Häusliche Gewalt: Warum ich nicht gegangen bin

Ines Anioli spricht im Podcast “DANKE, GUT” über ihre toxische Beziehung und warum sie nicht “einfach” gegangen ist. Das hat mich an meine Geschichte erinnert.


Sie spricht über Gaslighting und Manipulation, darüber, wie sie langsam aber sicher an ihrem Verhalten und ihrer Denkweise gezweifelt hat und irgendwann nicht mehr wusste, was richtig und was falsch ist. Wie sie über die negativen Dinge bei Freund*innen und Familie geschwiegen hat und wie sie es am Ende doch geschafft hat. Meine Geschichte ist etwas, das ich so gerne tief in mir vergraben würde, weil ich mich so oft dafür schäme und weil ich nicht daran denken oder darüber reden will. Aber ich muss mich nicht schämen. Ich will reden, für alle, die es (noch) nicht können, die sich gefangen fühlen und denen es vielleicht hilft, auszubrechen.

Wenn Du oder eine Person die Du kennst von häuslicher Gewalt betroffen bist, wende dich an das Hilfetelefon unter 08000 116 016 . Du kannst dort auch per Chat beraten werden.


Häusliche Gewalt kannte ich als junges Mädchen nur aus Erzählungen. Der Vater einer Jugendfreundin war gewalttätig und ich hatte kein Verständnis dafür, dass ihre Mutter mit ihren beiden Töchtern bei ihm blieb. Meine Mutter hatte mir vorgelebt, dass man niemals bei jemandem bleibt, der einen unglücklich macht und dass ein freies, selbstbestimmtes Leben das Maß aller Dinge ist. Das hatte ich verinnerlicht. Niemals , so dachte ich, würde ich überhaupt erst an einen Mann geraten, der mir Gewalt antun könnte. Schließlich bin ich feministisch erzogen und selbst Feministin. Und falls es doch passieren würde, dann würde ich ihn selbstverständlich sofort verlassen und anzeigen. Das war meine naive Vorstellung.


R. sollte nicht meine große Liebe werden


Wie schnell es geht, in einer gewalttätigen Beziehung gefangen zu sein, erfuhr ich mit R.

Ich war gerade 23 geworden, hatte aus meiner Wohnung ausziehen müssen und hangelte mich für ein paar Monate von Zwischenmiete zu Zwischenmiete. Ich weiß noch, wie desillusioniert, wie verloren ich damals war, wie jung und wie naiv. Ich hatte in einem großen Club als Barfrau angefangen zu arbeiten, aber die Arbeit war mir nicht wichtig. Ich wollte eigentlich nur feiern. Ich war nicht auf der Suche nach der großen Liebe und als ich R. traf, hatte ich auch nicht das Gefühl, sie in ihm gefunden zu haben. Aber er war nett, lud mich und meine Freundinnen ständig ein und schien begeistert von mir. Er war überhaupt nicht mein Typ, eher klein gewachsen, die Haare kurz rasiert, klobige Timberlands, Mantel und Jeans. Ich fand diesen Bad Boy Stil nie besonders ansprechend. Aber ich fühlte mich sicher bei ihm, beschützt - und ich vermute, das war es, was mich in dieser Zeit anzog.


Er fuhr mich immer nach Hause, nach unseren Dates, machte keine Anstalten, mich zu küssen oder mehr. Ich weiß noch, dass ich diese Art des Respekts mir gegenüber sehr genossen habe. So habe ich mich dann auch auf eine Beziehung mit ihm eingelassen. Als ich ihn fragte, was er beruflich macht, wich er aus, sagte, das könne er mir so genau nicht sagen, ich solle besser nicht fragen. Alles was ich wissen müsse, so sagte er mit verheißungsvollen Ton, sei, dass er sich um uns kümmern würde, dass er Auto fahre und dass es mir an nichts fehlen würde (Später sollte sich herausstellen, dass er keinen mysteriösen, illegalen Job, sondern einfach einen Fahrdienst für Geschäftsmänner anbot, deren Autos er dann zeitweise fahren durfte) In dieser Zeit hatte ich das Gefühl, nichts unter Kontrolle zu haben und so war es wahrscheinlich diese vermeintliche Hilflosigkeit, die seine kontrollierende Art so anziehend machte.


Er hatte die Oberhand, das ließ er mich spüren


Ziemlich schnell zog ich in seine Wohnung in Berlin-Mitte, die er - wie sich später herausstellte - dreist seiner Ex-Freundin weggeschnappt hatte, mit all ihrem Hab und Gut. Rückblickend wundere ich mich, dass ich nicht hinterfragt hatte, weshalb sie so kampflos ihre Wohnung, Möbel und persönlichen Gegenstände aufgab. Schon bald nach meinem Einzug fing die Stimmung an, zu kippen. Er warf mit Tellern nach mir, wenn ich das falsche Essen nach Hause brachte, er machte mich für alles, was in seinem Leben schief lief verantwortlich und ich wollte alles dafür tun, dass er wieder milde gestimmt war. Ich übernahm die Miete, ich überließ ihm Kontrolle darüber, wie viel Geld und wofür ich es ausgeben durfte.


Er kümmerte sich, abgesehen davon mir ein Dach über den Kopf zu bieten, nicht um mich. Dass es mir an nichts fehlen würde war eine maßlose Übertreibung. Vielmehr war ich es, die finanziell für unsere Belange sorgte. Unsere Dynamik hatte sich nachhaltig verändert. Er hatte die moralische Oberhand, das ließ er mich jede Sekunde spüren. Er kontrollierte, wohin ich ging und mit wem. Er schrie mich vor anderen an, er bedrohte meine Freundinnen. Er schloss mich in die Wohnung ein, wenn er tagelang verschwand. Wenn ich etwas falsch machte, nicht richtig aufräumte oder zu laut schrie, wenn wir uns stritten, warf er mich ohne Geld und ohne meine Sachen aus der Wohnung.


Ich dachte: Keiner kann mich lieben, wie er mich liebt


Immer wieder kam ich zurück. Nie, weil ich dachte, dass ich ihn liebe. Immer, weil ich dachte, dass mich niemand lieben kann, außer ihm. Er hatte es mir immer und immer wieder eingetrichtert. Und schließlich, so dachte ich, bin ich so schwierig und anstrengend, schließlich haben so viele ihre Probleme mit mir und bisher ist ja auch keiner geblieben, also muss es stimmen. Keiner wird mich jemals lieben, wie er mich liebt. Und selbst, als ich diese Lüge längst nicht mehr glaubte, so glaubte ich dennoch, dass ich nicht liebenswert war. Und vor allem, dass ich nicht einfach so gehen konnte. Ich hatte meine Freundinnen vergrault, weil er sie ständig bedrohte. Und denen, die geblieben waren, log ich vor, dass alles in Ordnung sei. Die, die ahnten, dass das nicht stimmte, boten mir wieder und wieder an, bei ihnen bleiben zu können und wieder und wieder stritt ich alles ab.


Er war nie körperlich gewalttätig. Er schrie mich vor meiner Familie an, weil er sich den Weg zu meinem Elternhaus nicht merken konnte und beschimpfte mich und meine Freund*innen ständig, er warf auch mal mit Tellern oder Gegenständen, zerlegte die gesamte Wohnung, weil er sein Handy nicht finden konnte. Aber er hatte mich nie geschlagen. Also blieb ich. Ich dachte: “Es ist alles nicht so schlimm, solange er mir keine Gewalt antut.”

Dass er das längst tat, erkannte ich nicht.


Er hätte mich fast umgebracht


Als er ein wichtiges Dokument eines Tages nicht finden konnte und es dann woanders auftauchte, als da, wo er es vermutet hatte, wurde seine Gewalt dann doch körperlich. Er schubste mich gegen die Wand und schrie mich an, sodass mein Gesicht ganz nass wurde von dem Speichel, der aus seinem Mund flog. Er warf mir vor, dass ich ihn hintergehen würde und ausspionieren und deshalb seine Papiere verstecken würde. Dann warf er mich auf das Bett und würgte mich. Ich wehrte mich, ich kämpfte, aber er war stärker. Und dann kam dieser Moment, in dem mich jeder Lebenskampf und jede Kraft verlassen hatte. Ich dachte, dass ich sterben würde.


Ich schloss die Augen, bewegte mich nicht mehr und alles wurde ganz still. Er ließ nach einer gefühlten Ewigkeit von mir ab, setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett und fing bitterlich an zu weinen. In dem Moment wusste ich, dass ich gehen musste. Leider habe ich es nicht sofort geschafft, weil ich Angst hatte, dass er mir oder meinen Liebsten etwas antun könnte. Aber ab dem Zeitpunkt habe ich meinen Plan stur verfolgt. Ich hatte nichts als Hass und Verachtung übrig für ihn und jedes Mal, wenn er das Haus verließ, hoffte ich, dass er nie mehr zurück kommt. Er war nie wieder körperlich gewalttätig mir gegenüber. Aber er hat mir mein Geld von da an immer weggenommen. Vor allem wohl, damit ich bleiben würde. Weil ich ohne Geld nicht gehen konnte und weil er wusste, dass ich meine Eltern nicht um Hilfe bitten wollte.


Er wollte Macht


In dieser Zeit habe ich F. kennen gelernt, ich war mittlerweile 25, er 20. Er hatte sich direkt in mich verliebt und ich mich in seine unschuldige und liebenswerte Art. Er war das Gegenteil von R. Wir trafen uns heimlich, immer wenn R. wieder tagelang verschwunden war.

Er wohnte noch bei seinen Eltern und hat nicht aufgehört, mir einen Platz in seinem Zimmer anzubieten - wenn auch nur vorübergehend. Also nahm ich eines Tages all meine Kraft zusammen, packte meine Sachen und verabschiedete mich von R. Ich wollte keinen Tag länger bei ihm bleiben, aber er schloss sich im Bad ein und drohte, sich die Pulsadern aufzuschneiden, wenn ich wirklich gehen würde.


Ich brach die Badtür auf und fand ihn dort, heulend und mit einem stumpfen Schweizer Taschenmesser, drohend gegen sein Handgelenk gedrückt. Er flehte mich an, nicht zu gehen. Ich war damals nicht sicher, ob er sich etwas antun würde oder nicht. Aber heute weiß ich: Er wollte mich manipulieren und kontrollieren. Er wollte Macht. Und er hatte nie vor, sich dafür ins eigene Fleisch zu schneiden. Ich habe ihn an diesem Tag trotz seiner Manipulationsversuche verlassen, denn ich wusste, ich hatte viel zu lange geglaubt, dankbar sein zu müssen, für jeden, der mich liebt und der bleibt. Durch die Hilfe und die Liebe von F. habe ich es geschafft, aus dieser Hölle auszubrechen. Vielleicht hätte ich es auch alleine geschafft, aber es hätte viel länger gedauert. Wenn ich mich heute frage, warum ich nicht gegangen bin, kann ich das nicht in einem Satz beantworten.


Ich brauchte, was er mir zu geben vormachte


Ich bin nicht gegangen. Weil ich dachte, dass ich es verdient habe, so behandelt zu werden, wie er mich behandelt hat. Er hat auch immer wieder meine Verlustangst gegen mich verwendet. Denn sobald er androhte, mich zu verlassen, hatte ich das Gefühl, dass nichts schrecklicher sein konnte, als ohne seine Liebe zu überleben. Also blieb ich. Ich blieb, weil ich dachte, dass ich mich sonst verliere, obwohl ich jeden Tag, den ich nicht ging ein bisschen mehr von mir verlor. Bis nur noch ganz wenig von mir übrig war. Ich brauchte, was er mir zu geben vormachte - Struktur, Geborgenheit, Stabilität. Dabei gab er mir nichts davon, sondern versuchte stattdessen, mich zu besitzen. Es war eine gefährliche Illusion, in der ich mich verlor wie in einem Strudel.


Ich bin nicht gegangen. Weil ich mich geschämt habe. Weil mir einzugestehen, dass mir all das passiert ist, mir heute noch schwer fällt. Weil häusliche Gewalt mir nicht passieren dürfte und konnte. Ich weiß ganz sicher, dass ich nie mehr verurteilend über Menschen denke, die nicht einfach so eine Situation verlassen, in der ihnen Gewalt angetan wird. Ich weiß jetzt, wie ausweglos und einsam es sich anfühlt. Ich weiß jetzt, wie zermürbend diese psychische Gewalt ist und dass klares Denken und Handeln nicht von einer traumatisierten Person verlangt werden kann, solange sie sich in der traumatisierenden Situation befindet.

Ich bin so froh und dankbar für die Hilfe, die ich bekommen habe. Ich bin froh, dass ich überlebt habe, denn nicht jede Geschichte geht so gut aus wie meine.


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