Darum spreche ich mit meinem Kind über meine Suizid-Gedanken

Leena May Peters lebt mit Depressionen, kürzlich fragte ihr Kind: Wolltest du schon mal sterben?

Leena May Peters hat rote, kurze Haare und eine Brille. Sie steht neben einem Baum und schaut lächeln in die Kamera.
Leena May Peters, Credit: Luis Nelsen

„Mama, nimmst Du Drogen?“ Meine Tochter stellt immer gerade dann die interessantesten Fragen, wenn ich zur Schlafenszeit das Licht ausmachen will. Ich wiederum verabscheue ausweichende Erwiderungen und möchte dem Kind gute, zufriedenstellende Antworten geben. Also setzte ich mich auf die Bettkante und referierte zunächst über die allgemeine Definition von Drogen und zu welchem Zwecke die Menschen Drogen nehmen. Ich selbst trinke Kaffee und Tee, Alkohol trinke ich nur selten – aber seit inzwischen zwei Jahren nehme ich CBD Öl. Wie sich herausstellte, war dies der Anlass für die besorgte Frage meiner Tochter, also erklärte ich ihr die medizinische Bedeutung von Drogen und meine Gründe, warum ich diese „Droge“ nehme.


Mir bleibt gar nichts anderes übrig als ehrlich mit meinen Kindern zu sein. Der Satz „Mama ist traurig“ ist in den vergangenen sieben Jahren eine Konstante im Leben meiner Kinder geworden. Ich habe seit meiner Pubertät depressive Episoden; in meiner ersten Therapie mit 23 erhielt ich die Diagnose „Anpassungsstörung“ – das ist eine normale Reaktion auf belastende Ereignisse, die zum Leben gehören, in meinem Fall jedoch zu depressiven Verstimmungen führen. Nach drei Therapien innerhalb von 20 Jahren habe ich mich mit der Anpassungsstörung, die inzwischen wohl eher als eine Dysthymie oder atypische Depression gelten kann, als Teil meiner Persönlichkeit arrangiert; insbesondere da sie inzwischen chronisch verschlechtert ist, seit ich 2014 meine letzte Festanstellung verlor. Als hormonelles Sahnehäubchen auf dem Depressionskuchen kam in den letzten Jahren das Prämenstruelle Dysphorische Syndrom (PMDS) hinzu, welches für zyklusgebundene Krisen sorgt.


Sollte ich mit meinem Kind über meine Suizidgedanken sprechen?


Ich erklärte meiner Tochter also, dass es mir hilft, meine Anpassungsstörung als Krankheit mit behandelbaren Symptomen zu akzeptieren. Und ich denke, dass bestimmte Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel mir helfen, für eine chemische Balance zu sorgen, die mein Gehirn nicht von sich aus erreichen kann. Zur Behandlung meiner Symptome gehört zudem Selbstfürsorge: möglichst ausreichend schlafen, meine Aufgaben in kleine, zu bewältigende Schritte einteilen, bei der Screentime der Kinder auch mal alle Fünfe gerade sein zu lassen und mir immer wieder Zeiträume zu schaffen, in denen ich einfach nur sein kann.


„Mama, wolltest du schon mal nicht mehr leben?“

Mein Kind war fasziniert von dem Gedanken, dass Gefühle mit der Chemie des Körpers zusammenhängen, und wollte wissen, wie genau es sich anfühlt, depressiv zu sein. Also erklärte ich ihr, dass ich diese Stimme im Kopf habe – die die Krankheit ist –, die mir etwa sagt, dass ich als Berufstätige, als Mutter und als Mensch versage, dass es sich niemals bessern wird und nichts, was ich tue, eine Veränderung bringt. Ich vermied es bewusst, davon zu sprechen, dass ich mir auch manchmal wünsche ‚aufzuhören‘, um das Kind nicht zu erschrecken. Sie ist jedoch gründlich und fragte mich geradeheraus: „Mama, wolltest du schon mal nicht mehr leben?“ Ich zögerte mit meiner Antwort, weil ich mir selbst erst eine andere Frage schnell beantworten musste: Ist es verantwortungsvoll mit einem Kind über Suizidgedanken zu sprechen?


Ich schämte mich für meine Suizidgedanken


Die meisten Mütter kommen mit solchen Entscheidungen niemals in Berührung, weil es keine Notwendigkeit dafür gibt. Aber ich hatte schon in meiner Pubertät den Gedanken, nicht mehr leben zu wollen - und das erschreckte mich zutiefst. Ich glaubte damals, ich sei unmittelbar gefährdet, tatsächlich Suizid zu begehen. Denn der Gedanke daran und die Tat waren in meiner Vorstellung eins – ich hatte keinerlei Kenntnis davon, wie groß der Unterschied zwischen diesem häufigen Symptom einer psychischen Erkrankung und einem wirklichen zur Tat schreiten ist. Ich wusste nur, dass Menschen, die tatsächlich Suizid begangen hatten, vorher vielleicht oder vielleicht auch nicht davon gesprochen oder daran gedacht hatten, nicht mehr leben zu wollen. Aber von den vielen Menschen, die mit Suizidgedanken leben und diese überleben, von den vielen Schritten, die zwischen diesem Symptom und dem katastrophalen Ausgang einer Depression liegen, wusste ich nichts.


Diese Wissenslücke füllte ich selbst im Laufe der vergangenen dreißig Jahre, übrigens lange Zeit mit einer weiteren belastenden Scham: Dass ich nicht darüber sprechen könnte, weil es ein viel zu alarmierendes Zeichen wäre. Denn ich wünschte vielleicht in der Krise, nicht mehr leben zu müssen, hatte aber durchaus niemals Pläne, mir das Leben zu nehmen. Ich dachte, dass ich eine Hochstaplerin wäre, weil ich diesen Wunsch verspürte, aber nicht wirklich gefährdet war. Oder dass ich vielleicht einfach nur zu schwach wäre, den Gedanken Taten folgen zu lassen. Oft trugen diese Fragen zu meinem Selbsthass und damit zur Verschlechterung meines Zustandes bei.


Schweigen kann tödlich enden


Würde ich mein unbeschwertes Kindes unnötig belasten, wenn ich mit ihm über meine Suizidgedanken spreche? Oder ist das Problem vor allem unser gesellschaftlicher Umgang mit Suizidgedanken? In den Medien etwa werden diese Gedanken als Symptom von Depressionen nur dann thematisiert, wenn sie im Zusammenhang stehen mit dem tatsächlichen Akt des Suizids – wenn Depression also zu einer nachrichtenwürdigen Katastrophe geführt hat. Der eher ‚uninteressante‘ Alltag mit Depressionen, der aus Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und eben auch Suizidgedanken ohne tatsächliche Ausführung besteht, bleibt unsichtbar. Der Umgang und das Leben mit Suizidgedanken bleiben unsichtbar. Dabei würde ein Raum für ebendiese Themen vielen Menschen doch helfen - denn sie sind nicht allein!


Leena May Peters sitzt und guckt in die Kamera, ihr Kind versteckt sich in ihrem Pullover. Seine Beinchen gucken unten raus.
Leena May Peters mit ihrem 7-jährigen Kind

Die meisten Eltern können meine Gedanken nachvollziehen, wenn die Kinder Fragen zur Sexualität stellen – ein Thema, das ebenfalls noch mit einem Tabu belegt ist. Hier gilt jedoch bereits als allgemeine Richtlinie, den Kindern die korrekten Namen ihrer Genitalien beizubringen, um das Gespräch darüber von Scham zu befreien. So kann Missbrauch nicht hinter beschämtem Schweigen verborgen werden, und auch für Jugendliche wird diese Enttabuisierung von Vorteil sein. Denn wenn wir über unsere Körper und ihre Funktionen informiert sind und schamfrei darüber sprechen können, sind wir folglich auch in der Lage, über Veränderung zu sprechen und dabei Gesundes von Ungesundem zu unterscheiden. Krankheitswertige Symptome können dann behandelt werden, bevor sie sich zu Katastrophen entwickeln.


Drüber reden, aber kindgerecht


Meine Aufgabe als verantwortungsvolle Mutter ist es daher, die Dinge beim Namen zu nennen, aber die Antwort so zu formulieren, dass ihre heranwachsenden Gemüter damit umgehen können. Ich sagte in unserem Gespräch also: „Ja, das ist ein Gedanke, der manchmal dazu gehört.“ Das war keine einfache Antwort, weder für mich noch für mein Kind. Aber liebevolle Ehrlichkeit ist eines der wenigen Dinge, die ich mir schon vor der Elternschaft vorgenommen und dann auch tatsächlich umgesetzt habe. Ich betrachte diese Aufrichtigkeit als Grundlage für ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Und ich habe die Erfahrung gemacht, wenn Kinder eine Frage stellen, dann können sie mit einer Antwort umgehen.


Ganz praktisch konnte ich meinem Kind nach dem ersten Schock erklären, dass auch die Suizidgedanken Symptome meiner Erkrankung sind, die mich veranlassen sollten, mich um meine psychische Gesundheit zu kümmern. Wenn ich den Vergleich zwischen Sexualerziehung und psychischer Gesundheitserziehung hier zu Tode reiten darf: Suizidgedanken sind der übelriechende Ausfluss eines depressiven Gehirns. Wenn wir aufgrund von Scham darüber nicht sprechen können, hält uns das davon ab, Hilfe zu suchen, und dies kann im schlimmsten Falle tödlich enden.


Ich gebe ihr mein emotionales Handwerkszeug


Meine Mutter litt damals unter der Sprachlosigkeit, die mit ihren Symptomen kam. Auch sie dachte als Jugendliche daran, nicht mehr leben zu wollen. Hätte sie gewusst, dass ihr Vater auch in seiner psychischen Gesundheit beeinträchtigt war, hätte sie anders damit umgehen können; hätte ich dies von ihr gewusst, wäre mein Weg mit meiner psychischen Erkrankung weniger einsam und beängstigend gewesen. Natürlich war es keine Böswilligkeit, die verhinderte, dass mein Großvater sich offenbarte, oder dass meine Mutter ihre Erfahrungen mit mir teilte: Es war das Tabu, das zum Schweigen über die Depression in der Familie führte.


Dieses Schweigen habe ich im Gespräch mit meiner Tochter gebrochen – nicht nur, damit sie versteht, was in mir vorgeht, damit sie weiß, dass meine Traurigkeit und Erschöpfung behandelbare Symptome einer Erkrankung sind. Ich machte ihr klar, dass diese Gedanken, die sie erschrecken, zunächst nicht mehr als das sind: Gedanken, die mit der Krise auftauchen und vorübergehen. Ich habe das Schweigen zwischen uns auch gebrochen, damit sie später im Fall des Falles weiß, dass und wie sie über ihre psychische Gesundheit sprechen kann. Ich habe ihr das emotionale Handwerkszeug, das ich mir erarbeitet habe, weitergegeben, weil ich glaube, dass das Tabu und das Schweigen größeren Schaden anrichtet als meine Aufrichtigkeit.


Ich will meinen Kindern vorleben, dass diese Krisen zu bewältigen sind


An diesem Abend, an dem meine Tochter mich fragte, ob ich Drogen nehme, beendete ich das Gespräch erst, nachdem ich alle ihre Fragen beantwortet hatte, und als ich das Licht ausmachte, war sie ruhig und zufrieden. In den Tagen danach kam ich noch mehrfach auf das Thema zurück und betonte immer wieder, dass sie keine akute Angst um mich haben muss. Später blieb davon auch tatsächlich nur eine gewisse Achtsamkeit für meine Stimmung übrig. Wenn ich ‚traurig‘ bin, kommt sie und reicht mir die Hand oder umarmt mich und ich nehme diese Gesten dankbar an, ohne sie zu erwarten. Ich hoffe, sie wird mir erlauben, diesen Trost zurückzugeben, wenn sie jemals ihre eigene Erfahrung mit Depression machen sollte.


Inzwischen liegt dieser Abend mehr als zwei Jahre zurück, und die Pandemie hat im vergangenen Jahr auch meine Depression verschlimmert – das Wissen darum hat unser Leben als Familie jedoch leichter gemacht. Ich sehe, dass ich damals weniger eine Belastung geschaffen als vielmehr ein offenes Gespräch über unsere seelische Gesundheit begonnen habe. Ich ringe noch immer – insbesondere zu Zeiten von Corona – tage- und wochenlang mit depressiven Episoden, ich nehme weiter Nahrungsergänzungmittel und glaube, dass es mich wenigstens ein bisschen stabilisiert. Der Todessehnsucht erwehre ich mich noch immer mit dem entscheidenden Widerspruch: Ich muss meinen Kindern vorleben, dass diese Krisen zu bewältigen sind, dass Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und auch Suizidgedanken vorübergehen. Dass Suizid kein ‚Ausweg‘ ist und vor allem, dass ich immer für sie da sein werde.


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