Warum kein Mensch Lean Care braucht

Mein erster Anruf bei einem Pflegedienst begann mit einer Frage: „Helfen Sie auch, wenn es um Kinder geht?“. Ich hatte den ganzen Vormittag damit verbracht, im Internet nach Pflegediensten zu suchen. Und ich hatte keinen einzigen gefunden, auf dessen Homepage ein Kind abgebildet war. In der Vorstellung der meisten, die damit wenig zu tun haben, ist Pflege etwas, das nur alte Menschen betrifft. Es stimmt zwar, dass der Großteil der pflegebedürftigen Menschen älter sind, aber eben nicht alle. Damals dachte ich, das wäre zumindest denjenigen, die mit Pflege zu tun haben, bewusst.


Das, was in der Pflege passiert, kennt man aus der Industrie: Lean production (englisch für: schlanke Produktion) bezeichnet ein Produktionskonzept in der Industrie, mit dem Ziel, besonders effizient zu arbeiten, indem man Arbeitskräfte, Kosten und Material so weit wie möglich einspart. Durch Standardisierung (Vereinheitlichung von Bauteilen, Verwaltung etc.) sollen Arbeitsabläufe gestrafft und Produktionswege optimiert werden. Vor allem aber soll Verschwendung jeglicher Art vermieden werden. Sie steht im Gegensatz zur gepufferten Produktion, bei der auf Vorrat produziert wird.


Als ich aufgrund der Pandemie eine Einkaufshilfe suchte, war der erste Satz, den ich zuhören bekam: „Wir machen kein begleitetes Einkaufen.“ Darauf erwidere ich mittlerweile gelassen, dass mein 5-jähriges Kind gar nicht mit zum Einkaufen gehen wolle. Denn heute weiß ich, dass selbst denjenigen, die mit Pflege zu tun haben, nicht immer bewusst ist, dass auch Kinder gepflegt werden. Heute weiß ich, dass es gar nicht um das Alter geht, sondern darum, dass die vielfältigen Bedürfnisse und Barrieren von gepflegten und pflegenden Menschen nicht gesehen werden. Egal, wie alt sie sind.


Unsere Barriere sind keine Treppen und eingeschränkte Bewegungsfreiheit


Ich merke es daran, dass ich immer wieder erklären muss, dass die Einkaufshilfe nicht ständig an einem anderen Tag kommen kann, dass es nicht ständig jemand neues sein kann, dass ich bestimmte Lebensmittel und Produkte brauche. Unsere Barriere sind keine Treppen und eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Wir brauchen feste Routinen, ein ruhiges Umfeld und die gewohnten Lebensmittel und Produkte. Denn bei Abweichungen oder Stress überreizt mein Kind und ich bin am Ende stundenlang damit beschäftigt seinen Meltdown zu begleiten. Neue Lebensmittel verweigert mein Kind. Da reicht es schon, wenn die Verpackung anders aussieht, oder das eine Lebensmittel das andere berührt hat. In schlechten Phasen wird Nahrung schon verweigert, weil das Kauen und das Gefühl im Mund überreizt. Zuletzt hat mein Kind 3kg deswegen abgenommen. Es ist also nicht bloß bequemer für mich, wenn eine gewohnte Person, regelmäßig und verlässlich kommt. Es ist elementar.


Der Nachteil bei Lean Production ist, dass kleinste Abweichungen oder Störungen ausreichen können, um alles ins Wanken zu bringen. Nur ein Bauteil muss ausfallen, und die Produktion kann zusammenbrechen. Durch den Druck, Ausfälle und Störungen zu vermeiden, können Mitarbeiter*innen eines Betriebs zusätzlich belastet werden. Lean production kann durch seine Fokussierung auf das Jetzt den Blick in die Zukunft und das große Ganze verlieren.


In Anlehnung an Lean Production wird Pflege für mich zu Lean Care


Immer wieder habe ich das Gefühl, es scheint nicht allen klar zu sein, wie elementar das ist. Die Frau vom Pflegedienst, die den Vertrag brachte, wollte unbedingt an einem Dienstag kommen. Offensichtlich war da grade ein Termin frei geworden. Dienstag ist aber Therapie-Tag. Das heißt, mein Kind ist eh schon am Limit, was Reize angeht. Fremde Personen, Abweichungen in der Routine, das sind Dinge, die da nicht zuträglich sind. Aber selbst nachdem ich ihr das wiederholt erklärt hatte, bot sie mir stur weitere Uhrzeiten am gleichen Tag an, als würde es eine Rolle spielen, ob mein Kind um 12 Uhr oder erst um 14 Uhr kurz vor dem Meltdown steht und die Therapie am Nachmittag damit ins Wasser fällt.


Es fängt an bei der Privatisierung von Krankenhäusern, die zunehmend dazu führt, dass Kosten und Gewinne mehr zählen als Patienten. Über die Frage, an welchen Medikamenten und Krankheiten geforscht wird und an welchen nicht. Bis zu dem Kampf um Hilfsmittel und Leistungen mit Krankenkassen und Trägern. Pflege wird ökonomisiert. Das heißt, sie wird den Regeln und Prinzipien der Marktwirtschaft unterworfen. In Anlehnung an lean production wird Pflege für mich zu Lean Care (englisch für: schlanke Pflege).


Lean care soll möglichst allen passen. Am Ende passt sie niemandem


Lean Care muss möglichst effizient sein. Termine und Zeit von Therapeut*innen, Pfleger*inne, Ärzt*innen sind streng getaktet. Hilfsmittel und Leistungen werden nur wenn absolut notwenig bewilligt. Man produziert so zu sagen nur das, was grade so notwendig ist und nicht auf Vorrat. Bei Abweichungen bricht das System zusammen. Das übt massiven Druck auf alle Beteiligten aus und führt zu Überlastung bei allen im öffentlichen und in der privaten Pflege. Lean care ist nicht nur wenig zukunftsorientiert, es scheitert auch kurzfristig. Damit Pflege effizient sein kann, werden die Bedürfnisse, Barrieren und die Pflege selbst standardisiert. Lean care soll möglichst allen passen. Am Ende passt sie niemandem.


Vor einigen Wochen erkundigte ich mich bei unserem Leistungsträger über die Erhöhung der Stunden unserer Integrationskraft. Wir wollen, dass unser Kind ab Sommer 7 Stunden täglich in die Kita gehen kann. Aktuell sind es 5, wenn nicht grade eine Pandemie herrscht. Das ist aber nur möglich, wenn auch die Integrationskraft so lange da ist. Die Antwort lautete: „Sie können das gerne beantragen. Aber wir lehnen das eh ab.“. Das würde man standartmäßig nicht machen. Nach mehreren langen Telefonaten, eines über einstündigen Gutachtens und mit Hilfe einer freundlichen Sachbearbeiterin und unserer großartigen Kita, haben wir die Stunden am Ende bewilligt bekommen. Standard ist das nicht. Es ist ein Zusammenspiel aus Glück und Mehraufwand für mich. Und jede*r, der*die nach uns kommt, wird den selben Kampf nochmal kämpfen müssen. Wenn sie noch Kraft haben.


Kindliches Wachstum ist nicht vorgesehen


Ein Mehr an Leistungen ist nicht vorgesehen. Lean Care produziert nicht auf Vorrat. Abweichungen wie kindliches Wachstum, Hilfsmittel, die plötzlich zu klein sind, obwohl das Quartal noch nicht zu Ende ist, sind nicht vorgesehen. Hilfsmittel in speziellen Größen, z.B. für Kleinkinder und Kinder haben oft nicht mal eine Hilfsmittelnummer, mit der sie beantragt und bewilligt werden könnten. Das kann mit unter drastisch deutlich werden. Vor einiger Zeit schrieb @triplepower_lion auf Instagram über die Herz-OP ihres Sohnes und machte darauf aufmerksam, dass keine Herzschrittmacher mehr für Babys produziert werden, denn das sei nicht lukrativ genug. Es gibt zu wenig Babys, die schon so früh einen Schrittmacher brauchen. Aber diejenigen, die ihn brauchen, werden der grausamen Konsequenz der Marktwirtschaft ausgesetzt.


Eigentlich sollte in der sozialen Marktwirtschaft der Markt von der Politik reguliert werden. Der Ökonomisierung der Pflege sollte also von politischer Seite entgegen gewirkt werden. Es wäre die Aufgabe der Politik, die vielfältigen Bedürfnisse und Barrieren der Menschen zu sehen. Es wäre ihre Aufgabe, Gesetze und Reformen zu beschließen, um die Situation aller zu verbessern. Die Pflegereform 2021 sollte das Pflegen Zuhause vereinfachen und verbessern. Aber auch hier scheinen Abweichungen nicht vorgesehen zu sein. Mit der Verhinderungspflege konnten pflegende Angehörige im Falle einer Verhinderung bis jetzt eine bestimmte Summe im Jahr für die Versorgung ihrer pflegebedürftigen Familienmitglieder verwenden. Diese konnte flexibel stundenweise oder über einen längeren Zeitraum (über 8 Stunden) eingesetzt werden.


Hier werden die unterschiedlichen Umstände von Menschen ignoriert.


Mit der Pflegereform 2021 soll diese Flexibilität nun abgeschafft werden. Im Eckpunktepapier des Bundesgesundheitsministeriums zur Reform heißt es, dass 60% des jährlichen Budgets für längere Verhinderung reserviert werden sollen. Das würde bedeuten, dass nur noch 40% des Geldes zur kurzzeitigen Pflege verwendet werden könnte. Auch hier muss Individualität und Flexibilität zu Gunsten von Standardisierung weichen. Auch hier werden die unterschiedlichen Umstände von Menschen ignoriert. Es wird ignoriert, dass grade pflegende Eltern die Verhinderungspflege meistens stundenweise in Anspruch nehmen. Oft nicht mal die Möglichkeit haben sie über einen längeren Zeitraum in Anspruch zu nehmen, weil es an Einrichtungen und Pflegeangeboten mangelt. Auch hier versagt Lean Care und die Politik schafft es nicht die Bedürfnisse aller gepflegten und pflegenden Menschen mitzudenken und umzusetzen.


Lean Production soll Verschwendung vermeiden. In einer Zeit, in der unsere größten Probleme häufig mit Ressourcenverteilung und Umweltverschmutzung zu tun haben, scheint das, bei bewusster und nachhaltiger Umsetzung, ein attraktives Konzept zu sein. In der Industrie geht es aber um Rohstoffe, Energie und Abfall, mit denen man effizient umgehen will. In der Pflege reden wir über das Zwischenmenschliche, über den Wert und die Würde des Menschen. Pflege und Fürsorge sind elementare Bestandteile menschlichen Zusammenlebens und ein Grundbaustein der Gesellschaft. Menschlichkeit sollten wir ruhig verschwenderisch einsetzen.


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