• Eszter Jakab

Wie unser Ableismus Menschen tötet

Vier Menschen mit Behinderung wurden getötet. In der Berichterstattung werden sie zur Nebensache. Genau das begünstigt weitere Gewalt.

Der Donnerstag ist immer unser erster therapiefreier Tag in der Woche. Ich stille, stehe auf, ziehe das Baby an, ziehe das älteste Kind an, lege Sachen für das Mittlere raus. Ich mache Frühstück, belege und schneide Brote exakt nach der Vorstellung des einen Kindes, ich biete dem anderen Kind alle möglichen Nahrungsmittel an, am Ende reiche ich eine mit Mandelmus angereicherte Tasse Milch. Ich schicke das älteste Kind in die Kita, lege das Baby auf die Spieldecke, ich lasse das Mittlere kurz Fernsehen gucken. Ich räume auf. Ich gehe duschen. Wir gehen mit dem Hund raus. Zwischendurch höre ich Nachrichten im Radio.


Erst später im Verlauf des Tages, als ich das Baby in den Schlaf gestillt habe, noch kurz liegen bleibe, damit es nicht aufwacht und durch Instagram scrolle, werde ich aufmerksam auf die Geschehnisse vom Abend zuvor. Nicht durch eine Meldung oder einen Artikel. Es ist die Instagram Story, die eine Mutter teilt, mit der ich schon lange schreibe: Am Mittwochabend attackierte eine langjährige Mitarbeiterin fünf Menschen und ermordet vier davon in ihrem Zuhause namens Oberlinhaus, einem Potsdamer Wohnheim für Menschen mit Behinderung.

Das Kind der Mutter, deren Instagram-Story ich mir angesehen hatte, geht auf die Schule vom Oberlinhaus.


Ich warte auf den Aufschrei


Ich sitze auf dem Rand vom Bett, als ich online nach Informationen suche. Alles, was ich finde, sind kurze Meldungen von Lokalmedien. Ich lege das Handy weg. Tief in mir macht sich ein Gefühl breit, dass ich noch nicht fassen kann. Ich mache das Radio an. Ich warte auf die Nachrichten. Ich warte darauf, dass die großen Medien berichten. Ich warte auf die Worte, die Anteilnahme, den Aufschrei. Aber es bleibt still und ich habe ein dumpfes Gefühl in mir.


Erst als die Kinder schlafen, fange ich an, meinem unguten Gefühl Worte zu verleihen. Mich trifft das Geschehene. Vier Menschen wurden Zuhause ermordet. Es geht mir auch nahe, weil wir Freund*innen, geliebte Menschen haben, die das hätten sein können. Weil ich die Ängste von befreundeten Eltern kenne, wer ihre Kinder pflegen soll, wenn sie es nicht mehr können. Weil wir nicht wissen, ob wir uns nicht mal dieselbe Frage stellen müssen. Es trifft mich, weil ich ein Teil der Community bin, ich die kollektive Bestürzung spüren. Und während alle anderen schweigen, fühle ich, wie allein wir sind.


„Erlösung vom Leid“ als mögliches Tatmotiv


Während viele Menschen wie Autorin Laura Gehlhaar und Moderatorin und Autorin Ninia LaGrande in meinem Feed die richtigen Worte finden, die richtigen Fragen stellen und auf Twitter #AbleismusTötet entsteht, bleibt es sonst entweder still oder in der Berichterstattung dreht sich alles um die vermeintliche Täterin, die Leitung des Oberlinhauses, die Mitarbeiter, die Anwohner. Ihre Betroffenheit, ihre Trauer, ihre aufopferungsvolle Arbeit. Die Perspektive der Opfer, der betroffenen Menschen wird nicht eingenommen. Fast scheint diese der breiten Öffentlichkeit fremder als die der vermeintlichen Täterin. Das Narrativ ist geprägt von dem selbstlosen Akt der Pflege und den schwierigen Bedingungen besonders während einer Pandemie. Journalistin Rebecca Maskos twittert:


„Was wir brauchen: […] Eine Anerkennung systemischer Gewalt in vielen Behinderteneinrichtungen und einen gesellschaftlichen Kontext von Behindertenfeindlichkeit und Ableismus.“

Stattdessen spricht in einer Sendung vom rbb ein Polizeipsychologe von der „Erlösung vom Leid“ als mögliches Tatmotiv.


Von Erlösung sprach man auch, als 216.000 Menschen mit Behinderung im dritten Reich systematisch ermordet wurden. Bis heute sind die Taten und Folgen der Eugenik-Programme der Nazis kaum bekannt oder aufgearbeitet. Bis heute werden Ideen von damals reproduziert. Bis heute werden Menschen mit Behinderungen entweder bemitleidet oder als tapfer gefeiert, weil sie etwas „trotzdem“ machen. Formulierungen wie „an den Rollstuhl gefesselt“ oder „leidet an“ verdeutlichen unsere Vorstellungen und Umgang mit dem Thema.


Menschen mit Behinderung sind vermehrt Gewalt ausgesetzt


Als am Freitag die Meldung kommt, dass die vermeintliche Täterin in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, ist mir endgültig klar, dass es hier nicht mehr zu einer längst überfälligen öffentlichen Diskussion kommen wird. Denn die vermeintliche psychische Krankheit der Tatverdächtigen, macht die Tat im Narrativ der Berichterstattung zu einem tragischen Fall, der überall hätte passieren können. Und das stimmt vielleicht auch, trotzdem kommt es immer wieder zu Vorfällen in Einrichtungen und dem Gesundheitswesen.


Menschen mit Behinderung sind viel häufiger Opfer aller Arten von Gewalt ausgesetzt. Dabei geht es mir nicht darum, zu spekulieren, ob die vermeintliche Täterin nun psychisch krank ist oder nicht. Vielmehr geht es mir darum, wie wir gesellschaftlich mit psychischen Erkrankungen umgehen. Denn es sind nicht psychische Erkrankungen, die jemanden zur*m Täter*in machen. Und so schadet dieses Narrativ den Opfern ebenso wie Menschen mit psychischen Krankheiten. Statt einer differenzierten Auseinandersetzung und Prävention, werden Menschen mit psychischen Krankheiten stigmatisiert und Opfer nicht geschützt. Sich wiederholende Muster und Strukturen werden ignoriert.


Mitarbeiter*innen und Leitung ignorieren Hinweise


Dabei hat Deutschland eine Geschichte von Gewalt und Mord im Gesundheitssystem. Erst vor kurzem wurde bekannt, dass gegen 145 Mitarbeiter*innen einer Einrichtung in Bay Oyenhausen ermittelt wird. Es soll zu Freiheitsberaubungen und Körperverletzungen gegen Menschen mit Behinderung gekommen sein. Niels Högel tötete als Krankenpfleger wahrscheinlich mehr als 332 Menschen und ist somit für die größte Mordserie in der Geschichte Deutschlands verantwortlich. Die Krankenschwester Irene B. tötete sechs Menschen. Krankenpfleger Stephan L. tötet 28 Menschen. Zwischen 1970 bis 2006 wurden 11 Menschen aus dem Gesundheitswesen von deutschen Gerichten wegen Mord und Todschlag verurteilt. 2019 wurde 555 Fälle, wo Menschen mit Behinderung Opfer einer Straftat im Gesundheitswesen wurden, von der Polizei erfasst.


Prof. Dr. med. Karl H. Beine kommt im Artikel „Tötungsserien in Krankenhäusern und Heimen: Morden gegen das Leiden“ im Ärzteblatt zu der Einschätzung, dass Mitarbeiter*innen und Leitung oft gewissen Tendenzen und Hinweise lieber ignorieren wollen. Es würde deutlich werden, „dass der Umgang mit beginnenden Verdächtigungen überall durch eine ausgeprägte Abwehrhaltung gekennzeichnet ist.“ Das ist keine Spekulation gegenüber dem Oberlinhaus. Es zeigt nur, dass wir Diskussionsbedarf hätten. Denn es beginnt mit uns. Es beginnt mit Ableismus.


"Wirklich nicht so wichtig, wenn ein paar davon sterben"


Der ableistische Hass flattert am Freitagmittag in mein Postfach: „Naja, Menschen mit Behinderung liegen in der Regel dem Staat auf der Tasche, da ist es dann wirklich nicht so wichtig, wenn ein paar davon sterben.“ Die finanzielle Belastung, die von Menschen mit Behinderung auszugehen scheint, ist ein großes Thema für viele. Auch ich werde regelmäßig darauf hingewiesen, dass ich diverse Leistungen unrechtmäßig in Anspruch nehmen würde.


Jens Spahn wollte mit dem Intensivpflege-Gesetz Menschen, die beatmet werden müssen, lieber in Pflegeheim unterbringen. Nicht zuletzt um Kosten zu sparen. Und die leitende Ärztin beim MDK Bayern Prof. Astrid Zobel bezeichnet den Prozess der Hilfsmittelvergabe an Kindern mit Behinderung in einem Interview für „Kontrovers – die Story“ als „ressourcenschonend […], damit keine Versichertengelder unnötig verschwendet werden“. Für die von Aktivist Edwin Grewe geforderte Privatsphäre und Selbstständigkeit, die Menschen mit Behinderung schützen würde, haben wir in einem Gesundheitssystem, in dem Zahlen mehr zählen als Menschen, keinen Platz. Institutionell wird das Narrativ des behinderten Menschen, der so viel Geld und Aufwand kostet, verstärkt.


Was sind Menschen mit Behinderung wert?


Dabei geht es nicht wirklich um Geld. Es geht darum, was jemand wert ist. Wenn man die Perspektive der Opfer und Betroffenen nicht einnimmt, sondern nur davon berichtet, wie aufopferungsvoll und anstrengend ihre Pflege ist, wenn man von Erlösung als Motiv spricht, dann lässt man den Konsens zu, dass ihr Leben weniger lebenswert sei, dass ihr Leben weniger wert sei. Nicht nur durch den Mangel an Aufarbeitung der Eugenik-Programme, ist Ableismus in der deutschen Gesellschaft tief verankert. „Vom Internat zur Förderschule, dann Wechsel in ein anderes Wohnheim und von dort zur Werkstatt; später dann ins Altenheim, nicht selten finden sich all diese Adressen auf einem einzigen Gelände“, kritisiert Autor und Aktivist Raul Krauthausen in seinem Artikel „Vier Menschen sind tot, der Ableismus lebt“.


Diese Trennung begünstige nicht nur Gewalt, sie mache sie auch unsichtbar. Da, wo wir nicht in Kontakt kommen, bleiben wir uns fremd. Wo wir uns fremd bleiben, können wir keine Diskriminierung abbauen. Wo Diskriminierung herrschen, stehen wir nicht füreinander ein. Wenn wir aber bei solchen Taten die Perspektive der Opfer und Betroffenen einnehmen, dann entsteht Verständnis für ihr Leben, für ihre Bedingungen. Dann bauen wir ableistische Vorstellungen und Strukturen ab. Wenn wir bei unserem Ableismus bleiben, werden wir weiter töten.



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