How To: Aufräumen als neurodiverse Person

Jasmin hat für euch "Aufräumen für Faule" getestet und verrät die besten Tipps



Ich bin ein sehr unordentlicher Mensch. Das war ich schon als Kind. Meine ordnungsliebende Mutter hatte sehr damit zu kämpfen. Ich ließ alles, was ich nicht mehr brauchte, achtlos an Ort und Stelle liegen. Versuche meiner Mutter mir den Sinn für Ordnung beizubringen scheiterten kläglich. In meiner Jugend wurde es noch schlimmer, da ich als “authentische Punkerin” Ordnung als Verrat empfand - oder vielleicht war es für mich auch nur eine Erklärung für meine eigene Unordnung. Später in Berlin zog ich so oft um, dass ich nie daran dachte, es mir schön zu machen, geschweige denn Ordnung zu halten.


Erst mit meiner Schwangerschaft begann sich langsam etwas zu ändern: Nach der Geburt meiner Tochter und der Trennung von ihrem Vater wollte ich es uns so schön wie möglich machen. Ich wollte meinen eigenen Wohnstil finden. Als ich in meiner Heimatstadt eine helle Drei-Zimmer-Wohnung für uns anmietete, begann ich, die Einrichtung zu planen. Ich wollte von nun an mehr Ordnung halten, ich wollte eine schöne Wohnung, mich wohl fühlen.


Als ich Ordnung halten wollte fiel mir auf, wie schwer das für mich war


Ich glaube, da ist mir zum ersten Mal so richtig aufgefallen, dass ich nicht immer kann, wie ich will. Dass ich oft nicht die Kraft hatte, etwas gerade Benutztes wieder an seinen Platz zu räumen. Dass ich sehe, dass ich nur mal eben schnell staubsaugen müsste, es aber nicht schaffe, was mich frustriert, wodurch ich noch gelähmter werde. Zu dieser Zeit habe ich nicht verstanden, woran das liegen könnte und ich denke heute, dass es mit einer der Gründe war, mich diagnostizieren zu lassen.


Ich verstand einfach nicht, was falsch lief. Aber ich verstand, dass je mehr ich meine Wohnung einrichtete, wie sie mir gefällt, desto leichter fiel es mir, die Ordnung zumindest regelmäßig wieder herzustellen - wenn ich sie schon nicht halten kann. Also tat ich , was mein Gehirn am besten kann; ich richtete meinen Hyperfokus auf Einrichtung und Dekoration. Als ich während der Pandemie in meine Traumwohnung umzog, verstärkte sich der Drang, meine Wohnung schön einzurichten. Ich hatte das Gefühl, endlich im Erwachsenenleben angekommen zu sein. Und es stimmt: Seit ich die Einrichtung und Dekoration meiner Wohnung und das Konzipieren der einzelnen Räume als Hobby ansehe, fällt es mir leichter, Ordnung zu halten.



Ich empfinde Ruhe und Zufriedenheit, wenn es ordentlich ist


Aber leider verstärkten sich durch den Lockdown und die Einsamkeit auch Depressionen und alte Muster. Ich begann, meine Wohnung zu vernachlässigen. Denn ich habe gelernt, der gute Wille allein reicht nicht, wenn du von Depressionen und einer Störung der “executive function” betroffen bist - das sind geistige Prozesse, die das Verhalten, die Aufmerksamkeit und die Gefühle gezielt steuern. Trotzdem wollte und will ich Verantwortung für mich selbst und meine Lebenssituation übernehmen. Denn auch, wenn ich gerne eine “instagrammable” Wohnung zeige, geht es mir primär darum, mich in meiner Umgebung wohl zu fühlen.


Selbst wenn es nicht so aussehen mag, ich fühle mich am wohlsten, wenn alles seine Ordnung hat und schön angerichtet ist. Nicht (nur) wegen der Wirkung nach außen, sondern wegen der Ruhe und Zufriedenheit , die ich dann empfinde. Also begann ich zu recherchieren, wie ich den Berg besteigen kann, ohne am ersten Schritt zu verzweifeln.


Ich habe mir Unterstützung geholt: “Aufräumen für Faule” von Rachel Hoffmann


Bei meiner Suche nach Unterstützung bin ich auf das Buch “Aufräumen für Faule” von Rachel Hoffmann gestoßen. Der Titel des Buches lässt vermuten, dass das Buch einen anschreit: "Los! Bekomm' deinen faulen Hintern hoch und räum' auf”, aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist einfühlsam geschrieben, berücksichtigt Behinderung, ja sogar psychische und chronische körperliche Krankheiten. Besonders gut haben mir die Mini-Challenges gefallen, wie etwa “Suche dir einen Platz in deiner Wohnung und räume genau 5 Dinge weg”. Okay, los geht's:


Man kommt dann schnell in den Flow und räumt tatsächlich auch die restlichen Dinge weg.


Ein weiterer Tipp: “ Wenn du nicht aus dem Bett/ der Couch hoch kommst, dann suche dir die Stelle, die dir am nächsten ist und stelle einen Timer auf 5 Minuten. Räume dort auf, bis der Timer klingelt und lege dich danach wieder hin”. Als wüsste sie genau, in welcher Lage ich mich gerade befinde!


Die Autorin betont im Buch, dass sie mit umsetzbaren Zielen arbeiten möchte, damit der/die Leser*in sich nicht selbst zum Scheitern verurteilt. Auch der Prozess des “Decluttering” also des Loswerdens von Dingen, die nicht benutzt werden und nur Platz wegnehmen spielt eine große Rolle.


Das Buch endet mit dem Tipp, sich nicht dafür zu schämen, Hilfe zu brauchen und sie sich auch zu holen. Ich nehme die Hilfe meines Partners und meiner Mutter mittlerweile dankend an, denn nein, ich schaffe das nicht immer alleine.


Fazit: einfühlsame Unterstützung, aber aufräumen muss man trotzdem noch


Klar, aufräumen kann das Buch nicht für mich, das muss ich leider immer noch selbst tun. Aber es ist sehr einfühlsam geschrieben und gerade für Menschen, die Probleme damit haben, überhaupt anzufangen, hat es wertvolle Tipps.


Und weil eine Followerin bei mir einmal kommentiert hat, dass sie nur eine größere Wohnung bräuchte, um Ordnung zu halten, noch ein Fazit von mir: Eine größere Wohnung bietet am Ende des Tage nur mehr Platz für mehr Chaos. Ich spreche aus Erfahrung, denn ich habe auch mal so gedacht. Aber ob 56 qm in Berlin oder 120 qm in der Heimat, ordentlicher bin ich mit Größe der Wohnung nicht geworden. Nur mit Änderung meiner Einstellung und Strategien, die für mich funktionieren. Seid nicht so hart zu euch selbst, feiert die kleinen Erfolge, wie zum Beispiel, wenn ihr es schafft, heute die Spülmaschine aus- oder einzuräumen.



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