"Meine Waldorf-Bubble ist gefährlich"

Eine Mutter beschreibt, wie die Ideologie des Waldorf-Begründers Menschen zu Impfgegner*innen macht.

Triggerwarnung: Ableismus, Tod


Als die Corona-Impfung kam, gab es in meinem Bekanntenkreis kein erleichtertes Aufatmen. Hier ist man Waldorf-affin und ganz klar impfskeptisch. Bei der Pflicht zu Masernimpfung gab es Klagen über „Fremdbestimmung“ und einen vermeintlichen „Eingriff in körperliche Unversehrtheit von Kindern“. Ich fand das nicht schlimm, weil ja gesamtgesellschaftlich die Herdenimmunität für viele Infektionskrankheiten trotzdem besteht. Für mich persönlich war das Impfen immer ein NoBrainer, selbstverständlich tun wir es. Wer das anders sah: Okay, Einzelfall, dachte ich.


Ich machte mir keine Gedanken über eine wachsende Impfgegner*innenschaft - trotz der Berichte über sinkende Impfquoten und größere Masernausbrüchen. Es kam mir ehrlich gesagt – konfliktscheu, wie ich bin – auch entgegen, mit mir nahestehenden Menschen keine ideologischen Grabenkämpfe ausfechten zu müssen. Aber die Pandemie hat meine Haltung geändert. Nicht nur, weil die Herdenimmunität gegen Corona erst noch hergestellt werden muss und die Impfung deswegen wichtig ist. Sondern auch, weil ich die Gründe gegen das Impfen innerhalb der Waldorf-Bubble kennengelernt habe. Und die sind gefährlich.


Grundlagen der Waldorfbewegung sind die Schriften des Esoterikers Rudolf Steiner


Neben dem üblichen Argwohn gegenüber staatlichen Institutionen, denen kaum zu trauen sei, offenbart die pauschale Ablehnung von Impfungen auch einen großen Mangel an Solidarität. Beides, Argwohn und unsolidarisches Verhalten beruhen auf zutiefst individualistischen Ideen, gemischt mit bestimmten religiösen Annahmen über Schicksal, Karma und Wiedergeburt.


Die Grundlagen der Waldorfbewegung sind die Schriften des Esoterikers Rudolf Steiner, der seine gesamte Weltanschauung, die Anthroposophie, vor etwa 120 Jahren als hellseherische Eingebung „empfangen“ haben will, bevor er sie unter die Menschen brachte. Heute gibt es in Deutschland über 250 Waldorfschulen und über 550 Waldorfkindergärten.


Vieles dort ist schön. Das Holzspielzeug, der getaktete Tag, die Feste im Jahreskreis, das vegetarische Bioessen. Nebenbei bemerkt: Vieles dort ist auch teuer, allein der Besuch der Schulen kostet Geld. Viele Menschen, die Waldorfschulen oder -kindergärten besuchen, sind keine Anthroposoph*innen. Sie wollen gute Sachen für ihre Kinder, das bedeutet für sie wenig fernsehen und keine Noten in der Schule. Und sie können sich das Besondere auch leisten. Wer sich aber nicht nur der Waldorfbewegung, sondern auch der Anthroposophie verbunden fühlt - auch das sind nicht wenige Menschen – der will nicht nur Bienenwachskerzen und Wolljäckchen, sondern eben auch keine Impfungen.


Sie behaupten, Impfungen würden den Menschen schwächen


Denn erstens, so die Behauptung, stärkten Impfungen nicht das Immunsystem, indem sie den Körper auf Angriffe von Außen vorbereiten. Es heißt, sie würden den ganzen Menschen schwächen und ihn in seiner Entwicklung zurückhalten, weil sie ihm die Möglichkeit nähmen, eine Krankheit zu durchleiden. Eine körperliche Erkrankung geht dieser Weltanschauung zufolge immer einher mit einem seelischen oder geistigen Entwicklungsschritt. Nehme man die Krankheit weg, etwa durch eine Impfung, oder schwäche man sie ab, zum Beispiel durch Schmerztabletten oder ähnliches, verhindere man so auch eine vermeintliche innere Weiterentwicklung des Menschen und besonders des Kindes.


Um Missverständnisse vorzubeugen: Sicherlich kann man dem kindlichen Immunsystem ab und zu eine Erkältung zutrauen. Erkältungen, Magen-Darm-Infekte, Hautausschläge und so weiter kommen ohnehin. Aber ob aus einem Virenbefall geistige Größe entsteht, möchte ich infrage stellen. Warum sollte ein Kind innerlich reifen, wenn es die Mittelohrentzündung ohne Paracetamol durchgestanden hat?


Vitamin D sei okay, der Rest solle Schicksal bleiben


Ein zweiter Grund, den Menschen mit anthroposophischer Haltung gegen das Impfen anbringen, entspringt ihrer Spiritualität. Sie sagen, das Leben jedes einzelnen Menschen sei vorbestimmt, das Schicksal jeder Person vorgezeichnet, es komme, wie es kommen müsse, Gott habe das schon entschieden und der Mensch solle nicht eingreifen. Puh, ob diese Menschen das noch genauso sehen würden, wenn ihre eigenen Kinder dringend im Krankenhaus behandelt werden müssten? Oder sie selbst, während ihre Kinder um sie bangten? Und überhaupt könnte man doch sagen: Gott – wenn es sie*ihn denn gibt – hat uns Impfungen geschenkt! Lasst uns sie*ihn ehren und sie auch nutzen!


Drittens, und spätestens hier wird es widersprüchlich und eben auch gefährlich, sei jeder Mensch in der Lage, das eigene Immunsystem zu stärken (natürlich, ohne Impfungen!). Wir haben das während der Pandemie oft gehört: Zink und Vitamin C, Vitamin D und ausreichend Schlaf, viel Yoga, Bio-Essen und voilà, Corona wäre gar kein Problem mehr. Impfungen? Seien dann gar nicht mehr notwendig.


Ihr Glaube besteht aus Klassismus, Pseudowissenschaften, Ableismus


Selbst wenn wir diesem pseudomedizinischen Narrativ mehr Glauben schenkten als der Wissenschaft, dann bleibt es zum einen klassistisch – wer kann nur bio kaufen, Yoga machen und trotz Homeschooling, Homeoffice und Existenzangst zehn Stunden pro Nacht ruhig schlafen? – und zum anderen zutiefst ableistisch.


Für Risikogruppen ist eine Herdenimmunität besonders wichtig. Sie haben ein hohes Sterberisiko, sollten sie an Covid erkranken. Die Herdenimmunität schützt sie, falls sie aus bestimmten Gründen nicht geimpft werden können und wenn sie geimpft sind, aber ihre Impfung nicht angeschlagen hat. Je weniger das Virus zirkulieren kann, desto weniger laufen diese Menschen Gefahr, sich zu infizieren – und desto weniger neue Virus-Varianten können entstehen.


Menschen mit Behinderung würden eine „karmische Schuld“ einlösen


Dem Verweis auf Solidarität und Menschenwürde (Artikel 1 unseres Grundgesetzes in Deutschland) weicht ein*e anthroposophische*r Impfgegner*in aus, indem er*sie aufs Schicksal verweist. Es habe entschieden, dass eine an Corona gestorbene Person schon immer an Corona sterben sollte. Und Menschen mit Behinderung würden eine „karmische Schuld“ einlösen durch ihr Leiden und dadurch innerlich reifen. Auch wenn das bedeutet, dass diese Person einen schweren Krankheitsverlauf hat oder sogar stirbt. Das geht gegen die Würde des Menschen und es ist ableistisch.


Und obwohl nicht alle Menschen in Waldorfeinrichtungen Anthroposophen sind, wird eine Impfskepsis dort so offen gelebt, dass ein kritisches Nachfragen und ein Abweichen von der gängigen, sogenannten „medizinkritischen Meinung“ kaum mehr möglich ist. So setzt sich eine vollkommen unbegründete, gefährliche und menschenverachtende Haltung recht unbemerkt in ganzen Institutionen fest und führt dazu, dass weiter Menschenleben gefährdet werden durch Krankheiten, die ein einfacher Pieks mit der Nadel wesentlich weniger virulent machen könnte. Corona hat mir gezeigt, dass sehr wohl Redebedarf besteht. Und trotzdem habe ich weiterhin Angst, mein Umfeld zu konfrontieren. Weil wahrscheinlich keine Diskussion dabei entstehen würde, sondern nur unser Ausschluss.


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