• Jasmin Dickerson

Eine notwendige Auszeit

Co-Gründerin Jasmin hat lange dafür gekämpft, gehört zu werden. Jetzt könnte sie laut sein, doch plötzlich fehlt jede Kraft

Ich lebe seit 20 Jahren mit Depressionen. Eigentlich fingen die düsteren Gefühle schon früher, in meiner Kindheit an. Aber da konnte ich sie meist noch zurück drängen. Doch auch damals schon , mit 6 Jahren war ich das erste Mal in psychologischer Behandlung wegen meiner Ängste und weil meine Mutter nicht weiter wusste, denn außer mit einer „Hochbegabung“ wurde ich mit nichts diagnostiziert.


Als ich 15 Jahre alt war hat mich die Depression zum ersten Mal übermannt. Ich lag wochenlang im Bett, ich verlor die Freude an allem was mir mal Spaß gemacht hatte und taumelte zwischen Angst und Taubheit. Als ich 17 Jahre alt war, wurden die Panikattacken so schlimm, dass ich zum Psychiater musste, der mir nicht nur ein Notfallmedikament für zwei Wochen verschrieb, sondern mich auch gleich in eine psychosomatische Kur schickte. Ich blieb 10 Wochen dort.


Danach holte ich meinen Hauptschulabschluss nach, denn in die Schule gehen war die letzten Jahre kaum möglich gewesen. Mit Anfang 20 war ich nach einigen Rückschlägen für zwei Wochen auf der offenen psychiatrischen Station im Urban Krankenhaus in Berlin Kreuzberg.


Jetzt mit 35 bin ich Mutter, Gründerin, Bloggerin und habe zusätzlich einen Beruf in der Öffentlichkeitsarbeit einer Beratungsstelle für Menschen, die diskriminiert werden. Ich habe die Trennung vom Vater meiner Tochter und ihre Behinderung bzw. die Hürden, die damit kommen innerhalb von kürzester Zeit verarbeiten und nebenbei umziehen müssen, weg aus einer Stadt, in der ich 14 Jahre lang gelebt hatte. Ich bin in vieles einfach so hinein gestolpert. Und deshalb fühle ich mich oft, wie eine Hochstaplerin. An meinem Lebenslauf ist nichts geradlinig, nichts konventionell und um ehrlich zu sein, ich bin erschöpft.


Ich habe so lange dafür gekämpft, eine Stimme zu haben, gehört, gesehen und ernst genommen zu werden. Jetzt, wo ich erreicht habe, was ich mir seit meiner Kindheit wünsche, ist meine Stimme weg. Ich bin müde und ich fühle mich wertlos und ich fühle mich leer. Die Anzeichen waren bereits Ende letzten Jahres da. Ich war ständig müde, leicht reizbar, reagiere auf Kritik unangemessen emotional und ziehe mich zurück, vor den Leuten, die ich am meisten liebe und die mich am meisten lieben. Am schlimmsten daran ist, dass es sich trotzdem so anfühlt, als wären sie es, die mich verlassen.


Die tausenden Fragebögen die ich zu Beginn einer Therapie ausfüllen und abschicken muss habe ich seit 6 Monaten liegen lassen, denn da begann meine Beziehung. Und für einen kurzen Moment dachte ich, dass alles gut werden würde und die Therapie nicht so wichtig. Als ich merkte, dass das nicht stimmt, habe ich gemacht, was ich immer mache, wenn alles zu viel wird: ich habe den Kopf in den Sand gesteckt. Gestern habe ich mit meinen Freundinnen gesprochen, sie haben mich bestärkt und am Abend haben mein Freund und ich ein wichtiges Gespräch geführt, die Fragebögen zusammen gesucht und heute Morgen hat er sie mitgenommen um sie einzuwerfen. Es geht mir nicht besser, aber ich gehe den ersten Schritt. Damit ich bald wieder da sein kann. Weil ich das will. Ich will hier sein. Noch lange.