Wir haben keine Zeit für Inklusion und Diversität

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag nicht schreiben - Eszter sollte. Aber ihr fehlt die Zeit.

Es ist elf Uhr, ich habe genau eine Stunde Zeit, um diesen Text zu schreiben. Danach steht Mittagessen auf dem Plan und dann andere Projekte bis 16 Uhr. Um 17 Uhr geht mein Kurs im Fitnessstudio los, den ich für meine mentale und körperliche Gesundheit heute unbedingt besuchen will, denn ab morgen ist mein Kind wieder drei Tage bei mir - Mama-Zeit - und leider gibt es in meinem Studio keine Kinderbetreuung. Um 19 Uhr gibt es Abendbrot, danach versorge ich meine Katzen und falle ins Bett - mit einer Freundin am Telefon, einem Hörbuch auf dem Ohr oder irgendeinem Videosteaming-Anbieter auf dem Laptop. Ich brauche acht Stunden Schlaf, um morgens gut aus dem Bett zu kommen. Meine Tage sind zeitlich begrenzt, genau wie die anderer Menschen: Wir alle haben 24 Stunden, also alles fair oder? Nein. Denn während ich Zeit habe, um diesen Text zu schreiben, pflegen andere Mütter ihre kranken Kinder - und bleiben still. Zeit ist politisch.


Es ist 11:12 Uhr.

Ich wollte diesen Text nie schreiben. Ich hätte mir gewünscht, dass Eszter ihn schreibt, weil sie stärker betroffen ist von der fehlenden Zeit, um dieses Mag mit Texten zu füllen. Sie ist pflegende Mutter von drei behinderten Kindern - das ist kein Geheimnis und steht auch auf unserer Über-Uns-Seite. Dass in Politik und Gesellschaft Stimmen wie die von Eszter zu hören sind und mit ihnen Forderungen für ein besseres Leben, ist wichtig - insbesondere, wenn wir Gerechtigkeit wollen. Denn was pflegende Eltern er- oder besser gesagt überleben, sind Tage voller Therapie- und Diagnose-Termine, voller Anträge schreiben, Telefonaten mit Behörden und voll vom mal mehr und mal weniger geduldigen, aber vor allem einsamen Begleiten von Kindern, die so viel intensiver begleitet werden müssen als gesunde und mit der Zeit selbständiger werdende Kinder. Pflegende Eltern wie Eszter sind leider nicht laut, denn sie haben keine Zeit dafür. Sie müssen all ihre Zeit hergeben, damit ihre Kinder (gut) leben können. Das liegt nicht zuletzt auch an einem umständlichen bürokratischen System und fehlender Inklusion in Kitas und Schulen.


Es ist 11:23 Uhr.

Laut Artikel 24 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) hat jeder Mensch ein Recht auf Freizeit:

«Jeder Mensch hat Anspruch auf Erholung und Freizeit sowie auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und auf periodischen, bezahlten Urlaub.»

Dieses Recht ist der Gewerkschaftsbewegung zu verdanken. Nur leider wird Care-Arbeit immer noch nicht als Arbeit anerkannt, sonst hätten auch Mütter bzw. pflegende Eltern ein Recht auf Freizeit und wir müssten uns als Gesellschaft noch mehr Gedanken darüber machen, wie wir das Kümmern und Pflegen organisieren sollten. Kinder- und Pflegegeld helfen nicht dabei, Zeit für Erholung freizuschaufeln - Eltern geben das Geld für Essen, Pflegemittel, Kleidung, Spielsachen usw aus. Es ist Geld, dass die Lebensqualität des (zu pflegenden) Kindes hebt - aber nicht die Zeit der (pflegenden) Eltern.


Es ist 11:30 Uhr.

Pflegende Mütter wollen nicht nur Freizeit, manche wollen vor allem gesellschaftliche Teilhabe in Form von Lohnarbeit. In Artikel 23 der AEMR steht, dass alle ein Recht auf Arbeit haben. Aber pflegende Eltern können dieses Recht nicht wahrnehmen, weil sie keine Zeit haben - sie pflegen. Wie könnten sie das einklagen? Im Gesundheitswesen fehlt es an unterstützenden Strukturen, Familien werden sich selbst im Privaten überlassen. Die stationäre Pflege der Kinder ist für viele nicht zumutbar. Sie wollen - wie so viele andere Familien - selbstverständlich zusammen wohnen und lohnarbeiten.


Es ist 11:42 Uhr.

Ich hatte die Vision von einem inklusiven Online-Magazin und davon, dass hier zwei pflegende Mütter regelmäßig schreiben. Aber das Problem ist die fehlende Zeit und dass ich ihnen keine Zeit in Form von Assistent*innen und Pflegekräften kaufen kann - mir fehlt das Geld. Sie müssten gesellschaftlich und politisch gehört werden, sie hätten ein Recht auf Frei- und Arbeitszeit, aber in diesen privaten Strukturen der Familie wird beides nicht gemessen. Und als Magazin, das komplett von marginalisierten Menschen betrieben wird, fehlen uns als Team die Ressourcen, diesen Missstand selbst zu bewältigen.


Es ist 11:55 Uhr.

Ich habe nicht mehr Zeit für diesen Artikel - ich muss jetzt lohnarbeiten. Dieses Magazin ist ein Herzensprojekt, das noch zu wenig Geld abwirft. Und es wirft zu wenig Geld ab, weil wir als marginalisierte Gründerinnen zu wenig Zeit haben, um uns qualitativ darum zu kümmern - kein Wunder, dass marginalisierte Personen kaum gründen, die Klimabewegung vor allem weiß und akademisch ist und Reiche immer reicher werden. Zeit ist eine Ressource und ein Privileg. Als Mutter verdiene ich kein Geld daran, mein Kind liebevoll ins Leben zu begleiten. Ich nehme mir sehr viel Zeit für jedes seiner Gefühle - ich bin geduldig. Ich verschenke meine Zeit, weil Carearbeit nicht anerkannt wird. Das Kinderkriegen und die qualitative Erziehung sind Dinge, die man sich privat leisten können muss, wenn man eigentlich auch Karriere machen will.


Es ist 11:57 Uhr.

Am besten lebt, wer die eigene Zeit und möglichst noch die Zeit anderer in sich selbst investiert. Darum kaufen Unternehmer*innen zusätzlich die Zeit anderer ein - in Form von Lohnarbeit. Wir leben in einer Zeit, in der die meisten von uns sowohl vom Arbeiten arm werden als auch vom Kümmern. Wir schaffen diese Umwälzung nicht, bei der sich plötzlich die eigene Zeit vermehrt. Dafür braucht es Ressourcen zum Investieren, aber marginalisierte Menschen haben oft keine. Und vor allem schließt die Logik dieses Systems Gerechtigkeit kategorisch aus. Es funktioniert nur mit Verlierer*innen.


Wir man ohne nennenswertes Kapital - wie es größere Unternehmen durchaus haben - ein strukturell gerechtes Magazin in einer strukturell ungerechten Welt aufbaut? Wir wünschten, es gäbe eine Antwort darauf.


Es ist 12:00 Uhr.

Ich schicke den Text an Eszter. Sie hat erst später Zeit zum Lesen - sie pflegt.


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