einsetzen für Dinge die uns wichtig sind. Im Corona Jahr heißt das vielleicht gruseligerweise, dass die Kinder von Querdenkern und Co. mehr Engagement seitens ihrer Eltern erlebt haben, als diejenigen, deren Eltern die Maßnahmen weitestgehend mitgetragen haben, wenn auch teilweise mit Bauchgrummeln.


Wir müssen wählen gehen, Nachrichten konsumieren, mit den Kindern über die Wahlplakate und die Parteien sprechen. Wir müssen uns vielleicht sogar mal zum öffentlichen Teil einer Gemeinderatssitzung begeben. Oder in Gewerkschaften oder Parteien eintreten, zu Demos gehen und ein Volksbegehren unterschreiben. Die Politikverdrossenheit der Jugend kommt wohl, wenn, dann von der Politikverdrossenheit der Alten.


Es braucht fundierte politische Bildung in Schulen


Weiter darf nicht vergessen werden, dass es mannigfaltige Möglichkeiten zur Teilhabe jenseits eines Parteibeitritts gibt. Fridays for Future und Extinction Rebellion engagieren sich für Klimaschutz. Attac hat für so ziemlich alle politischen Bereiche AGs, in denen es Information, Gespräche und Erläuterung zu weiteren Handlungsoptionen gibt. Ein gut platziertes YouTube-Video kann die CDU irritieren und neue Denkanstöße bieten. Und natürlich dauert es - aus Demos erwachsen nicht gleich Gesetzesinitiativen. Demokratie ist langwierig und holprig. Aber das gilt für Vorgänge sowohl innerhalb als auch außerhalb einer Parteimitgliedschaft.

Dass es viele Möglichkeiten zum Mitmachen gibt, die unterschiedlich stark genutzt werden, heisst natürlich nicht, dass alles super ist: Die politische Bildung darf nicht Influencer*innen überlassen werden. Denn auch wenn einige davon schlau und differenziert sind, gibt es – große Überraschung – schon auch viel gefährlichen Unsinn im Internet. Neben einer guten Medienbildung, die Medienkonsumierende in die Lage versetzen, sich kritisch mit den gezeigten Inhalten und auch mit den Mechanismen gerade sozialer Medien auseinanderzusetzen, braucht es auch fundierte politische Bildung in den Schulen.

Über Strukturen bescheid wissen statt "die da oben"


Leute müssen wissen, wie Gesetzgebung und Regierung funktioniert, damit zum Beispiel klar ist, dass Angela Merkel nicht dafür verantwortlich ist, dass in Schulen zwei Mal die Woche Coronatests stattfinden. Sie müssen über die Entscheidungs- und Verwaltungsebenen im Bilde sein, damit nicht „die da oben“ für alles herhalten müssen. Sie müssen lernen, dass wirklich fast alles auf der Welt wesentlich komplizierter ist, als man es sich wünscht und vorstellt. Dafür brauchen sie gutes, ausgeruhtes, engagiertes Lehrpersonal, Klassenzimmer, die nicht schimmeln oder auseinanderfallen - und Eltern und Freunde, die sich differenziert mit ihren Fragen und Anliegen auseinandersetzen.


Ein ordentliche Klimapolitik und eine Berücksichtigung der jungen Menschen in der Pandemie würden sicher auch helfen, dass diese sich als Teil der Gesellschaft mit Gestaltungsräumen fühlen.

Catherine Dosch hat Philosophie und Komparatistik studiert. Sie ist Mitgründerin und -Herausgeberin vom umstandslos.com, lebt mit ihrer Familie auf dem Land und erwartet Anfang 2022 ihr viertes Kind.