Zwischen Sexarbeit und Mutterschaft

Heute ist der International Sex Worker’s Day – ein Tag, der auf die Rechte von Sexarbeiter*innen aufmerksam machen soll. Die Berlinerin Sulema Vásquez (27) ist nicht nur Sexarbeiterin, sondern auch Mutter – warum es ihr wichtig ist, bei der Arbeit ihre Identität als Mutter selbstverständlich mit einzubringen? Lest selbst! Und danach: Sozialarbeiterin M. Özdemir spricht im Interview darüber, wie Sexarbeiter*innen mit Kindern beim Jugendamt diskriminiert werden.



„Meine Tochter war ein Jahr alt als ich beschlossen hatte, Sexarbeiterin zu werden. Ich hatte damals das Gefühl, dass ich mich als Mutter nur noch um mein Kind, aber nicht um mein Sexleben kümmern sollte – als würde alle Welt plötzlich versuchen, das Thema Sexualität von mir abzuschirmen. „Erstmal ist das Kind wichtig“, hieß es oft. „Natürlich“, dachte ich dann immer, „aber ich bin es auch.“ Nach der Schwangerschaft hatte ich viele Probleme mit meinem Körper, auch beim Sex. Ich musste ihn neu kennenlernen, er fühlte sich anders an, sah anders aus und auch meine Identität und damit mein Bewusstsein für mich und meine Wirkung auf andere hatten sich verändert.


Mutter zu sein war nun ein neuer Teil von mir – ja, auch beim Sex. Aber ich hatte den Eindruck, diesen Teil meiner Identität beim Sex verleugnen zu müssen. Es machte für mich keinen Sinn: So viele Menschen bekommen Kinder, aber niemand spricht mit ihnen darüber, was danach mit ihrer Sexualität passiert?!


Es fehlen echte Mütter in erotischen Filmen


Ich suchte in erotischen Filmen nach Rollenvorbildern für mich – vergeblich. In Pornos gibt es nur Stereotype, zum Beispiel die „Milfs“. Viele dieser Darstellerinnen sind keine Mütter. Und sie performen auch nicht so, dass ich mich in ihnen wiederfinden könnte. Sie stellen sich in häuslicher Umgebung dar, näher kommen sie einer Mutter nicht. Daraus entsteht ein verzerrtes Bild von Mutterschaft in Zusammenhang mit Sexualität. Während ich diese Filme sah, fragte ich mich: Was würde ich gerne sehen? Wie kann man Sex und Mutterschaft zusammenbringen? Was ich mir vorstellte, reizte mich – ich bekam Lust, meine Visionen von Mutterschaft und Sexualität selbst umsetzen.


Heute habe ich im Alltag einen sehr straffen Zeitplan – wie die meisten Mütter: Von Montag bis Freitag arbeite ich als Krankenschwester in einer Klinik, nachmittags bin ich mit meiner Tochter zusammen. Castings für erotische Filme – wie zum Beispiel die feministischen Pornos von Erika Lust – mache ich am Wochenende oder nachts oder wenn meine Tochter in der Kita ist und ich gerade frei habe.


Sexarbeiter*innen haben keine Lobby


Die Arbeit als Sexarbeiterin macht mir Spaß. Aber die Arbeitsbedingungen sind aufgrund der Gesetze immer noch prekär. Das ist insbesondere für Eltern problematisch, die wie ich alleinerziehend sind und ein regelmäßiges Einkommen brauchen. Aktuell bekommen Sexarbeiter*innen kein Geld, wenn wir oder unsere Kinder mal zwei Wochen krank sind und nicht arbeiten können. Wir brauchen dahingehend neue Gesetze im Gesundheitswesen.


Auch während der Pandemie hatten Sexarbeiter*innen absolut keine Unterstützung, keine Lobby, die sich für uns stark machen konnte. Es gab Kontaktverbote und andere neue Regelungen, die Sexarbeiter*innen dazu zwangen, ihre Arbeit ins Internet zu verlegen. Ich habe nun einen Only-Fans-Account, mit dem ich Inhalte im Homeoffice erstellen kann.


"Bei mir sieht man Dehnungsstreifen"


Ich arbeite bodypositive, um meine Identität als Mutter während der Arbeit nicht zu verleugnen. Ich bearbeite meine Bilder nicht und lade nur Originale hoch. Bei mir sieht man Dehnungsstreifen und einen unoperierten Körper, der bereits ein Kind geboren hat – nichts gegen Operationen, aber wir müssen auch das andere sehen. Viele Frauen sagen mir, dass ich sie inspiriere und dass es ihnen gut tut, ihre eigenen Körper in meinem wiederzufinden.


Ich bin für Transparenz, auch bei uns zuhause. Mit meiner Tochter rede ich über alle Themen altersgerecht und offen. Zum Beispiel benenne ich die Körperteile bei ihren richtigen Namen – statt „Schnecke“ oder „Pipi“ zu sagen. Ich bin mit meinem Beruf meistens im Reinen und kann ihn sowohl vor meiner Oma rechtfertigen als auch vor meiner Tochter, sollte sie ihn mal in Frage stellen. Sollte sie deswegen irgendwann mal in der Schule oder woanders gemobbt werden, dann würde ich das genauso behandeln wie jedes andere Mobbing.


Sexarbeiterin zu sein bedeutet für mich Freiheit und Recht. Ich komme aus einer sehr konservativen und religiösen Familie, in der meine Sexualität eher unterdrückt wurde. Und trotzdem gibt es noch die gesellschaftliche Perspektive auf meine Arbeit, die mich weiterhin beeinflusst. Zum Beispiel habe ich mich noch keinen Ausweis als Sexarbeiterin beantragt, aus Angst vor dem Jugendamt. Ich bin eine junge, alleinerziehende Person of Colour, die als Sexarbeiterin ihr Geld verdient. Ich fürchte, dass die Mitarbeiter*innen vom Jugendamt ihre Vorurteile auf mich projizieren könnten und daraus Nachteile für meine Familie entstehen könnten."



"Kinder sind keiner Gefährdung ausgesetzt, nur weil ihre Mutter Sexarbeiterin ist"


Werden Mütter, die als Sexarbeiter*innen arbeiten beim Jugendamt benachteiligt? Wir haben mit der Sozialarbeiterin M. Özdemir (29) gesprochen, die bei verschiedenen Jugendämtern in Hamburg und in Niedersachsen gearbeitet hat.



Frau Özdemir, Sie haben mehrmals alleinerziehende Mütter betreut, die als Sexarbeiterinnen gearbeitet haben. Berufe sagen nichts über die Erziehungsfähigkeit von Menschen aus – wird das bei Sexarbeiterinnen anders bewertet?


M. Özdemir: Ich würde sagen, aus Sicht der Gesellschaft sollen Sexarbeiter*innen nicht auch Mütter sein. Viele Menschen sehen das Wohl von Kindern gefährdet, wenn ihre Mütter Sexarbeiter*innen sind. Solche „Fälle“ werden absurd viel gemeldet. Aber weder juristisch noch pädagogisch sind Kinder einer Gefährdung ausgesetzt, nur weil die Mutter Sexarbeiterin ist. Einige Anwält*innen, Mitarbeiter*innen beim Jugendamt oder Kita- oder Schulpersonal sehen das leider oft anders.


Was genau ist meist die Sorge?


M. Özdemir: Die Sorgen entstehen aufgrund der Vorurteile, die viele Menschen unreflektiert auf andere projizieren. Sie melden Mütter beim Jugendamt, weil sie das Kindeswohl gefährdet sehen. Kein Wunder: Sie denken, Sexarbeiterinnen würden – auch als Mütter – „Freier im Haushalt ein- und ausgehen“ lassen und die Kinder wären in logischer Konsequenz während des Geschlechtsverkehrs dabei. Nachbar*innen „identifizieren“ dann jeden Handwerker oder Freund und jede andere männliche Person, die das Haus betritt, als Freier. Oft schließen sich „tratschende“ Nachbar*innen zusammen und treten gemeinsam an das Jugendamt heran. Wir nehmen die Meldungen dann entgegen und bearbeiten sie. Die meldende Person bekommt keine Rückmeldung – Datenschutz.


Ist Ihnen ein Fall besonders in Erinnerung geblieben?


M. Özdemir: Eine Lehrerin hat mal eine Mutter mit Kind im Supermarkt beobachtet und sie bei uns gemeldet, weil sie sich mit einem Mann unterhalten hatte – der laut der Lehrerin daher ein Freier gewesen sein musste. Die Überprüfung ergab, dass das gar nicht stimmen konnte. Auch die Annahme, sie würde die Kinder abends und nachts alleine lassen, war reine Interpretation und Spekulation. Ja, die Arbeitszeiten sind nicht immer von neun bis 17 Uhr, aber wenn die Mutter ihr Kind nicht betreuen konnte, hatte sie sich immer um eine adäquate Betreuung gekümmert, wie andere Mütter eben auch.


Wie werden diese Vorurteile in Sorgerechtstreits behandelt?


M. Özdemir: Ich erinnere mich an einen Sorgerechtstreit, in dem der Vater der Kinder den Beruf der Mutter als Argument für ihre Erziehungsunfähigkeit genutzt hatte. Die Schreiben seines Anwaltes malten ein ekliges Bild über die Mutter, welches sich ausschließlich auf ihren Beruf bezog. Leider ist auch ihre Anwältin nicht gut mit ihren Beruf als Sexarbeiterin umgegangen und hat ihn einfach komplett abgestritten. Die Anwältin dachte ebenfalls, der Beruf als Sexarbeiterin wäre ein Grund, Kinder nicht betreuen zu können. Natürlich kam die Lüge raus und das Gericht bewertete die Mutter als nicht vertrauenswürdig.


Sie sind gegenüber dem Beruf der Sexarbeiterin offen eingestellt. Aber gibt es für Mütter eine Garantie, dass der Beruf beim Jugendamt gleichwertig zu anderen Berufen behandelt wird?


M. Özdemir: Das Jugendamt hat viel Macht und die Gesetze schützen Eltern zu wenig vor Diskriminierung. Wenn meine Kolleg*innen Stellungnahmen für Gerichte oder Schulen schreiben, dann wird dort niemals stehen: „Die Mutter ist eine Sexarbeiterin, daher kann sie keine Kinder betreuen“, aber die eigene Haltung und Weltsicht fließt in die Bewertung mit ein. Wenn also ein*e Kolleg*in der Überzeugung ist, Mutter sein und als Sexarbeiterin zu arbeiten wäre moralisch verwerflich und für die Kinder eine Gefährdung, dann hat er*sie in der Hand, wie diese Mutter dargestellt wird – Bewertungen fallen dann schlechter aus als sie müssten. Wenn ein*e Kollegin also denkt: „Sexarbeiterinnen sind schlechte Menschen, darum auch schlechte Mütter“, dann geht er*sie auf die Suche nach Beweisen, die diese Annahme unterfüttern sollen. Fakt ist also: Wenn ich meine persönliche Bewertung nicht bewusst und reflektierend rausnehme, dann fließt sie in die professionelle Bewertung mit ein. Und dann entstehen Stellungnahmen, die auf den ersten Blick nicht diskriminierend sind. Aber schaut man genauer hin, wird klar, dass die betroffene Person aufgrund des Berufes benachteiligt in institutionelle Prozesse gestartet ist.


Wie ließe sich das verhindern?


M. Özdemir: Meine Kolleg*innen sollten unbedingt sensibel arbeiten. Dazu gehört eine Grundeinstellung gegenüber allen Menschen, die wertschätzend ist, feministisch, antirassistisch, antiableistisch und so weiter. Wenn wir das als Ziel für die Haltung auf Arbeit begreifen, dann kann ein*e Kolleg*in mich leichter hinterfragen und darauf aufmerksam machen, dass ich in einen Fall womöglich verinnerlichte Vorurteile reinbringe, die da nicht hingehören. Das passiert zu selten, weil Jugendämter überlastet sind und keine Zeit haben für Reflektion und Weiterbildung zu politischen Themen.


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