"Wir müssen das Fühlen üben"

Zum Tag der Emotionalen Achtsamkeit schreibt Yassamin Boussaoud über die Macht der Gefühle

Yassamin Boussaoud steht an einer Wand, sie schaut nach unten, der Wind weh durch ihren Rock
Yassamin Boussaoud, Foto: Privat

Heute ist Tag der emotionalen Achtsamkeit und eigentlich könnte der Zeitpunkt über dieses Thema zu schreiben, nicht ungeeigneter sein. Denn in meinem Leben stehen gerade viele Veränderungen an und in mir herrscht ein großes Gefühlschaos. Vielleicht ist es aber auch genau deshalb der richtige Zeitpunkt darüber zu schreiben. Denn ich habe das Gefühl, dass wir viel zu wenig darüber sprechen, was es bedeutet ein emotionales, fühlendes, emotional-intelligentes Wesen zu sein. Und noch weniger darüber, wie anstrengend das manchmal im Umgang mit anderen Menschen sein kann. Dass wir häufig eben nicht einfach wissen, wie wir mit bestimmten Gefühlen umgehen, die Grenzen unseres Gegenübers und auch unserer eigenen achten. Ich habe in der Schule zwar gelernt, Stilmittel aus einer Glosse herauszusuchen und Parabeln zu zeichnen. Wie ich mit extremen Gefühlen wie Wut, Traurigkeit oder Enttäuschung umgehen kann jedoch nie. Und das betrifft nicht nur mich, sondern unsere gesamte Gesellschaft.


Emotionale Intelligenz, der Umgang mit Emotionen hat keinen außerordentlichen Stellenwert in der deutschen Erziehung und Bildung. Ich arbeite seit über zehn Jahren mit Kindern unter drei Jahren in Kitas und wenn ich eine Sache nennen muss, die für diese Arbeit wesentlich ist, dann auf jeden Fall emotionale Kompetenzen. In meiner Arbeit spielt es eine große Rolle, wie gut ich mit meinen eigenen Emotionen umgehen kann, ob und wie ich sie benennen kann, wie gut ich meine eigenen Bedürfnisse und Grenzen kenne, fordern und aufzeigen kann und vor allem, wie achtsam ich mit den Gefühlen meiner Gegenüber umgehen kann. Tatsächlich nahm dieser Bereich jedoch einen eher geringen Anteil in meinen Ausbildungsplan ein. Nicht, weil er als nicht wichtig genug eingestuft wurde, sondern vielmehr aus einem Selbstverständnis heraus.


Wir fühlen, also sind wir


Wir fühlen, also sind wir. Einige unserer Gefühle erleben wir bereits, ehe ein Bewusstsein für uns selbst oder diese Welt vorhanden ist. Unbehagen, Zufriedenheit, Überraschung. Andere können wir fühlen, ehe wir Namen dafür kennen. Eifersucht, Furcht, Interesse, Ekel, Freude.

Und dann gibt es jene Gefühle, deren Beschaffenheit wir vielleicht auch als erwachsene Personen nicht immer greifen können. Angst, Wut, Traurigkeit, Scham, Liebe. Dass wir all diese Gefühle wahrnehmen können, bedeutet jedoch nicht, dass wir auch wissen, wie wir mit ihnen umgehen können oder sollten – um uns selbst und anderen achtsam zu begegnen.


Manche von uns fühlen laut und stürmisch – wie ein tosender Wasserfall. Andere ganz still, wie ein Sternenhimmel in einer Sommernacht.

Und weil wir bereits fühlen ehe wir auch nur das geringste darüber wissen, nehmen wir es als völlig selbstverständlich wahr, ähnlich wie unsere Atmung. Doch unser Herz ist ein Muskel. Und dieser Muskel kann trainiert werden. So unterschiedlich wir Menschen sind, so unterschiedlich fühlen wir. Manche von uns fühlen laut und stürmisch – wie ein tosender Wasserfall. Andere ganz still, wie ein Sternenhimmel in einer Sommernacht. So manch eine*n überkommen die Gefühle wie eine Welle im tiefblauen Meer. Bei anderen wiederum ziehen sie auf, wie ein Gewitter an einem zu heißen Tag. Es gibt Menschen, die sprühen Funken, wie ein Vulkan. Andere leuchten wie die Sonne. Gefühle können sein wie Regen im Frühling, Tau am Morgen, ein Wirbelsturm am Wüstenrand, Druck in der Tiefe des Ozeans. Und ich glaube, dass alle diese Arten zu fühlen wertvoll sind. Aber ich glaube auch, dass wir zu selten darüber sprechen, dass es eben keine Selbstverständlichkeit ist, dass wir unsere Art zu fühlen kennen und benennen können.

Zwischen dem was ich sagen und dem was ich schreiben kann herrscht eine große Diskrepanz


Ich kann nur schwer über meine eigenen Gefühle sprechen. Was mir jedoch hervorragend gelingt ist, darüber zu schreiben. Und so finden sich in meinem Regal etliche Notizbücher, gefüllt mit Emotionen der letzten Jahre. Gefüllt mit Lyrik über besonders gefühlvolle Momente. Positiv sowie negativ gelesene. Gefüllt mit Worten, die beschreiben sollen, was in mir vorgeht. Und so fällt den Menschen in meinem Umfeld meist sehr schnell auf, dass zwischen dem was ich sagen und dem was ich schreiben kann, eine große Diskrepanz herrscht.

Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, dann ist es durchaus möglich, dass meine Antwort lautet: „Ich fühle mich wie Wackelpudding“ oder „So als würde ich gleich zerspringen“. Meine Empfindung mit nur einem präzisen Wort zu benennen, gelingt mir nur wenn es sich um Müdigkeit oder Hunger handelt. Für alles andere brauche ich viele Worte. Viele beschreibende, oft sehr lyrisch geprägte Worte.



Als Kind eines narzisstischen Elternteils konnte ich es mir nicht leisten intensiv zu fühlen


Dass das so ist, ist nicht überraschend. Denn ich lerne erst seit ein paar Jahren zu fühlen. Als Kind eines narzisstischen Elternteils konnte ich es mir nicht leisten intensiv zu fühlen. Ich packte meine eigenen Gefühle in eine Kiste. Das war eine notwendige Überlebensstrategie. Ich musste stets auf der Hut sein. Und so lernte ich, die Emotionen meines Gegenübers so präzise wie möglich zu lesen und darauf passend zu reagieren. Das ist etwas, was ich bis heute sehr gut kann, weshalb ich in meinem Berufsleben als sehr anpassungsfähig und diesbezüglich unkompliziert gelte.


Problematisch wurde dies aber vor allem dann, wenn ich meine eigenen Gefühle ignoriere und mich nur auf die meiner Gegenüber konzentriere. Denn so eine Kiste an Gefühlen ist nicht unendlich groß und tief und so kam es zu Beginn meines Fühl-Trainings nicht selten vor, dass der Deckel dieser Kiste im ungünstigsten Moment, einfach aufklappte und die Gefühle der letzten Wochen, Monate und Jahre auf mich einprasselten wie Hagelkörner.

Ein paar Jahr Therapie halfen mir dabei, diese Kiste zu leeren und nur noch im Notfall zu verwenden.


Es ist wichtig, das Fühlen zu üben


Aber richtig gut fühlen und darüber sprechen, konnte ich auch dann noch nicht.

Und da kam, so simpel dies nun klingen mag, ein Kinderbuch ins Spiel. Ein Buch über ein kleines buntes Monster, dass Hilfe dabei braucht, sein „Gefühls-Wirrwarr“ zu ordnen. Ich habe dieses Buch als Grundlage verwendet, um mit meinen Kita-Kindern emotionale Kompetenzen zu trainieren und schließlich ein Jahresprojekt daraus gemacht. Mit Bildkarten und kreativen Angeboten und Liedern und Gefühlstabellen. Anfangs fiel mir nicht auf, wie sich dadurch mein eigener Umgang mit meinen Gefühlen änderte. Aber nach und nach bemerkte ich Fortschritte in der Kommunikation mit anderen Menschen und irgendwann fiel auch meinen Freund*innen auf, dass ich meine Emotionen, meine Bedürfnisse und Grenzen greifbarer, nachvollziehbarer kommunizieren konnte. Ende habe ich mindestens genauso viel davon mitgenommen, wie meine Kinder, wenn nicht mehr.

Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, das Fühlen langfristig zu üben. Die Kommunikation darüber langfristig zu üben. Und anzuerkennen, dass es in Ordnung ist, das als ebenso schwierig zu empfinden wie andere Lernprozesse. Fühlen, Gefühle aushalten können ist Arbeit und ich wünschte, ich hätte dies früher gelernt. In meiner Kindheit. Denn von Erwachsenen erwarten wir diesbezüglich leider viel zu oft zu viel. Auch wenn in meinem Fall besondere Umstände meine sozial-emotionale Entwicklung erschwerten, so ist dennoch wie zu Beginn erwähnt unser System nicht darauf ausgelegt, dass wir das Fühlen lernen und üben. Und so gibt es unter uns ganz viele Menschen, die damit jeden Tag zu kämpfen haben: Wenn sie Kritik erfahren, zurückgewiesen werden, stolz sein wollen – sich jedoch nicht trauen, wenn sie Angst vor etwas haben, Abschied nehmen müssen, ihre Privilegien hinterfragen sollten, sich verlieben. Und dass wir bestimmte Gefühle positiv lesen und andere als negativ bewerten, macht die Sache nicht einfacher.


Emotionale Achtsamkeit ist für mich die Anerkennung der Menschlichkeit


Zu lange haben wir angenommen es wäre besonders hilfreich, möglichst rational zu sein und es fand eine klare Trennung zwischen Rationalität und Emotionalität statt. Diese Sichtweise wurde in Deutschland vor allem auch von Immanuel Kant geprägt und diente zudem als Mittel der Unterdrückung nicht-westlicher, nicht-weißer Kulturen, in denen diese willkürliche Trennung nicht stattgefunden hatte. Heute wissen wir zum Glück, dass diese Trennung dem menschlichen Wesen widerspricht.


Doch so ganz angekommen ist dies auch heute noch nicht bei allen Menschen. Vor allem nicht in Wirtschaft und Politik. Die Initiative für den Tag der emotionalen Achtsamkeit erklärt: „Emotionale Achtsamkeit ist ein urteilsfreies, absichtsloses Fühlen von Emotionen und körperlichen Wahrnehmungen.“ Für mich ist es die Anerkennung der Menschlichkeit. Die Anerkennung unserer Existenz. Denn so richtig bin ich erst, seit ich das Fühlen lerne.

Und in dieser Anerkennung verbirgt sich enormes Potenzial. Für jeden einzelnen Menschen, jedes Individuum und die gesamte Gesellschaft. Transformationspotenzial für wichtige Lern-und Aufarbeitungsprozesse.


Einander radikal sanft, radikal achtsam begegnen


Wie weit wir vielleicht an einigen Stellen bereits sein könnten, hätten wir gelernt Gefühle auszuhalten, achtsam zu fühlen, Bedürfnisse und Grenzen zu nenne und zu achten. Wie viel Veränderung wäre möglich. Ich glaube, dass dazu ein kollektiver Heilungsprozess nötig ist und dass Machtstrukturen diesen Heilungsprozess aktiv verhindern. Dass es so gewollt ist, dass wir das Fühlen nicht lernen. Dass es so gewollt ist, dass Gefühle häufig mit Scham verbunden sind. Ein kollektiver Heilungsprozess bedarf sicherlich im ersten Schritt der radikal intersektionalen Aufarbeitung von Diskriminierungsformen. Denn diese verletzen. Machtstrukturen verletzen.


Kollektive Heilung kann also heißen, dass Menschen mit sehr vielen Privilegien ihr Potenzial der (Mit)Täter*innenschaft anerkennen. Es kann bedeuten, dass wir innerhalb unserer Communities durch Empowerment heilen. Es kann von kleinen Gesten der gegenseitigen Fürsorge bis hin zum kollektiven Aktivismus reichen. Von individuellen Verletzungen bis hin zur Anerkennung und Aufarbeitung transgenerationaler Traumata. Heilungsprozesse sind vielleicht ebenso vielseitig, wie das Fühlen selbst.

Und so endet dieser Text nun mit meiner Art der Gefühlsarbeit. Mit einem Appell an mich selbst und an dich, di*er du dies gerade liest. Vielleicht können wir diesen Tag nutzen, um einen Schritt in Richtung radikaler Emotionalität zu gehen. Für uns selbst. Und für eine Zukunft, in der wir unsere Herzen trainieren. Für eine Zukunft in der wir fühlen. In der wir heilen. In der wir einander radikal sanft, radikal achtsam begegnen.


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