Digitaler Aktivismus: Stecken wir in Echokammern fest?

Ein Kommentar von Bloggerin und Aktivistin Hami Nguyen

Hami Nguyen lächelt in die Kamera. Sie trängt schwarze, offene Haare, dazu ein schwarzes Trägertop.
Autorin Hami Nguyen

„Hey, du umgibst dich ja nur noch mit Menschen, die deine Meinung spiegeln. Du lässt gar keine anderen Standpunkte mehr zu – komm mal raus aus deiner Echokammer!“

Seit geraumer Zeit müssen sich links-feministische Aktivist*innen genau das zum Vorwurf machen lassen - immer wenn sie sich gegen Formen von Diskriminierung stellen. Dabei geht es nicht um Echokammern, sondern vielmehr darum das eigene diskriminierende Verhalten unter dem Deckmantel eines vermeintlichen Meinungspluralismus zu verteidigen.


Überprüfen wir den Vorwurf trotzdem: Der Sammelbegriff „Echokammer“ bedeutet, dass eine Gesellschaft immer weiter in einzelne polarisierende Gruppen aufgeteilt wird, wenn Menschen ihre Informationen nur noch von Gleichgesinnten erhalten. Die befürchteten Konsequenzen sind eine Verengung des Weltbildes, eine Gefährdung der gesellschaftlichen Integration und des gesellschaftlichen Konsenses. (Vgl. Aelst et al. 2017)


Die Echokammer-Theorie ist wissenschaftlich nicht belegt


Das Ergebnis mehrerer Studien zeigt, dass die gern im Diskurs geäußerte Furcht vor einer gesamtgesellschaftlichen Fragmentierung und der damit verbundenen politischen Polarisierung empirisch nicht gestützt wird. Es heißt auch, dass die wachsende Präsenz sozialer Medien nicht unbedingt zu politisch homogenen Gruppen führt, denn nach wie vor informieren sich die meisten Menschen immer noch über klassische Nachrichtenkanälen, wie Zeitungen.

Fakt ist also, dass das Argument der Echokammer nicht wissenschaftlich belegt ist und damit zunächst einmal gar nicht so relevant ist, wie es oft dargestellt wird.

Wie möchte ich aber persönlich damit umgehen und was kann ich dagegen tun nicht nur in Räumen zu bleiben, in denen meine eigenen Ansichten gespiegelt werden?

Im Zuge dessen kommt mir eine weitere Frage auf: Wie kann ich abwägen zwischen dem Verlassen der Echokammer und Accounts zu folgen, die problematische Inhalte teilen, ohne diese mit meinem Follow zugleich zu unterstützen? Denn ein Follow bedeutet auch die Stärkung der Reichweite und Relevanz dieser Profile.


Wie kann ich mich über andere Ansichten informieren?


Möchte ich aus meiner eigenen Echokammer kommen und andere Lebensrealitäten und politische Einstellungen hören, kann ich Bänker*innen, Friseur*innen, Bachelorette-Promis, Beauty-Influencerinnen folgen. Kann ich trans* Personen, Menschen mit Behinderung oder Alleinerziehenden folgen und ihnen zuhören. Es gibt viele Möglichkeiten, die individuell variieren können.


Wir leben bereits in einer diskriminierenden Gesellschaft – das ist doch die eigentliche riesige Echokammer, in der wir uns befinden.

Möchte ich meine Perspektive erweitern kann ich mich auf die Stimmen konzentrieren, die sonst nicht gehört werden. Wir leben bereits in einer diskriminierenden Gesellschaft – das ist doch die eigentliche riesige Echokammer, in der wir uns befinden. Wozu braucht es dann noch mehr Perspektiven, die gesellschaftlich verankerte Diskriminierungen reproduzieren?


Meinungspluralismus bedeutet nicht Diskriminierung zu dulden. Denn Meinungspluralismus, der auf Diskriminierung fußt, ist der Gesellschaft nicht dienlich. Wirklichen Meinungspluralismus haben wir erst, wenn die Perspektiven aller marginalisierten Gruppen gehört werden.


Sehen wir also gerade den Online-Aktivismus als eine Chance, da nirgendwo so viele Menschen mit verschiedenen Hintergründen gesellschaftliche Teilhabe erlangen können und verlassen wir auf diesem Weg unsere Echokammer.


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