• Anne Dittmann

Über die Unwichtigkeit leiblicher Mütter und warum Kita-Betreuung okay ist

Bedürfnisorientiert zu erziehen heißt für viele Eltern: Die mütterliche Bindung ist am wichtigsten, "Fremdbetreuung" ist schädlich. Aber das ist falsch.





Ich war noch nicht mal schwanger als L's Papa und ich auf einer Party die Betreuung unseres noch ungezeugten Kindes verhandelten. Für mich war klar, dass ich kein volles Jahr Elternzeit nehmen wollte. Sechs Monate er, sechs Monate ich – so lautete das Angebot. Wir besiegelten den Deal mit einem Handschlag. Und tatsächlich lief es so ähnlich dann auch ab: L war gerade fünf Monate alt als ich die Möglichkeit bekam, zwei bis drei Tage pro Woche als Online-Redakteurin einer Tageszeitung zu arbeiten. Seitdem wechselten sein Papa und ich uns mit der Betreuung ab, bis L mit einem Jahr und vier Monaten in die Kita eingewöhnt wurde.


Wenn ich jetzt behaupten würde, dass ich niemals ein schlechtes Gewissen gehabt hätte, weil ich mein Kind in die Kita gebe, wäre das eine knallharte Lüge. Die Idee, dass es meinem Kind in der Kita nicht so gut gehen könnte wie mit mir zuhause und dadurch seine mentale Gesundheit leiden könnte, fraß sich ausgiebig durch meinen Kopf.


Obgleich ich meine Zeit auf Arbeit – auch wegen des ungestörten Kaffeekonsums – genoss, ich wollte nicht, dass die Freiheiten, die ich mir zugestand, auf Kosten meines Kindes gehen. Ich wollte keine egoistische, keine schlechte Mutter sein. Aber meine Informationen damals um Attachment Parenting ließen keinen anderen Schluss zu als: Fremdbetreuung ist niemals so gut wie die Betreuung zuhause. Und unter drei Jahren kann sie Kinder verstören. Really?! Ja, es ist ein Thema, das viele Eltern umtreibt. Meine Mütter-Community auf Instagram hat letztens die Frage aufgeworfen: Warum ist die Fremdbetreuung unter bedürfnisorientierten Eltern so schlecht angesehen?


Dafür gibt es sicher mehrere Gründe. Und einer davon könnte in der Geschichte der „guten Mutter“ zu finden sein – die andere in einer missverstandenen Bindungstheorie.


Geschichtsstunde: Warum wir glauben, dass Mütter die wichtigsten Bezugspersonen für Kinder sind


Zur Geschichte der Mutterschaft finde ich das Buch „Wie viel Mutter braucht der Mensch?“ von der Sozialpsychologin und Feministin Herrad Schenk sehr aufschlussreich. Obwohl ihre darin beschriebenen Analysen bereits 1996 veröffentlicht wurden, ist das romantisierte Konzept der deutschen Mutter im Jahr 2020 mindestens ebenso aktuell wie vor 24 Jahren:


Aufopfernd, liebevoll, geduldig, zufrieden und die ganze Zeit an der Seite des Kindes – so hat eine gute Mutter zu sein. Vor dreißig Jahren genauso wie heute.


Schenk zeigt, dass das Mutterideal unserer Gesellschaft überraschend jung ist und Frauen bis vor ein paar Jahrhunderten ihren Kindern keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt haben. Kinder liefen nebenbei und die Sterblichkeitsrate war hoch.


Erst im 18. Jahrhundert begannen bürgerliche Frauen mit der Mutterrolle ihren gesellschaftlichen Status aufzuwerten und ein Stück familiäre Macht zu erlangen. Sie schickten ihre Kinder nicht mehr für Jahre zu Ammen aufs Land, sondern profilierten sich mit ihrer eigenen qualitativen Erziehungsleistung. Pädagogische Ratgeber kamen auf und in Gedichten wurde die Mutterliebe romantisiert.


Wenig später im Nationalsozialismus hieß es, Frauen seien einzig dazu bestimmt, Mutter zu werden. Für ihren reproduktiven Fleiß erhielten sie offizielle Ehrungen. Später setzte auch die Psychoanalyse den Glauben durch, dass ein Kind vor allem seine Mutter bräuchte – denn von der ständigen Fürsorge und der Aufopferungsbereitschaft der Mutter hinge das Seelenheil des Kindes ab. Ganz davon abgesehen, dass sich die Kindererziehung und Frühförderung mit dem Kapitalismus zum Großprojekt entwickelt hat.


Dabei wollten nicht alle Mütter immer auch Vollzeitmütter sein. „Wozu bekommt man dann ein Kind?“, wird dann vorwurfsvoll gefragt – denn mit der Pille kam die Wahl und bewusste Entscheidung für oder gegen Nachwuchs. Und mit dieser Wahl kamen laut Schenk die Schuldgefühle, von denen jede Mutter ein Lied singen kann.


Ursprünglich same same: väterliches und mütterliches Verhalten


Wie schwer unsere Sozialisierung in Bezug auf elterliche Rollen wiegt, wird deutlich, wenn man sich die zahlreichen Studien von Entwicklungspsychologen zu väterlichem Verhalten bei Neugeborenen anschaut: Es unterscheidet sich nämlich nicht von mütterlichem Verhalten. Männer und Frauen greifen bei der Kontaktaufnahme mit Babies gleichermaßen auf angeborene Reaktionsmuster zurück – egal, ob sie die leiblichen Eltern sind oder nicht.


„Tatsächlich ist es so, dass Erwachsene ihre Fähigkeit zu „mütterlichem“ Verhalten nur genau in dem Maße entfalten, wie es erforderlich ist." - Herrad Schenk in "Wie viel Mutter braucht der Mensch?"

Auch interessant: Bei gleicher Zuwendung können Babies zu einer nicht-verwandten Person eine genauso gute Beziehung aufbauen wie zur eigenen Mutter. Bleibt die Frage: Warum übernehmen Väter im Alltag so selten die Care-Arbeit und wenn doch, warum erledigen sie diese in den Augen vieler Mütter nicht zufriedenstellend? Schenk schreibt hierzu: „Tatsächlich ist es so, dass Erwachsene ihre Fähigkeit zu „mütterlichem“ Verhalten nur genau in dem Maße entfalten, wie es erforderlich ist. Wird dieses Verhalten nicht abgerufen, weil immer andere Personen anwesend sind, die sich zuständig fühlen, dann bildet sich bei ebendiesen Erwachsenen[...] keine große soziale Kompetenz heraus.“#Gatekeeping Allerdings: Dies gilt für Männer und Frauen.


Aber dadurch, dass unsere Gesellschaft bei Müttern von einer natürlichen Kompetenz ausgeht, übernehmen sie früher die Verantwortung und werden im Umgang mit ihren Kindern auch tatsächlich geübter. Vor allem: Umgang schafft nicht nur Kompetenz, sondern auch Beziehung. Väter landen häufig im Abseits und gerade bei frühen Trennungen erklärt der Umgang mit elterlichen Rollen die vielen zurückgezogenen Väter und alleinerziehenden Mütter.


„Frauen können nicht nur Mutter und zugleich etwas anderes sein, sie müssen es sogar.“ - Herrad Schenk in "Wie viel Mutter braucht der Mensch?"

Klar wird allerdings, dass ein Kind seine Mutter als einzige Bezugsperson weniger braucht als wir denken. Und auch die Depressions- und Burnout-Raten bei Müttern verraten, dass auch sie für ihre Kinder weitere Bezugspersonen bräuchten. „Vielleicht ist es vollkommen ausreichend“, schreibt Schenk, „ihnen ein Umfeld von mehreren, im Prinzip wohlmeinenden Personen, Kindern und Erwachsenen, zu verschaffen, ihnen ein bisschen Struktur zu geben und innerhalb dieser Struktur Freiräume zu lassen.“ Was bedeutet das für die Frau?


Trotz Mutterschaft darf sie sich Freiheiten gönnen, die unnützen Schuldgefühle getrost in die Tonne treten (wenn es nur so einfach wäre) und sich in der Kunst üben, eine unperfekte Mutter zu sein. Und wenn wir die Gleichberechtigung auch in der Elternschaft voranbringen wollen, gilt laut Schenk: „Frauen können nicht nur Mutter und zugleich etwas anderes sein, sie müssen es sogar.“ Klingt gut oder? Wäre da nicht die Bindungstheorie, die bei jeglichen Diskussionen um "Fremdbetreuung" (teilweise wird dieser Begriff auf Instagram sogar verwendet, wenn der Vater betreut, lol) wie ein Pfeil jegliche feministische Gedanken zerschießt. Denn: Wer will schon, dass das eigene Kind aufgrund fehlender Bindung (oder Beziehung) psychisch krank wird? Richtig. Dabei lohnt es sich, die Bindungstheorie genauer zu betrachten und zu hinterfragen:


Analyse der Bindungstheorie: Für die feministische Einordnung lohnt sich ein genauer Blick


Der britische Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby war einer der Pioniere in der Bindungsforschung. Er hat die Bindungstheorie formuliert, in der es um ein angeborenes Bedürfnis aller Menschen nach intensiven Beziehungen zu ihren Mitmenschen geht. Auf ihr basiert auch das nicht-wissenschaftlich angelegte Konzept des Attachment Parentings (AP) – das ich hier nicht schlecht machen, aber auch nicht vollends absegnen möchte.


AP macht sich klar zum Ziel, die Mutter-Kind-Beziehung zu stärken, indem Babys nach der Geburt direkt auf die Brust der Mutter gelegt werden (wissenschaftlich erwiesen ist, dass dies langfristig keine Bedeutung für die Mu-Ki-Beziehung hat), sie bei den Eltern im Bett schlafen, schreiend sofort hochgenommen und getröstet, nach Bedarf gestillt werden (und das bis ins Kindesalter, so lange sie wollen) und vieles mehr. Ich kenne by the way keine Mutter, die komplett ohne schlechtes Gewissen abgestillt hat. Und natürlich gibt es moderne AP-Väter, jedoch haben die nun mal noch keine Milchbrüste entwickelt.


Viele Konzepte und Texte haben die Bindungstheorie von Bowlby als Ansprüche an das mütterliche (!!!) Engagement formuliert.

Klartext: Viele Konzepte und Texte haben die Bindungstheorie von Bowlby als Ansprüche an das mütterliche (!!!) Engagement formuliert. UND: Bei nicht Erfüllung werden Ängste geschürt, welche die langfristige mentale (und damit auch körperliche) Gesundheit des Kindes betreffen. Eine nicht gerade feministische Entwicklung ... Kein Wunder, dass Mütter große Angst vor einer Fremdbetreuung bekommen, wenn sie somit ihren für die Kinder existenziell wichtigen Attachment-Parenting-Aufgaben nicht mehr nachkommen können.


Zum Glück kommt hier die Aufklärungsarbeit, die man nicht oft genug wiederholen kann:


John Bowlby hat in seinem ersten veröffentlichten Band zur Bindungstheorie klargestellt:


„Es wurde mir [...] zugeschrieben, dass das Bemuttern von der natürlichen Mutter eines Kindes ausgehen müsse und auch, dass das Bemuttern ‚nicht ohne Gefahr ist, wenn es auf verschiedene Figuren aufgeteilt wird’. Ich habe nie derartige Ansichten ausgedrückt“. - John Bowlby

Auch die „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte“ stellt fest: „Die Aussagen der Bindungstheorie und die Ergebnisse der Bindungsforschung haben noch nie ausgereicht, entweder pauschal für oder gegen Krippenerziehung Stellung zu beziehen.“


Kinder brauchen nicht unbedingt ihre leiblichen Mütter, sondern eine sichere, bemutternde Bezugsperson


Der Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer hat im Interview mit dem österreichischen Nachrichtenmagazin Profil gesagt, dass es im Leben eines Kindes wenigstens eine zentrale Bezugsperson geben sollte, „die fürsorglich ist, der das Wohlsein des Kindes echtes Anliegen ist und die ihm das auch vermitteln kann. Das Geschlecht ist dabei nicht so wichtig.“ Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung nicht unbedingt ihre leiblichen Mütter, sondern mindestens eine sichere, bemutternde Bezugsperson. Diese Ansicht teilt auch Herrad Schenk („Wie viel Mutter braucht der Mensch“). Sie verweist auf Studien, die bestätigen, dass alle erwachsenen Menschen angeborene Reaktionsmuster im Kontakt mit Neugeborenen aufweisen (S.139). Bemuttern kann, wer sich verbindlich zuständig fühlt.


Versteht mich nicht falsch: Natürlich leiden von Eltern vernachlässigte Kinder - auch wenn die Betreuung in der Kita hervorragend ist. Aber Kinder, die privat eine gute Beziehung zu einer bemutternden Person pflegen, werden laut zahlreicher Studien langfristig auch bei einer mittelmäßigen Betreuung keine Schäden davontragen. Umgekehrt können allerdings Erzieher*innen für positive und korrigierende Erfahrungen bei den Kindern sorgen, wenn sie in unsicheren Phasen als sichere Basis dienen.


Die meisten Studien zur mentalen Entwicklung stellen keinen Unterschied durch Fremd- oder Heimbetreuung fest


Tatsache ist, dass die meisten Studien bei der mentalen Entwicklung (persönlich, kognitiv etc.) von Kindern keine Unterschiede durch Fremdbetreuung oder Heimbetreuung feststellen können. Und wenn doch, dann gleichen sie sich schon nach den ersten Schuljahren wieder aus.


Spannend ist übrigens der Ost-West-Vergleich der Eltern-Kind-Bindung vor der Wende. Denn man könnte fürchten, dass im Osten, wo eine lange Tagesbetreuung ab dem ersten Jahr normal war, die elterliche Bindung litt. Dazu schreibt Herrad Schenk: „Neuere Studien zeigen [...], dass die Familienbindungen in Ostdeutschland enger sind und von den Kindern positiver und herzlicher erlebt wurden als die in Westdeutschland.“ (Sie verweist auf Sylvia Meise, 1995, S. 32-37)


Ob Fremdbetreuung oder nicht: Vor allem zählt, dass Kinder wenigstens eine sichere Bindung aufbauen können. Damit dies auch bei Erzieher*innen möglich ist, empfehlen Pädagog*innen, dass auszubildende Erzieher*innen ihre eigenen Bindungshintergründe und –modelle checken und gegebenenfalls aufarbeiten.


Und für die elterliche Betreuungszeit gilt: Quantität ist wichtig, Qualität ist wichtiger. Wer Müttern einreden will, dass sie die einzigen wären, die sich um ihre Kinder kümmern könnten, will wohl auch, dass sie abends pünktlich warmes Essen auf dem Tisch bringen.


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Für weiteres Lesematerial empfehle ich unseren Buchtipp "Mutter.Sein." von Susanne Mierau.

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